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Männerbünde - MCs und Schlagende Verbindungen I

Erstellt von Kroni, 28.03.2010, 16:04 Uhr · 24 Antworten · 3.840 Aufrufe

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    Standard Männerbünde - MCs und Schlagende Verbindungen I

    #1
    Die HA und die Banditios halten das Thema in den Schlagzeilen – vielleicht mal Zeit, sich über MCs „grundsätzliche“ Gedanken zu machen.


    Vorweg: ich persönlich habe nur recht wenige Berührungen zu MCs. In Hildburghausen, wo wir diesen Winter hingezogen sind, gibt es einen, der gehört zum „Gremium“-Imperium, und veranstaltet jedes Jahr zum 1. Mai die Saisoneröfnung der „Biker-Union“ in Hildburghausen – gemeinsam mit der „Biker Union“ und der Stadt. Ich hab mirs noch nie angetan, weil ich solche Massenveranstaltungen eigentlich nicht mag, aber dieses Jahr sind wir mittendrinn statt nur dabei, ob wir wollen, oder nicht …wir werden es ja sehen (und hören).


    Die wenigen Begegnungen, die ich mit den MCs und ihren membern hatte, waren durchweg positiv gewesen: gastfreundlich und hilfsbereit, auch dann, wenn sie in größerer Truppe auftreten.


    Was ich aus diesen wenigen Begegnungnen und Gesprächen, aus dem, was ich in der Presse und dem Netz über die MCs gelesen habe, ergibt für mich eine interessante Parallele: nämlich zu den „schlagenden Verbindungen“, die es an den Universitäten gibt. Da war ich zu Studentenzeiten mal Mitglied gewesen – bin allerdings nach einigen Semestern wieder ausgetreten. Immerhin kenne ich diese „Szene“ von innen – wenn auch meine Kenntnisse schon über 20 Jahre alt sind.


    Das erste gemeinsame: beide „Clubs“ haben mit Vorurteilen zu kämpfen. MCs gelten als „harte Rocker“, die mit Prostitution und Drogenhandel etc. ihr Geld verdienen – schlagende Verbindungen gelten als Horte rechtsradikaler Gesinnung. Beides stimmt gelegentlich, aber in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle ist beides falsch. Ich würde es mal umgekehrt herum sehen: ich halte den Anteil der Zuhälter und Drogenhändler in Motorradclubs ebenso für statistisch vernachlässigbar, wie den Anteil von Rechtsradikalen in schlagenden Verbindungen. Die Fälle, die es gibt, werden aufgebauscht, Vorurteile bedient und verstärkt. Den „öffentliche Meinung“ mag weder die einen, noch die anderen – warum eigentlich ?


    Nun: sowohl die Vereine mit der Kute, als auch die mit dem „Couleur“ (was nichts anderes als „colour“ bedeutet) grenzen sich stark von der allgemeinen Gesellschaft ab und halten mit langer Tradition an ihrem eigenen, der Öffentlichkeit kaum bekannten Regeln fest – auch dann, wenn sie mit den staatlichen Regeln kollidieren. Das mag der Staat nicht – und die „staatstreue Öffentlichkeit“ der sogen. Medien erst recht nicht.


    Gemeinsam ist beiden auch die Sozialstruktur: Man ist offen für Interessierte, jeder kann irgendwann im Laufe des Jahres mal hingehen - „unverbindlich“. Nicht immer sind aussenstehende Gäste erwünscht, aber stets werden auch spezielle Veranstaltungen, Termine und Clubabende extra für interessierte Aussenstehende veranstaltet, zu denen man sich höflich und respektvoll verhält – und das aber auch andersherum erwartet.


    Wer einem MC oder einer schlagendenden Verbindung näher treten will, Mitglied werden will, muß eine Art von „Karriere“ durchlaufen: der „hangaround“ der MCs heißt bei den Verbindungen „Spefuchs“, der „Fux“ oder „Fuchs“ (die Schreibweise varriert je nach Tradtion) der Corps und Burschenschaftler ist nichts anderes als der „Prospect“ des MC. Sogar die Symbolik ist ähnlich: der „Fuchs“ trägt zwar die Symbole seiner Verbindung, aber nur in reduzierter Form – genauso wie der „Prospect“ eines MC, und ist irgendwo deutlich der „Schütze Arsch“, der sich in irgendeiner Form zu bewähren und Engagement für seinen Club zeigen muß. Nach kürzerer oder längerer Zeit, der Absolvierung von Initiationsriten und „Mutproben“ - bei den Verbindungen: die Mensur ! - wird das neue Mitglied zum „Burschen“ bzw. „Member“ befördert, was bei beiden Clubs nach tradierten Ritualen abläuft, und mehr oder weniger exzessiv befeiert wird.
    MCs wie Corps, Burschenschaften, Landsmannschaften etc. werden von einem Dreiköpfigen „Vorstand“ geführt. Der „Präsi“ heißt bei den Verbindungen „Senior“, der „Vice“ heißt „Sub- oder Consenior“, der Dritte im Bunde ist der Kassenwart, dessen Aufgabe die undankbarste ist: die Kasse ist permanent leer, und will wieder gefüllt werden – er trägt das Schicksal eines jeden Finanzministers. Für den „Roadcaptain“ des MC gibt es bei den Verbindungen keine Entsprechung – ebenso wie der „Fuchsmajor“ der Verbindungen bei den MC nicht bekannt zu sein scheint: ein spezieller Verantwortlicher für die „prospects“ und „hangarounds“.


