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Der “Wutbürger” - nach oben buckeln, nach unten treten

Erstellt von Stobbi, 03.01.2011, 08:25 Uhr · 2 Antworten · 1.077 Aufrufe

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    Standard Der “Wutbürger” - nach oben buckeln, nach unten treten

    #1
    Hier mal was lesen, ich fand es beeindruckend und erschreckend zugleich! "Quelle" Der Text wurde von mir gekürzt, sonst hätte er hier nicht gepasst

    Ein pessimistischer Ausblick
    Wussten Sie eigentlich, dass in knapp zwei Jahren Weltuntergang ist? Wussten Sie nicht? Dann wird es aber Zeit.
    Kleiner Prolog
    Weltuntergänge bzw. die Furcht davor hat es zu allen Zeiten gegeben. Verschiedene Autoren haben es verstanden, virtuos mit der Lust der Leser/Zuschauer an einem solchen Szenario zu spielen. Persönlich erinnere ich mich noch gut an den tiefen Eindruck, den der Film “The Day After” bei mir damals hinterließ. Neuere Szenarien wie “2012″ von Roland Emmerich, obwohl mit brillanten Tricks gespickt, ließen mich dagegen kalt. Emmerich hielt sich zudem nicht an die “Fakten”: Er verlegt den Weltuntergang mal eben in den Sommer, während er in Wirklichkeit am 21.12.2012 stattfinden wird.
    Wird er? Natürlich nicht. Richtig ist, dass der 21.12.2012 der Tag ist, an dem die “Lange Zählung” des Maya-Kalenders zum ersten Mal nach über 5000 Jahren zum Ausgangswert zurückkehrt. Die Details dieses Kalenders, der hochkompliziert und nur einer von mehreren Kalendersystemen ist, welche die Maya hatten, erspare ich Ihnen. Nur so viel: Diese “lange Zählung” der Maya begann vermutlich an dem Tag, der nach unserer Zeitrechnung der 11.8.3114 v.C. war, und sie endet am 21.12.2012 n.C. Damit ist einerseits ein Endpunkt markiert, der bei Esoterikern und Apokalyptikern zu - bildlich gesprochen - Gebärmuttervorfällen führt. Polsprünge, Weltraumbeben, Asteroiden - es gibt nichts, was die Erde nicht treffen könnte. Googeln Sie mal einfach das Datum 21.12.2012. Andererseits ist das Datum aber auch ein Ausgangspunkt. Die Maya jedenfalls rechneten über diesen Tag hinaus. Also wird es nix mit dem Weltuntergang.
    Ich komme darauf, weil gerade der Endzeitthriller “2012″ von Brian d’Amato auf meinem Nachttisch liegt. Die wahnwitzige Geschichte: Ein Autist mit Inselbegabung reist durch die Zeit in den Körper eines Hüftballspielers der Maya (der sich gerade für den Fürsten der Stadt Ix opfern soll), um das “Opferspiel” der Maya zu Ende zu spielen, mit dem sich die Zukunft prognostizieren lässt; damit lässt sich herausfinden, was 2012 geschehen wird. Nette Science Fiction, die mit genügend Fakten gewürzt ist, um meine Bereitschaft aufrechtzuerhalten, der Geschichte zu folgen. Auch wenn das Buch ein Verlegenheitskauf war, ein schneller Griff vor einer längeren Bahnreise (die dann witterungsbedingt noch länger wurde).
    Die alte Bundesrepublik Deutschland ist untergegangen
