O.k., dieser Text von mir ist schon vier Jahre alt, ursprünglich mal im Usenet (drm) geposted, aber gerade angesichts der ein oder anderen Debatte hier (z.B. Satire/Religionsfreiheit) und weil eben heute wieder der 31.10. ist, ist er glaube ich durchaus aktuell. Naja, lest einfach selbst, wenn Ihr Euch denn auf ein etwas längeres Posting einlassen mögt:

Motorradfahren und Denken -- ich weiß nicht, wie es bei Euch ist. Bei mir gibt es da, abhängig von Streckenverlauf, Straßenzustand, persönlicher Verfassung etc. ganz verschiedene "Bewusstseinszustände" beim Motorradfahren. Da gibt es z.B. die engagierte Kurvenhatz, wo das bewusste Denken zwar nicht gerade ausgeschaltet, aber doch auf ein kaum wahrnehmbares Hintergrundrauschen reduziert ist. Alles Bewusstsein ist auf eine saubere Linie, die richtigen Bremspunkte, die optimale Schräglage fokussiert. Alle Sinne sind in höchstem Maße sensibilisiert, über die Blickführung gibt es scheinbar einen direkten Draht von den Augen zur Kupplungs- bzw. Brems- und Gashand, zu Schaltfuß und Bremsfuß, ein zweiter Draht kommt vom Popometer, gewissermaßen ein Alarmdraht, um jederzeit notwendige Korrekturen einleiten zu können. Manchmal glaube ich, dass der Genuss einer solchen Fahrt nicht zuletzt genau darin besteht: Im "Abschalten" allen bewussten Nachdenkens (empfiehlt man nicht auch dem Stressgeplagten, einmal "abzuschalten"?).

Doch dann gibt es auch die gemütliche "Genusstour", bei der die Wahrnehmung der Umgebung im Vordergrund steht: Landschaft, Gerüche, Licht und Schatten, Wind und Wetter, Menschen am Straßenrand, die Inschrift an einem alten Fachwerkhaus, eine Dorfkirche. In diesen Fällen ist das bewusste Denken stets präsent -- aber nicht als zielgerichtetes Nachdenken über ein Problem, sondern als ein eher zufälliger Gedankenstrom, immer wieder in eine neue Richtung gelenkt durch Eindrücke am Wegesrand. Es ist also ein Element der Kontemplation in dieser Form des Motorradfahrens enthalten, aber der ständige Wechsel der Eindrücke einerseits und die Tatsache, dass zumindest ein Teil des Bewusstseins sich noch auf den Straßenverkehr konzentrieren muss (während die Bewegungsabläufe mehr oder weniger automatisch erfolgen), verhindert, dass das Denken zu "tief" gerät. Dem ganzen haftet vielmehr eine Leichtigkeit und Flüchtigkeit an, wodurch eine Gefahr gebannt wird, die sonst in jedem tieferen Nachdenken lauert: Dass es in Schwermut oder gar Verzweiflung endet. Das gilt natürlich ganz besonders an einem solch strahlendem Herbsttag wie gestern einer war. Vom Motorradfahren in bunt gefärbten hessischen und thüringischen Wäldern und von ziellosen Gedankenströmen handelt also dieses Posting.


31. Oktober. Reformationstag, oder Halloween, oder der letzte Motorradtag für Saisonkennzeicheninhaber -- für jeden hat der Tag eine andere Bedeutung. Für mich war es nur einfach ein Sonntag, für den mildes und sonniges Herbstwetter vorausgesagt war. Carpe diem, dacht' ich mir da, und fuhr mit dem Krad gen Thüringen. Hinter den Toren Kassels, im Kaufunger Wald, waren die Straßen noch feucht und laubbedeckt, das stellte wohl die Weichen dafür, es heute gemütlich angehen zu lassen. Und auch später, als die Straßen längst trocken waren, blieb es bei diesem Grundtempo, allenfalls sporadisch auf einigen Teilstrecken einmal erhöht. Der Wald war ein einziger Goldrausch, und einer der ersten Gedanken, an die ich mich erinnern kann, war der: Dass der Begriff "goldener Oktober" den Herbst hierzulande viel besser zu beschreiben vermag, als das neudeutsche "Indian Summer". In Witzenhausen, der nordhessischen Kirschenmetropole, kam dann ein Rotton dazu (mir war gar nicht bewusst, dass das Herbstlaub der Kirschbäume ein solch kräftiges Rot annimmt), und sofort war ein alter Reisetraum wieder präsent: Einmal zum wirklichen "Indian Summer" nach Kanada oder Neuengland, wo das rote Laub der Ahornbäume dominiert...

Die Grenze nach Thüringen hinterlässt noch immer, selbst nach mehr als 20 Jahren, eine Spur Verwunderung (und ja: auch Dankbarkeit) darüber, dass sie keine wirkliche Grenze mehr ist. Doch dieser Gedanke war schnell verweht. Am Kloster Zella, dessen Fachwerkbauten sich in strahlendem weiß präsentierten, kreisten die Gedanke dann kurz noch einmal um den Reformationstag, um Bauernkriege und Klostererstürmungen -- spielte da nicht Thomas Müntzer eine besondere Rolle und nennt sich das nahe Mühlhausen nicht "Thomas-Müntzer-Stadt"? Und dann plötzlich war er da, der Gedanke, der sich dann als ein roter Faden für die weitere Tour erweisen sollte, auf den ich immer wieder zurück kam, ganz egal, welche Ablenkungen am Wegesrand noch bereit standen: Der Gedanke an Friedrich Nietzsche. Sein Urteil über die Reformation ist eindeutig: "(gegen die Renaissance) hebt sich nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest zurückgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters noch keineswegs satt hatten und die Zeichen seiner Auflösung, die außerordentliche Verflachung und Veräußerlichung des religiösen Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt, mit tiefem Unmute empfanden".