    Beide „Vereine“ sind stark vereinnahmend, verlangen viel Zeit und Engagement. Der Club, die Verbindung werden zu einer regelrechten „peer group“, einer Art von Familie. Die Bindungen sind sehr intensiv, unbedingte Loyalität zum Club und weitreichende Solidarität zum „Bruder“ - auch die Verbindungsstudenten nennen sich „Brüder“ ! - werden erwartet und eingefordert: „Your brother maybee right or wrong – he will always bee your brother!“ - diesen berühmten Spruch der MCs würde jeder Corpststudent oder Burschenschaftler bedenkenlos unterschrieben. Auch verlangen beide Vereine von ihren Mitglieder recht happige Beiträge – immerhin will ein „Clubhaus“ oder ein „Verbindungshaus“ unterhalten werden !


    Umgekehrt bieten diese Vereine ihren members auch ihrerseits jede Menge von Vorteilen, die sehr handfest werden können: wer keinen job hat, bekommt einen besorgt – man kann sich auf die Hilfe seiner Brüder in allen Lebenslagen verlassen. Wie intensiv diese Hilfe ist, hängt vom einzelnen „member“ und seinem Club ab. Aber ein Mindestmaß ist stets vorhanden, und das ist in der Regel schon weitaus größer, als die Hilfestellungen, die man von seinem Fußballclub oder Karnevalsvereinskollegen erwarten kann. Diese Hilfe kann in beiden Fällen auch über den Rahmen des Gesetzes hinausgehen. Mir sind aus dem Milieu der MCs keine Fälle persönlich bekannt geworden – aber aus dem Verbindungsstudentischen Milieu sehr wohl. Es sind andere Arten von Delikten, um die es dabei geht. Verbindungsstudenten, auch „Alte Herren“ beschäftigen sich nur höchst selten mit Betäubungsmitteln oder Zuhälterei. Aber sie beschäftigen sich mit öffentlichen Ausschreibungen, Stellenbesetzungen, Kreditvergaben, Promotionsverfahren, Verfahren vor Gerichten und Behörden usw – eine diskrete Angelegenheit, über die man nie etwas in der Presse liest, oder nur höchst selten. Beim Unrecht fliesst hier, im Gegensatz zu den „typischen“ Untaten, die man den MC immer gerne nachsagt, kein Blut – die Straftaten finden am Schreibtisch statt, es gibt keine Zeugen, keine Beweise, kein nichts. Und wenn mal etwas hochkocht, dann geht es schnell wieder unter, weil keine Gewalt im Spiel ist und Verbindungsstudenten nach aussen sowas von seriös und staatstragend auftreten, das man ihnen solch gelegentliche „Ausrutscher“ nicht sonderlich übel nimmt.

    Ein gutes Beispiel liefert der "Untertan" Heinrich Manns: Als der Corpsstudent Dietrich Heßling unter seinem Wehrdienst übelst leidet, bekommt er von einem "Alten Herrn" seines Corps "Neoteutonia" ein Gefälligkeitsattest, aufgrund dessen er vorzeitig entlassen wird.


    In beiden Vereinen gilt auch das „Lebensbundprinzip“: man kann nicht einfach austreten und woanders wieder eintreten, wie es einem gefällt. Einmal aufgenommen, bleibt man lebenslang Mitglied, und wenn man stirbt, steht zumindest eine Abordnung vom Club mit dem Präsi an der Spitze am Grab – häufig wird ein Symbol auf den Sarg gelegt oder geworfen: in den Farben des Clubs oder der Verbindung. „See you in chapter heaven !“ Zu Lebzeiten kann man nur ausgeschlossen werden und ist dann wirklich: draussen.


    Verbindungen wie MCs haben ihre Dachverbände, größere Vereinigungen von einzelnen Clubs. Mit anderen Clubs unterhält man freundschaftliche oder weniger freundschaftliche Beziehungen – man rauft sich mitunter. Bei den schlagenden Verbindungen geschieht das durch eine spezielle Form der Mensur, der „pro-patria-suite“, kurz „PP“ genannt: mehrere „members“ fechten auf speziellen „Pauktagen“ gegeneinander, jeweils paarweise. Blut fließt meistens bei diesen „Pps“, die Verletzungen bleiben jedoch bis auf die heutezutage eher unerwünschten und ärztlicherseits bekämpften „Schmisse“ in aller Regel harmlos. Diese in den 50er Jahren durch die Gerichte legalisierte Form des Rumprügelns gibt es bei den MCs allerdings nicht – jedenfalls meines Wissens nach nicht. Wenn dort geprügelt wird, dann richtig – nehme ich an. Dafür ist die Hemmschwelle zum Rumprügeln bei den schlagenden Verbindungen deutlich niedriger. Immerhin müssen die „Burschen“ ja auch ihre „Pflichtmensuren“ schlagen !


    Beide Vereinigungen haben ferner „supporters“ - unterstützende Mitglieder, die nicht dem vollen Kodex von Pflichten und Rechten unterliegen, aber mehr oder weniger regelmässige Beiträge in die Clubkasse abführen, und auch mit dabei sind, wenn es was zu feiern oder wichtige Entscheidungen zu treffen gibt.