    Fiktive Katastrophen können gute Unterhaltung sein. Reale Katastrophen nicht. In der Film- und Romanwelt können Katastrophen durch heldenhaften Einsatz abgewendet werden. In der Realität gelingt das nicht, denn wir scheinen blind für diese Katastrophen zu sein. Während die Katastrophe bei Emmerich für jeden erkennbar mit einem gigantischen Knall kommt, entstehen die meisten unserer realen Katastrophen aus schleichenden Entwicklungen. Egal ob globale oder regionale, bereits stattfindende oder erst entstehende Katastrophen, egal ob Hunger, Ressourcenknappheit ohne angemessenes Umsteuern, das Wiederaufflammen religiös unterlegter Konflikte, scheiternde Staaten, Euro-Crash. Die Erdgesellschaft befindet sich in einem stetigen Niedergang. Selbst im deutschen Mikrokosmos scheitern wir häufig damit, die Katastrophen, die uns bereits erfasst haben, überhaupt nur zu erkennen. Höchstens erkennen wir die Symptome. Wir können nichts gegen den Niedergang tun. Vielleicht wollen wir das auch gar nicht?
    Machen wir uns nichts vor: Die alte Bundesrepublik Deutschland mit ihrem breiten gesellschaftlichen Konsens ist untergegangen. Werte wie Solidarität zählen nichts mehr. Starke helfen nicht mehr den Schwachen. Das Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft wurde ersetzt durch das Bekenntnis zur Neuen Sozialen Marktwirtschaft, in der sich jeder selbst der nächste ist. Dieses neue Bekenntnis durchdrang die deutsche Gesellschaft als Folge der publizistischen und lobbyistischen Arbeit der im Jahr 2000 gegründeten “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” mit ihren Kontakten in höchste Politikerkreise hinein, aber die Wurzeln dieses Niedergangs sind früher zu suchen. Vielleicht kann man den Beginn dieses schleichenden Prozesses, was Deutschland betrifft, in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts ansiedeln, als in der Kohl-Regierung - wohl maßgeblich beeindruckt von den “Erfolgen” einer solchen Politik in den USA und Großbritannien - der Wille entstand, auch in Deutschland einen Niedriglohnsektor zu schaffen. Dies wiederum war, so scheint es, eine Folge des wachsenden ökonomischen Drucks durch die Globalisierung, die hierzulande Arbeitsplätze vernichtete, weil Unternehmen in Länder abwanderten, in denen Arbeitskraft, insbesondere gering qualifizierte, weitaus billiger zu haben war als in Deutschland. Also, so der Umkehrschluss, mussten die Löhne in Deutschland sinken, musste der Niedriglohnsektor ausgeweitet werden - statt das richtige zu tun und in den einzigen Rohstoff zu investieren, den wir haben: Bildung. Tatsächlich sind die Löhne über Jahre hinweg gesunken, und tatsächlich haben wir nun einen großen Niedriglohnsektor zwischen Prekariat und schrumpfender Mittelschicht.
    Das Ergebnis können wir heute besichtigen: den “Wutbürger”.
    Der “Wutbürger” ist eine Spiegel-Kreation und wurde zu Recht zum Wort des Jahres gekürt, denn sie ist dümmlich-verkürzend, in ihrer Eindimensionaltität aber wiederum zutreffend. Sie ist dümmlich-verkürzend, weil sie alle Proteste und Protestformen in einen Topf wirft: die konstruktiven, die alternative Lösungen präsentieren (S21), und die destruktiven, die sich lediglich im Anprangern gefallen (Sarrazin). Der Spiegel wollte nicht differenzieren und bringt so eine wachsende Lust an Undifferenziertheit in Deutschland auf den Punkt. Insofern ist diese Begriffskreation zutreffend - sie ist ein Schlagwort, das den Blick auf die Hintergründe zu verstellen versucht. Eines von vielen Schlagwörtern, die durch den Äther schwirren und an denen man sich abarbeitet, statt an die Dinge dahinter zu gehen. In diesem Sinne haben wir eine - von Schlagwörtern - gelenkte Demokratie.