In Misserode sonnte sich eine Katze mitten auf der Straße und dachte gar nicht daran, dem nahenden Motorrad Platz zu machen, mir blieb nur, sie unter ihrem gelangweilten Blick zu umkurven. Eine Sturheit, wie sie auch zu Nietzsche passt -- oder doch nur zu dem Bild, das man sich gemeinhin von ihm macht? Ich musste an Irvin D. Yalom denken, der in seinem Buch "Und Nietzsche weinte" ein anders Bild des umstrittenen Philosophen zeichnet (meine Gedanken schweiften kurz ab zu der kürzlich auf der ARD gesendeten Verfilmung, die an das Buch nicht heran reicht, bei einem solchen Thema wohl nicht heranreichen kann, aber trotzdem gelungen ist). Um jedenfalls meinen weiteren Gedankenströmen folgen zu können, die um Yaloms Buch kreisten, ist wohl eine ganz kurze Inhaltsangabe angezeigt:

Der Roman zeichnet sich durch die Verbindung realer Personen und realer Geschehnisse mit einer fiktiven Handlung aus. Die russische "femme fatale" Lou Salome bittet den Wiener Arzt Josef Breuer, Nietzsche von seiner Obsession für sie zu heilen, mittels der Gesprächstherapie, die Breuer erstmals bei Bertha Pappeheim angewendet hatte (Breuer publizierte diesen Fall später gemeinsam mit seinem Freund Sigmund Freud in den "Studien über Hysterie"). Nietzsche erweist sich als schwieriger Patient, der sich nicht helfen lassen will, und Breuer gelingt der Zugang letztlich nur dadurch, dass er selbst vorgibt, sich von Nietzsche mit Hilfe von dessen Philosophie seinerseits von seiner obsessiven Liebe zu der Patientin Bertha Pappenheim heilen zu lassen. Im Laufe ihrer Gespräche wird Breuer dann tatsächlich zu Nietzsches Patient.

Zwischen Falken und Nazza fuhr ich in einen Feldweg, um eine kurze Pause in der Sonne zu machen und die Aussicht zu genießen. Lautes Geschrei lenkte meinen Blick zum Himmel, wo ein Verband Kraniche gen Süden zog. Plötzlich löste sich die Keilform auf, der Verband begann, schräg über mir zu kreisen -- vielleicht auf der Suche nach Thermik, vielleicht überlegten sie aber auch, ob sich der weite Weg nach Nordafrika wirklich lohne, wo es doch hier so schön ist...

Nietzsche hilft Breuer schließlich, indem er ihm einen "Gedanken schenkt": Was wäre, wenn wir unser Leben nicht einmal, sondern unendlich oft leben müssten? Und zwar genau das Leben, das wir jetzt leben, bis in jede Einzelheit. Was wäre also, wenn wir unsere Entscheidungen nicht für einen Moment, sondern für die Ewigkeit treffen müssten, wir uns also jederzeit fragen müssten, ob wir das, wofür wir uns entscheiden, unendlich oft immer wieder neu erleben wollen? Nur wenn diese Vorstellung für uns nichts Schreckliches hat, leben wir richtig, so Nietzsche.

Als ich auf Treffurt zu gefahren bin, leuchtete über der Stadt der Herbstwald, zwischen den Bäumen ragte die Burg Normannstein hervor. Der Gedanke, diesen Moment, die ganze heutige Tour unendlich oft wiederholen zu können, hatte (und hat) überhaupt nichts Schreckliches an sich, ganz im Gegenteil. Was mich weiter zu meinem von Moritz Schlick inspirierten Gedanken führte: Dass eine Leidenschaft zu haben wie das Motorradfahren, eine Tätigkeit, die man ganz um ihrer selbst willen ausführt, die also keinem weiteren Zweck dient bzw. ihren Zweck in sich selbst trägt (und die Moritz Schlick "Spiel" nennt), dass eine solche Leidenschaft für ein gelingendes Leben essentiell ist. Und dass Menschen zu bedauern sind, die bei allem Tun immer nach dem Zweck fragen. Luther, womit ich wieder beim Reformationstag war, wäre dieser Gedanke wohl zuwider gewesen.

Es war dann schließlich doch an der Zeit, einmal "abzuschalten", und auf der schönen Kurvenstrecke zwischen Weißenborn und Ober-Dünzebach (schon wieder in Hessen), gab ich, entgegen meiner unausgesprochenen Absicht für diesen Tag, nochmal kräftig Gas, kostete jede Schräglage aus. Als ich vor der Ortseinfahrt dann das Gas wieder wegnahm meinte ich plötzlich für einen Moment, statt Epikur säße nun Nietzsche auf meinem Soziussitz.(1) Und Nietzsche lachte!

(1) Anspielung auf mein Buch "Motorradtour mit Epikur", siehe auch Sig.