    Diese „supporters“ sind bei den schlagenden Verbindungen die „Alten Herren“ - und diese sind das wirtschaftliche Rückgrat der Verbindungen. Ihre Jahresbeiträge sind sehr hoch – in meiner Zeit betrugen sie 500 – 1000 DM / Jahr, manchmal noch darüber hinaus. Damit wird das Clubhaus und der „Clubbetrieb“ finanziert – die Jahresbeiträge der „Aktiven“ jungen Studenten sind dagegen sehr niedrig, ebenso die Mieten für die „Burschenzimmer“ auf dem Verbindungshaus, wo viele „Aktive“ auch tatsächlich regelmässig während der Vorlesungszeit wohnen.

    (Fortsetzung folgt)

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    Standard Männerbünde - MCs und Schlagende Verbindungen II

    #2
    Und hier gibt es einen wesentlichen Unterschied: „Alte Herren“ in diesem Sinne sind bei den MCs unbekannt. Bei den schlagenden Verbindungen wird man in aller Regel „philistriert“, zum „Alten Herren“, wenn man sein Studium abgeschlossen, eine „Lebensstellung“ erreicht hat. Dann hat man keine Pflichten mehr ausser dem Jahresbeitrag, aber kann jederzeit erscheinen, mitfeiern und auch rummosern, „Verbindungspolitik“ machen. Insbesondere sind „Alte Herren“ nicht mehr zum fechten verpflichtet. Bei Verstößen gegen den strengen Ehrenkodex, den „Comment“, stritt bei Beteiligung von „Alten Herren“ ein förmliches „Ehrengericht“. Ob es solche „Ehrengerichte“ bei den MCs auch gibt, würde mich mal sehr interessieren, nur so nebenbei.


    Dieser Unterschied liegt in der Natur der Sache: MCs sind Verbindungen von Motorradfahrern, und Motorrad fährt man in aller Regel solange, bis mans nicht mehr auf bzw. vom Bock wieder runterschafft. Schlagende Verbindungen sind Studentenverbindungen – irgendwann hört man auf zu studieren, der Gammelstudent, der nach 42 Semestern Soziologiestudium in Rente gegangen ist, gehört der romantisch verklärten Vergangenheit an. Man verlässt die Uni, die studentische Lebensweise – wird zum „Philister“, zum „Spiesser“: zum „Alten Herrn“, der aber über seine Verbindung immer wieder den Kontakt zur Jugend hält.


    Die „Alten Herren“ bieten zuweilen auch nach Art eine umgekehrten Generationenvertrages ihren jüngeren „Brüdern“ Hilfestellungen im Beruf an.


    Für schlagende Verbindungen wie für MCs dürfte jedoch gelten: es gibt ein mehr oder weniger durchorganisiertes Netzwerk, daß international sein kann. Die Verbindungen und Alten Herren des „Hohen Kösener Seniorenconvents-Verbands“, wie der zu meiner Zeit größte Dachverband der „Corps“ hieß und heute noch heißt, sind kreuz und quer über den deutschen Sprachraum verteilt, in Europa und Übersee wird’s dann etwas dünner. Jeder Corpstudent findet auf diese weise in fast jeder Kleinstadt einen Anlaufpunkt im „AHSC Stammtisch“, einem Stammtisch „Alter Herren“ unterschiedlichster Verbindungen, an dem man Platz nehmen kann – genauso wie ein „Angel“ aus Stuttgart wohl keine Probleme hat, wenn er nach Hamburg zieht: das dortige „Chapter“ nimmt ihn gerne bei sich auf, und bietet Hilfestellungen: Übernachtung, Wohnungssuche, Jobsuche usw.


    Schlagende Verbindungen wie MCs rekrutieren sich ausschließlich unter Männern. Frauen sind als Gäste gerne gesehen, aber Vollmitgliedschaft ist Frauen allermeist verwehrt. Gleichwohl gibt es eine erstaunliche Anzahl von „Rockerbräuten“ und „Corpsmietzen“ - bei den Corps und anderen Verbindungen ist es zB möglich, einer Frau eine Art „Ehrenmitgliedschaft“ angedeihen zu lassen – sie wird berechtigt, ein spezielles „colour“ zu tragen. Ich weiss es nicht, wie es bei den MC ist, aber so etwas ähnliches wird es auch dort geben, nehme ich an. Von Frauen, die bei MCs vollberechtigte "members" werden, hört und liest man dann und wann, aber es bleiben Ausnahmen. In meiner Zeit als Verbindungsstudent erlebte ich auch Experimente einzelner Verbindungen, die Frauen als "Burschen" aufnahmen, die dann sogar fechten wollten - aber kein einziger Verbindungsstudent, der damals etwas auf sich hielt, hätte mit einer Frau gefochten.


    Verbindungsstudenten sind Studenten, Akademiker. Motorradfahrer sind Motorradfahrer – die Gruppen überschneiden sich, sind aber nicht identisch. Verbindungen sind häufig gesellschaftlich etwas elitär, halten auf gute Umgangsformen. Bei offiziellen Veranstaltungen ist Anzug oder Smoking Pflicht – die „Couleur“ in Form eines schmalen Schulterbandes und einer farbigen Mütze wird darüber getragen: es ist die „Kute“ der Verbindungsstudenten. Nur bei offiziellen Veranstaltungen tragen die „Chargen“, der Vorstand und sonstige Funktionsträger den „Vollwichs“, der heutezutage etwas grotesk anmutet, und Kavallerieuniformen aus der Zeit der „Befreiungskriege“ gegen Napoleon nachempfunden ist. In diesem „.....“ wird dann auch bei Hochzeiten, Beerdigungen und anderen Festen „chargiert“, eine Art von Ehrenwache gehalten.