    Die Wut des “Wutbürgers” richte sich gegen den Wandel, schreibt Dirk Kurbjuweit in seinem Spiegel-Essay, “und er mag nicht Weltbürger sein”. Er halte am Überkommenen fest. “Er fühlt sich ausgebeutet, ausgenutzt, bedroht. Ihn ärgert das andere, das Neue, Er will, dass alles so bleibt, wie es war.” Also schreit er Sarrazin-Kritiker nieder. Contenance, eine bürgerliche Eigenschaft, sei ihm fremd geworden. “Der Wutbürger macht nicht mehr mit, er will nicht mehr. Er hat genug vom Streit der Parteien, von Entscheidungen, die er nicht versteht und die ihm unzureichend erklärt werden.” Darum protestiert er gegen S21, indem er buhe, schreie und hasse.
    Allein schon wegen ihrer provozierenden Eindimensionalität wird diese steile These Zustimmung finden, und es wird darüber gestritten werden, ob sie richtig oder falsch ist. Diese Diskussion ist hinderlich, weil sie sich am Plakativen abarbeitet. Gestritten werden müsste darüber, warum es “Wutbürger” überhaupt gibt, denn nur hier findet sich der Zugang zum Verständnis der Katastrophe, die sich dahinter verbirgt. Dabei zeigt sich rasch das Offensichtliche: dass Kurbjuweit S21-Gegner und Sarrazin-Verteidiger nur dank unzulänglicher Verkürzung in einen Topf werfen kann. Die Lust an der Provokation ist seinem Text anzumerken.
    Schnauze, sonst Auge!
    Dass es S21-”Wutbürger” gibt, ist, anders als Kurbjuweit meint, eines der wenigen Hoffnungszeichen dafür, dass sich in diesem Land etwas ändern könnte. Die da protestierten, kamen aus allen Altersgruppen - es stimmt eben nicht, dass der S21-”Wutbürger” alt ist und vielleicht noch zehn, zwanzig Jahren zu leben hat, wie Kurbjuweit schreibt. Die Protestierer hatten ein Gegenkonzept für den Bahnhofsumbau anzubieten, von dem der Schlichter Heiner Geißler sagte, dass es Chancen gehabt hätte, wenn es rechtzeitig in den Entscheidungsprozess eingebracht worden wäre (oder hätte eingebracht werden können). Der Stuttgarter Protest war auch nicht hasserfüllt. Von Wut getragen war er allerdings sehr wohl. Diese Wut aber kannte Argumente. Nennen wir diese Bürger lieber kritische Bürger und reden nur noch von den anderen.
    Nach oben buckeln, nach unten treten
    Dieser Protest hat ein Merkmal, das prägend für ihn ist: Er richtet sich nicht - im Gegensatz zum S21-Protest - gegen die Verantwortlichen, sondern gegen die Opfer. Die Verantwortlichen, das wären bezüglich der Integrationspolitik - und um die geht es ja letztlich - Massen von Politikerinnen und Politikern, die es über Jahrzehnte hinweg nicht geschafft haben, Zuwanderung und Integration so zu steuern, dass sie gesellschaftsverträglich stattfinden. Politikerinnen und Politiker, die hier und da mal ein Schräubchen gedreht haben, es aber an den entscheidenden Punkten an Entscheidungsfreude fehlen ließen. Einige sind bis heute nicht dazu bereit, Deutschland als Zuwanderungsland zu bezeichnen. Diese Politikerinnen und Politiker, das darf man unterstellen, wurden von eben jenen Menschen gewählt, die sich heute in sowohl stil- als auch substanzlosem Protest als “Wutbürger” gerieren. Ihnen haben wir die Misere zu verdanken, nicht den Einwanderern, die Opfer sind - Opfer einer fehlleitenden Politik und jetzt Opfer des “Wutbürgers”.