    A propos Ehre: gemeinsam für beide Vereine ist die hohe Bedeutung ihres Ehrenkodex'. Man hat einander respektvoll zu begegnen, bestimmte Formen des Umgangs sind manchmal bis ins kleinste vorgeschrieben – Grußformeln, Anreden, Tisch- und Trinksitten. Man nennt dies bei den Verbindungen den „Comment“. Darüber, ob irgendetwas „commentgemäss“ ist oder nicht, wird auch gerne intern mehr oder weniger erbittert gestritten. Es gibt bei beiden auch den „point d'honneur“, Beleidigungen, die nicht ungesühnt bleiben dürfen, wie zum Beispiel Verunglimpfungen der „Colours“: Aussenstehende dürfen keinesfalls die Farben der Verbindung tragen – tun sie es doch, gibt es Ärger. Es werden Gebietsansprüche erhoben, „claims“ abgesteckt. Manchmal gibt es auch bestimmte Symbole von fast heiligem Charakter, die von einem Aussenstehenden nicht ungesühnt angefasst werden dürfen.


    Gemeinsam sind beiden Vereinigungen auch ihre Rituale, die eine mehr oder weniger lange Tradition haben. Die Rituale der Verbindungen reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück: altertümliche Gewänder, Redeweisen, Symbole. Zu diesen Ritualen gehören gelegentliche bis regelmässige exzessive Besäufnisse, die bei den Verbindungen als „Kneipe“ oder gar festlicher „Kommers“ mitunter sehr streng formalisiert sind. Es gibt Aufmärsche, Ausfahrten, die schon erwähnten Ehrenwachen. Die Aufnahme in eine Studentenverbindung ist ein feierliches Gelöbnis, das oftmals an die Sitten der Freimaurer erinnert: in einem abgedunkelten Raum, der nur von Kerzen schummerig erleuchtet ist, wird vor bzw. über den Symbolen der Verbindung ein Gelöbnis gesprochen, manchmal gar ein Eid geleistet, Hände geschüttelt und umarmt – und dann wird gefeiert bis in die Puppen. So war es jedenfalls seinerzeit bei mir gewesen.


    Ein „inoffizielles“ Ritual aus der Kultur der Verbindungsstudenten möchte ich beispielhaft für viele beschreiben: den „Hammerschmidt“, der angeblich von den Berghochschulen stammt:


    Wer einen Hammerschmidt zusammen „reibt“, stellt sich auf knapp doppelte Armlänge seinem Partner mit einem wohlgefüllten Glaskrug mit Bier gegenüber. Es wird ein Lied gesungen, und an festgelegten Stellen prostet man sich zu, reibt die Gläser aneinander, und trinkt sie am Ende des Liedes auf ex aus. Dann reibt man die Gläser nochmals aneinander, beide holen aus, und schlagen die leeren Krüge heftig aneinander, so daß das Glas zespringt. Im Idealfall hält man nur noch den Henkel in der Hand, Glassplitter spritzen umher – ungefährlich ist der „Hammerschmidt“ keinesfalls, insbesondere kommen komplizierte Handverletzungen gerne vor. Deswegen ist der „Hammerschmidt“ auch bei den meisten Verbindungen offiziell verboten, seine Veranstaltung wird vom „Convent“ bestraft – die Strafe besteht meist in dem Ersatz der Krüge und einer kräftigen „Beifuhr“, eine Geldstrafe. Gleichwohl wird der „Hammerschmidt“ immer wieder gerieben, ich selbst habe das 2-3x getan seinerzeit. Wer zusammen Hammerschmidt gerieben hat, schließt meistens damit eine engere freundschaftliche Beziehung – den Hammerschmidt zusammen reiben setzt ohnehin Sympathie und ein gewisses Vertrauen voraus.


    Ich könnte mir ohne weiteres vorstellen, daß genau dieses oder sehr ähnliche Rituale auch bei den MCs ablaufen könnten.


    Das Ganze wird aber auch immer wieder selbstironisch „karnevalisiert“ - so ist es in Verbindungskreisen ein beliebtes Spiel, gewisse repräsentative Einrichtungsgegenstände aus anderen Verbindungshäusern bei Party, „Kneipen“ usw. zu „entführen“ und diese Geisel dann gegen ein Faß Bier wieder auszutauschen. Das Bier wird natürlich gemeintschaftlich getrunken und Party gemacht. Das darf man aber nur unter befreundeten Verbindungen tun – ansonsten gibt’s richtig Stunk !


    Soviel zu dem, was ich an Parallelitäten dieser auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Welten entdecken konnte.


    Aus dem Corps, dessen „Bursch“ ich gewesen war, bin ich wieder ausgetreten – auf Antrag „ohne Band“ entlassen worden. Mir war die soziale Bindung zu eng gewesen – ich habe eine so enge und starke soziale Verpflichtung nicht ertragen. Ich bin nun mal ein einzelgängerischer, sehr individualistischer Typ. Deswegen ist auch eine Mitgliedschaft in einem MC für mich völlig uninteressant. Aber ich respektiere beide Formen von „Vereinen“, von sozialen Strukturen – für viele, denen Gemeinschaft und soziale Einbindung sehr wichtig ist, mögen sie genau das richtige sein. MCs haben immerhin den Vorteil, daß man kein Abitur und keine akademische Ausbildung braucht, um „member“ werden zu können – man muß nur Motorrad fahren. Corps und Burschenschaften haben den Vorteil, daß man zwar „Akademiker“ sein muß, aber dafür kein Motorrad zu fahren braucht.


    In manchen alten Universitätsstädten vor allem im west- und süddeutschen Raum spielen die Verbindungen im öffentlichen Leben nach wie vor eine anerkannte Rolle, sind „im .....“ mit Abordnungen bei städtischen und akademischen Feierlichkeiten dabei. Wer wissen will, wie soetwas ausschaut, möge sich mal den berühmten „Ledersprung“ an der Montan - Universität Leoben in Österreich anschauen, gibt’s sogar ne Extra Seite im Netz. Anderes Beispiel: in Erlangen war es zumindest in den 80er Jahren üblich, daß die Verbindungen ihre „Häuser“ als Wahllokale zur Verfügung gestellt haben – selbstverständlich unentgeltlich.


    Schlagende Verbindungen sind uralt – sie gehen auf die „Befreiungskriege“ gegen Napoleon zurück, also knapp 200 Jahre. Auch die MCs, die wohl nach dem II. Weltkrieg entstanden sind, blicken auf ein halbes Jahrhundert zurück: sie haben eine eigene Geschichte, verfestigte Traditionen – und sie sind, wie zB hier in Hildburghausen, auch „Partner“ der Stadt, der Öffentlichkeit, des öffentlichen Lebens, wenn die „Biker-Union“ alljährlich .ihre große Saisoneröffnung hier in unser kleinen Stadt veranstaltet – es kommen nicht selten mehr Biker nach „Hibu“, als das Städtchen Einwohner hat. Das ist nicht sehr schwer, hier wohnen gerade mal 11.000 Leute. Es kommen MCs, einzelne Members von MCs, „Abordnungen“ von den Clubs, sozusagen offizielle Delegationen. Und vom 1%-er mit seiner Harley bis zum Zahnwalt mit der jeweils allerneusten GS-Adventure machen alle Party zusammen.


    Und das finde ich eigentlich garnicht mal so schlecht !

  3. Registriert seit
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    Standard Im Prinzip ... ja aber

    #3
    Ein -rein wissenschaftlich betrachtet-etwas "unsystematischer" aber trotzdem beachtenswerter Versuch, zwei völlig verschiedene Organisationsformen miteinander zu vergleichen.
    "Schlagende Verbindungen" haben/hatten eine quasi "staatstragende" Funktion. Deren traditionell konservative(nationalistische) Ausrichtung, wird in Zukunft den ursprünglichen Sinn/Zweck dieser Institutionen, sehr wahrscheinlich eher behindern als fördern. Über diesen Sinn/Zweck, nämlich die Schaffung und den Erhalt eines sozialen Netzwerkes mit primär politischer und ökonomischer Ausrichtung, faktisch durch die gegenseitige Karriereförderung der Mitglieder, gibt es kaum Zweifel.
    Gesamtgesellschaftlich anerkannte und etablierte Honoratioren hieven "geeigneten" Nachwuchs in entsprechende Positionen.
    Wenn man jetzt hergeht und behauptet, dass im Prinzip in den einschlägigen MCs eine vergleichbare Vorrgehensweise beobachtet werden kann, dann ist das nicht unbedingt falsch. Das liegt aber nur daran, dass die Prinzipien dieser Art der Netzwerkkonzeption universell sind.
    Spätestens, wenn es darum geht die ökonomische Funktion zu konkretisieren, wirds dann kriminell. Zwangsläufig...!
    Und genau da, liegt der Hund begraben. Es geht eben keinesfalls nur um Freundschaft und Freizeit...in derartig organisierten Bündnissen. Es geht da immer schon vom Ansatz her, um handfeste wirtschaftliche Interessen.
    Deshalb wäre ich sehr vorsichtig, bevor ich diese beiden Gruppierungen hier gleichsetzen oder miteinander vergleichen würde.
    Es würde nämlich bedeuten ...
    Und genau das , ist eben nicht der Fall. Oder...?

    Michael

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    Standard

    #4
    Ich mag Radio Eriwan auch

    Und ich finde den Text sehr lesenswert. Genau wie Kuhjote schätze ich aber eher den Unterhaltungswert denn den sachlichen Gehalt des Vergleichs - aber ich bin mir sicher, dass der Text auch mit zwinkerndem Auge geschrieben wurde.
    Vielleicht um den ganz fanatisierten Clubgegnern womöglich vor Augen zu führen, wie klein der tatsächliche unterschied zwischen "guten" Corps und "schlechten" MC's ist?
    Vielleicht um denjenigen Clubanhängern den Spiegel vorzuhalten, die nun allen Ernstes glauben, mit ihrem spiessigen Clubdasein etwas ganz Rebellisches erfunden zu haben?
    Oder einfach nur, um den völlig verlorengegangenen Humor zu retten, der in einer Forumsdiskussion nie gänzlich weg sein sollte?