    Es ist immer leicht, auf Schwächere einzudreschen. Das unterscheidet den Protest des “Wutbürgers”von dem des S21-Kritikers: Seine Wut richtet sich gegen Schwächere. Es ist ein eigentümlicher Reflex, den man aus der Verhaltensforschung kennt: Nach oben buckeln, nach unten treten. Es ist ein Reflex aus Ratlosigkeit, eigentlich ein Hilfeschrei, so wütend dieser auch klingt. Dieser Reflex kennzeichnet das Kleinbürgerliche am “Wutbürger”, der sich nicht hinstellt und auf die wahren Verantwortlichen zeigt, sondern sich das nächstschwächere Opfer aussucht. Wie im Kindergarten.
    Der soziale Frieden ist dahin
    “Versöhnen statt spalten” das war der Leitspruch des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau. Man muss kein Christ sein, um den Wert dieses Mottos für eine mögliche Debattenkultur zu erkennen. Doch dem “Wutbürger” geht es nicht ums Debattieren. Dabei könnte sich ja eventuell herausstellen, dass die Dinge etwas komplizierter sind, als er sie sieht. Er hat die Probleme klar erkannt, und er beharrt darauf, dass er damit Recht hat. Er ist sich selbst der nächste. Der Nächste neben ihm ist ihm gleichgültig. Es geht dem “Wutbürger” nicht darum, Probleme zu lösen, denn er braucht diese Probleme als Projektionsfläche seiner Wut. Ihm ist nicht bewusst, dass die Gründe seiner Wut andere sind als die Probleme, gegen die er sich eigentlich wendet.
    Der soziale Frieden in unserem Land ist dahin. Das ist die eigentliche Katastrophe. Eine Katastrophe, die sich über 25 Jahre hinweg aufgebaut hat und die jetzt beginnt, über uns hereinzubrechen. Ich erinnere mich an ein Wort meines Großvaters von 1978, aus der Zeit vor dem Beginn des Umbaus der deutschen Gesellschaft, den ich oben skizziert habe. Mein Großvater sagte schlicht: Besser wird es nicht mehr. Er hat Recht behalten. Es wurde seitdem schlechter. Deutschland steht heute an einem Wendepunkt. Suchen wir den Konsens - oder suchen wir die Konfrontation? Versuchen wir gemeinsam, die Probleme zu lösen (was natürlich auch beinhalten würde, Politikerinnen und Politiker zu wählen, die Problemlösungen anbieten), oder bestehen wir darauf, einfach nur Recht zu haben?
    Ich glaube, ich weiß die Antwort schon, denn nicht nur “die Mitte” bröckelt, sondern der gesellschaftliche Konsens, der dieses Land einmal ausgezeichnet hat. Er ist kaum noch vorhanden. Wenn jeder sich selbst der Nächste ist - und das ist die Folge vieler “Reformen” seit25 Jahren -, dann gibt es kein Wir mehr. Dann gibt es als letztes Mittel, um doch noch ein Wir herzustellen, nur den Rückgriff auf die Nation, also auf Nationalismus. Auch das kündigt sich im “Wutbürger” bereits an. Vielleicht hat Kanzlerin Merkel das schon erkannt und fährt deshalb in der Euro-Krise und der Europapolitik einen “deutscheren” Kurs.
    Wir leben an einem geschichtlichen Wendepunkt, und das sollten wir begreifen. Knapp zwei Jahre bis zum 21.12.2012.
    Gruß

  2. Registriert seit
    01.01.2009
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    Standard

    #2
    Diese Art Rumgeheule ist ja auch nicht neu. Protest gegen S21 gut, Protest von Sarrazin schlecht, Spiegel ganz schlecht.

    Gehört die FR eigentlich noch der SPD?

    Grüße
    Steffen

  3. Baumbart Gast

    Standard

    #3
    Zitat Zitat von Zörnie Beitrag anzeigen
    Diese Art Rumgeheule ist ja auch nicht neu. Protest gegen S21 gut, Protest von Sarrazin schlecht, Spiegel ganz schlecht.

    Gehört die FR eigentlich noch der SPD?
    Yep


 

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