    Allerdings bestreite ich eine Aussage: Den schlechten Ruf der Corps. "Die" Öffentlichkeit gibt es wohl bei diesem Thema nicht. In eher konservativen Kreisen dürften Corps und schlagende Verbindungen alles andere als negativ beleumundet sein - da spielen sie nämlich durchaus eine entweder handfest wirtschaftliche oder aber romantisiert historische Rolle. Je weiter man dann nach links auf der politischen Leiste wandert, desto anrüchiger werden diese Bünde dann halt. Aber eben: Wenn wir mal mit "Die Öffentlichkeit" die meinen, die die Bildzeitung zur Meinungsbildung verwenden - da hat eine schalgende Verbindung garantiert eher einen positiven Nimbus. Leider (womit meine Einstellung dazu auch noch schnell gesagt wäre... )

    Gemeinsam haben sie das, was mich immer von MC's ferngehalten hat: Das Sektiererische. Das Abgeben der INdividualität am Eingang, das Verschworene, das Höherstellen der eigenen Regeln über alles andere.... das widert mich ziemlich an.
    Und wenn ein MC all dies nicht hat, dann ist es für mich ein ganz normaler Verein, der sich einfach lächerlich macht, weil er sich offenbar dem Rockerimage anbiedern möchte. Sonst würde er sich ja Verein nennen und nicht MC...
    Noch ein Wort zu den Schlagenden Verbindungen - ich habe da leider nur Sekundärinfos über einen ehemaligen Mitstudenten, der in Hannover ein günstiges Studierzimmer in einem verbindungshaus bezog - und dann beinahe fluchtartig verlassen musste. Dort konnte man doch beinahe schon von Indoktrination sprechen. Tägliche Versammlungen vor den Mahlzeiten, "Gespräche" (=Vorträge) zu bestimmten tagespolitischen Themen sowie Treffen mit den Ehemaligen, die ganz genau darüber wachten, welche Art Mensch dort lebte und wirkte. Damit die Kaderschmiede der eigenen Reihen nicht etwa aufgeweicht würde. Als Jörg damals lachend abwehrte, als man ihm die Mitgliedschaft ans Herz legte, wurden ihm unangenehme Zeiten vorausgesagt! Woraufhin er dann innert Stundenfrist dort verschwand.
    Ach ja: In der Zimmerannonce stand nichts von "Verbindungshaus" - da stand "Privates Studentenwohnheim"...

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    Standard

    #5
    Die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen ist - im Gegensatz zu einem hartnäckigen Vorurteil, daß vor allem unter Beamten weit verbreitet ist - nicht strafbar.

    Was klar unterlaufen wird ist der Gedanke des "Wettbewerbs", so ein Fetisch der modernen Gesellschaftspolitik: man meint, die Regeln eines sportlichen Wettkampfs unter Gentleman 1:1 auf das alltägliche Leben übertragen zu können. Wenn 10 Leute um die Wette laufen, kann man meistens den Sieger ganz klar identifizieren, und ihm den Preis zuerkennen. Wenn aber nicht 10, sondern 100 oder 1000 oder 10.000 Leute um die Wette rennen, ist der Sieger nur noch mit Methoden zu ermitteln, die auf zig Stellen hinter dem Komma angewiesen sind. Der Wettbewerbsgedanke wird pervertiert - der "Sieg" zum puren Zufall.

    Die Verbindungsstudenten fühlen sich dem Staat aufgrund ihrer Priorität überlegen: "Wir waren schon viel früher da und ohne uns gäbe es den Staat auch garnicht ! So !"

    Die "Angels", so liest man, sind aus Bomberpiloten hervorgegangen, die nach dem II. Weltkrieg den Weg zurück in die "bürgerliche Gesellschaft" nicht gefunden haben. Daher erklärt sich auch die Vorliebe für HD-Maschinen: die amerikanische Militärmaschine des II. Weltkriegs halt, deren ausgemusterte Exemplare billig zu haben und den Ex-Soldaten wohl vertraut waren. Die ersten ZyKo-Dichtungen werden sie im Granatwerferfeuer auf Malysia gewechselt haben ...

    Beide haben also eine Tradition, die den Weg zum Parastaatlichen ebnet: der absolute Geltungsanspruch des Staates wird von beiden Bünden nicht anerkannt, die ihren eigenen Regeln folgen wollen - teilweise zumindest.

    Auch haben beide ihre Wurzeln im militärischen: in den Kriegsteilnehmern des II. Weltkrieges und den begeisterten Freiwilligen der "Befreiungskriege" nach 1813. Und beide haben auch Teile der militärischen Symbolik, der militärischen Regeln übernommen.

    Das man hier, in einem Markenforum keine erschöpfenden soziologisch-kulturhistorischen Studien veranstalten kann, ist evident.

    Aber eine etwas abstraktere und vergleichende Betrachtung der MCs ist vor dem Hintergrund der Dauer-im-Kreis-Diskussion über HA und Banditos sicherlich nicht falsch.

    Gruß

    Kroni

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    Standard

    #6
    Es lassen sich weitere Parallelen finden, ich denke da an die grundsätzlich hierachische Grundordnung, Querdenker lassen sich dort nur schwer finden und und und.
    Auch andere Bünde wie Lionsclub, Rotarier oder Freimaurer schmücken sich gerne mit Wohltätigkeit, lassen sich aber nur ungern hinter die Kulissen schauen.
    Und es gibt sie, die "Weiße Kragen Kriminalität".
    Aber das sind ja zum Glück immer nur die Anderen.....
    Denn dann kann ja wieder die Sau durchs Dorf getrieben werden.

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    Standard Diskurs

    #7
    Zitat Zitat von Kroni Beitrag anzeigen
    Die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen ist - im Gegensatz zu einem hartnäckigen Vorurteil, daß vor allem unter Beamten weit verbreitet ist - nicht strafbar.
    Wenn es um die Erlangung wirtschaftlicher Vorteile geht, würde ich der Gruppe der Beamten sogar einen ganz besonderen Einfallsreichtum unterstellen. Nicht generell natürlich ... aber doch weit verbreitet.

    Was klar unterlaufen wird ist der Gedanke des "Wettbewerbs", so ein Fetisch der modernen Gesellschaftspolitik: man meint, die Regeln eines sportlichen Wettkampfs unter Gentleman 1:1 auf das alltägliche Leben übertragen zu können. Wenn 10 Leute um die Wette laufen, kann man meistens den Sieger ganz klar identifizieren, und ihm den Preis zuerkennen. Wenn aber nicht 10, sondern 100 oder 1000 oder 10.000 Leute um die Wette rennen, ist der Sieger nur noch mit Methoden zu ermitteln, die auf zig Stellen hinter dem Komma angewiesen sind. Der Wettbewerbsgedanke wird pervertiert - der "Sieg" zum puren Zufall.
    Wirtschaftlicher Wettbewerb ... so wie ich ihn verstehe, hat keinerlei Ähnlichkeit mit einem sportlichen Wettkampf unter Gentlemen

    Die Verbindungsstudenten fühlen sich dem Staat aufgrund ihrer Priorität überlegen: "Wir waren schon viel früher da und ohne uns gäbe es den Staat auch garnicht ! So !"
    Ausschließlich dieser (oder ein anderer) Staat, ermöglicht doch erst die Existenz und die freie Entfaltung dieser Burschenschaften.

    Die "Angels", so liest man, sind aus Bomberpiloten hervorgegangen, die nach dem II. Weltkrieg den Weg zurück in die "bürgerliche Gesellschaft" nicht gefunden haben. Daher erklärt sich auch die Vorliebe für HD-Maschinen: die amerikanische Militärmaschine des II. Weltkriegs halt, deren ausgemusterte Exemplare billig zu haben und den Ex-Soldaten wohl vertraut waren. Die ersten ZyKo-Dichtungen werden sie im Granatwerferfeuer auf Malysia gewechselt haben ...
    Eine wirklich heroische Betrachtungsweise. Die meisten amerikanischen Bomberpiloten im II. WK werden wohl eher in englischen Dorfkneipen ihre Erdkampferfahrungen gesammelt haben.

    Beide haben also eine Tradition, die den Weg zum Parastaatlichen ebnet: der absolute Geltungsanspruch des Staates wird von beiden Bünden nicht anerkannt, die ihren eigenen Regeln folgen wollen - teilweise zumindest.
    Wo, wenn nicht beim Militär, wird die bedingungslose Einhaltung von fremdbestimmten Regeln derart exzessiv verlangt.

    Auch haben beide ihre Wurzeln im militärischen: in den Kriegsteilnehmern des II. Weltkrieges und den begeisterten Freiwilligen der "Befreiungskriege" nach 1813. Und beide haben auch Teile der militärischen Symbolik, der militärischen Regeln übernommen.
    Zwischen begeisterten Freiwilligen und psychisch deformierten Kriegsopfern gibt es einige wesentliche Unterschiede.
    Rangordnungen durch Symbole zu formalisieren ... ist auch bei der freiwilligen Feuerwehr, in Schützenvereinen und in jedem Judoclub üblich.

    Das man hier, in einem Markenforum keine erschöpfenden soziologisch-kulturhistorischen Studien veranstalten kann, ist evident.
    Dann sollte man aber auch nicht damit anfangen ...

    Aber eine etwas abstraktere und vergleichende Betrachtung der MCs ist vor dem Hintergrund der Dauer-im-Kreis-Diskussion über HA und Banditos sicherlich nicht falsch.
    Etwas abstrakter ....sicherlich. Aber dabei dann auch bitte .... die Kirche im Dorf lassen.

    Gruß

    Kroni

    Hach...so ein kleiner Diskurs am Sonntagabend....

    Nichts für ungut Kroni. Echt fleißig und engagiert. Ich bin nur mal gespannt was passiert, wenn die üblichen Verdächtigen hier aufschlagen...

    Gruß
    Michael

  8. Registriert seit
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    Standard

    #8
    Also ich brauch keine MC und Männerbünde, da ich mit mir selber im Einklang bin, daher ist es unnötig solchem Grund - Schiet beizutreten. So ein Quack, in ääächt getz

  9. Chefe Gast

    Standard

    #9
    Zitat Zitat von Roter Oktober Beitrag anzeigen
    Also ich brauch keine MC und Männerbünde, da ich mit mir selber im Einklang bin, daher ist es unnötig solchem Grund - Schiet beizutreten. So ein Quack, in ääächt getz
    Du hast's da leicht, stellst selber schon fast eine ganze Gang dar - was soll ich aber da machen?

  10. Registriert seit
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    Standard @ Kuhjote

    #10
    Die Zitierfunktion in dieser und anderer Foren-Software erleichtert nicht die Diskussion, sondern nur die Polemik: man kann wunderbar Sätze aus dem Zusammenhang reissen und auf die "Du willst wohl damit zum Ausdruck bringen daß ..." und dann kommt irgendeine Schweinerei. Ich mag sie durchaus nicht und benutze sie höchst selten.

    Die Geschichte der schlagenden Verbindungen ist mir recht gut vertraut - und in der Wikipedia findet sie sich auch recht gut dargestellt. Die Ältesten Verbindungen führen sich noch ins zuende gehende 18. Jahrhundert zurück, die meisten indessen auf die Zeit nach 1813 bis etwa zur Jahrhundertmitte. Der Staat, den sie alle wollten, entstand erst 1871. Und interessanterweise waren es nicht die schlagenden Verbindungen, die dann in diesem wilhelminischen Gesellschaftssystem die ganz große Rolle spielten, sondern die konkurrierenden, nichtschlagenden, konfessionellen Verbindungen, die sich als Begleiterscheinung zum "Kulturkampf" ausgebreitet haben.

    Die nationale Begeisterung, die im Jahre 1813 - übrigens vom preussischen Staat anfangs stark gefördert - entstanden war, zu leugnen, zeugt von nichts als Unwissen. Die Idee der kulturell und ethnisch definierten "Nation" ist ja von Bonaparte sozusagen im Tornister seiner Grenadiere durch Europa verbreitet worden, und in der damaligen Studentenschaft auf begeisterten Aufnahme gestoßen. Die militärische Bedeutung der studentischen Kriegsfreiwilligen war nicht sonderlich erheblich gewesen, nach allem was ich weiß - begeisterte "Intellektuelle" passten nicht ins damalige Militärwesen hinein, daß immer noch von der "Schützenlinie" und ihren Salven beherrscht wurde.

    Polemisch und ebenfalls von historischem Nichtwissen getränkt ist die Anmerkung über die englischen Pubs, in denen die sich die amerikanischen Bomberpiloten den II. Weltkrieg schöngesoffen hätten. Auch hier empfehle ich mal die Wikipedia - den Artikel über den Luftkrieg im II. Weltkrieg.

    Die deutsche Luftabwehr war bis Mitte 1944 sehr effektiv gewesen, und ist erst im Herbst des Jahres unter Treibstoffmangel zusammengebrochen. Das hängt mit dem Verlust der wenigen Rohölquellen der "Achse" v.a. in Rumänien zusammen, und mit der viel zu spät erfolgenden Konzentration der Angriffe auf die Hydrierwerke, in denen man Benzin aus Kohle und Kohleprodukten herstellte. Die durchschnittliche Verlustquote betrug bis dahin 10%. Da die Piloten vor ihrer Ablösung über 20 Einsätze zu fliegen hatten, hieß dies, daß sie statistisch gesehen 2x über Feindesland abgeschossen wurden. Die sehr hohen Verlustquoten und die damit einhergehenden Probleme mit der "Moral der Truppe" führten auch immer wieder zu den Wechseln der Angriffsziele und Strategien bei der alliierten Luftwaffe. Das Bild der erdrückenden Luftüberlegenheit, daß Du und viele von uns in unseren Köpfen herumtragen, ist so nicht richtig. Es ist nur zutreffend für diese letzte Kriegsphase, in denen

    a) die deutsche Luftabwehr unter einem erschreckenden Treibstoffmangel der Jagdwaffe litt und
    b) die amerikanischen Bomber von Luftüberlegenheitsjägern bis zum Ziel und wieder zurück begleitet werden konnten. Diese standen nämlich auch erst seit 1943/44 in ausreichender Zahl und mit ausgebildeten Piloten zur Verfügung.

    Die Traumatisierung der amerikanischen Bomberpiloten ist übrigens in einem weltberühmten Roman von Joseph Heller: Catch 22 (in der deutschen Übersetzung auch: "Der IKS-Haken") beschrieben worden, der später verfilmt wurde - mit Orson Wells in einer entzückenden Nebenrolle als zynisch-korrupter General Dreedle.

    Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen schlagenden Verbindungen einerseits und MCs andererseits. Der wichtigste scheint mir das Alter zu sein. MCs gibt es in dieser Form gerade mal "nur" 50 Jahre, die schlagenden Verbindungen haben das 3-4 fache auf dem Buckel.

    Gemeinsam - und darauf kommt es mir an - ist ihnen ihre prinzipielle Absage an den Absolutheitsanspruch des Staates und Staatlicher Normsetzung.

    Richtig ist indessen - Ehre wem Ehre gebührt ! - darauf hinzuweisen, daß die Wurzeln verschieden sind: nationale Begeisterung hier, traumatisierte Kriegsteilnehmer da. Die schlagenden Verbindungen verstanden sich von ihren Anfängen her als Träger der Idee von der deutschen Nation - die Hells Angels kann man wohl nur begreifen als eine Art Selbsthilfeorganisation "traumatisierter Kriegsteilnehmer".

    In den USA gibt es heute noch eine große Motorradveranstaltung mit zehntausenden von Teilnehmern, über die vor ein paar Jahren mal, ich glaube im "Tourenfahrer" berichtet wurde: der "ride for the wall". Von mehreren Startpunkten im Westen und Südwesten aus setzten sich stets wachsende Motorradkolonnen in Bewegung, die zum Vietnam Memorial in Washington fahren, der "Wall", auf der die Namen aller Gefallenen und Vermissten eingraviert sind. Die Initatoren sind natürlich Vietnam-Veteranen. Dieser "ride for the wall" geniesst, so habe ich dem Artikel entnommen, in den USA große Sympathie. Die Kolonnen werden von ihren Etappenstädten gastfreundlich aufgenommen, nicht selten werden ihnen Verpflegung, Zeltunterkünfte, ja sogar der Sprit an den Tankstellen "gesponsert". Wenn der "ride" in Washington ankommt, steht die Stadt größtenteils still.

    Warum erwähne ich das ? Dieser "ride for the wall" entspringt - meiner Vermutung nach - einer ähnlichen Haltung, wie sie bei der Gründung der Hells Angels und der übrigen MCs vorgelegen haben mag.

    Wenn die integrativen Mechanismen eines Staates, einer Gesellschaft nicht mehr greifen - eine Vielzahl von Menschen aus diesen Mechanismen "herausfallen": dann bilden sich "selbstorganisatorisch" anderweitige Organisationen, die diese Integrationsfunktion übernehmen.

    PS: Ich mag solche Diskussionen !


 
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