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Nach 8 Monaten erneut Ersthelfer nach schweren Motorradunfall...

Erstellt von Dexter, 20.04.2014, 05:34 Uhr · 91 Antworten · 14.942 Aufrufe

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    Standard Nach 8 Monaten erneut Ersthelfer nach schweren Motorradunfall...

    #1
    Hallo zusammen ,

    wie Ihr der Uhrzeit entnehmen könnt, kann ich nach den Ereignissen von gestern Abend nicht schlafen.
    Ich kam erneut, nach dem 20.8.2013, in die Situation Ersthelfer nach einem schweren
    Motorradunfall zu sein.

    Ich bin gestern am späten Nachmittag nochmal los um eine Runde durch den Niederrhein zu fahren. War schon auf den Weg nach Hause, als ich nach einer Rechtskurve plötzlich von wild gestikulierenden Leuten aufgehalten wurde.

    Der Unfall war gerade passiert. Ein Motorrad in den Gegenverkehr geraten und frontal in einen Ford Fiesta geknallt.

    Ich hielt also an und stellte meine Maschine ab. Sofort hatte ich wieder die Bilder vom Unfall im letzten Jahr vor Augen.
    Es waren schon 3-4 Leute vor Ort, die aber mit der Situation völlig überfordert waren .

    Ich lauf um den Unfallwagen herum und sehe etwa 10-15 Meter dahinter zwei Personen im Graben liegen.
    Ein junger Mann und seine Freundin, beide 21 Jahre alt wie sich später herausstellte, wurden bei dem Zusammenprall über das Auto in den Gräben geschleudert.

    Ich wende mich zuerst dem jungen Mann zu. Die Frau habe ich erst gar nicht gesehen.
    Er liegt auf dem Rücken und ist ansprechbar.
    Ich frage ihn ob er mich hören kann und wie er heißt - Lukas.

    Schutzkleidung trugen beide nicht - gerade mal Helm und Handschuhe.
    Ich frage was weh tut. Meine Hände und Beine, antwortet er. Ich sehe die offenen Brüche beider Hände und des rechten Beines. Mir wird kurz übel, fasse mich aber zum Glück schnell wieder und frage ob ihm der Rücken wehtut- nein.

    Ich sage ihm, dass ich jetzt seine Jacke öffne und seinen Helm absetzen werde.
    Frage einen Mann, der neben mir steht, ob er den Hals des Jungen stützen kann, währen ich den Helm aufmache und abnehme. Das hat zum Glück gut geklappt .

    Der Junge fragt nach seiner Freundin Kati. Ich sage, dass noch andere vor Ort sind und sich um sie kümmern.
    Ich sage ihm, dass die Rettung gleich kommt und ich nach seiner Freundin schauen gehe.

    Offenbar hat er Vertrauen zu mir und erkennt mich mit meinen Moppedklamotten als Gleichgesinnten.
    Ich gehe also zur Freundin, die ebenfalls bei Bewusstsein und ansprechbar ist.

    Die fängt plötzlich an wie verrückt zu schreien. Andere Ersthelfer versuchen sie in stabile Seitenlage zu bringen, aber offenbar hat sie sehr starke Schmerzen - ein Beckenbruch, wie der Notarzt später vermutet.

    Ich sage den Leuten, dass sie die Frau nicht bewegen sollen, sie ist bei Bewusstsein und atmet.
    Das haben die Leute dann auch getan.

    Plötzlich schreit der junge Mann wie verrückt, ich drehe mich um und sehe, dass zwei weitere Ersthelfer versuchen ihn in stabile Seitenlage zu bringen. Ich sage das sie das Bitte lassen sollen.

    Irgendwie wirkten die Leute, fast alle jenseits der 60-70 Jahre, ziemlich konfus.
    Ich weiß nicht ob ich alles richtig gemacht habe, aber ich wusste ja schon vom letzten Mal, dass es besser ist, als gar nichts zu tun.

    Ein Stück weiter sehe ich wie man sich um die Fahrerin des Autos kümmert, die wohl nur leicht verletzt scheint.

    Und schon höre ich die Sirenen der Rettung, was mich aufatmen lässt.
    Es geht alles ziemlich schnell, die beiden Motorradfahrer werden wieder förmlich aus den Resten ihrer Kleidung geschnitten und es werden Zugänge gelegt und Irgendwelche Luftbandagen um die offenen Bruchstellen gelegt.

    Der junge Mann schreit vor Schmerzen und auch seine Freundin höre ich laut vor Schmerzen schreien.
    Ich werden gebeten die Infusionsflasche zu halten und die Rettung bringt die Trage.

    Der Junge ist inzwischen so benebelt, dass er nichts mehr mitbekommt.
    Auf die Trage und ab in den RTW. Zwei Hubschrauber landen auch kurz danach.

    Es dauert wieder eine ganze Weile bis die Verletzten in die Helikopter verbracht werden können und weggeflogen werden.

    Man, was für ein Tag.

    Die Polizei nimmt meine Personalien auf und die Sensationspresse ist auch schon vor Ort: Schulmann TV - Die Infoseite für TV-Redaktionen - Startseite. Nee was für Geier.

    Dann darf ich gehen.
    Als ich meinen Helm nehme sehe ich, dass dieser Kratzer hat, die er vorher definitiv nicht hatte.
    Auch die ins Innenpolster gekletteten Kopfhörer baumeln im Helm.

    Offenbar ist Jemand gegen den Helm getreten oder hat in gar fallen lassen.
    Ich wende mich nochmal an die Polizei und gebe das an.

    Die sagen, dass sowas versichert sei, aber wer für den Schaden aufkommt, konnten sie mir nicht sagen.

    Aber das sei hier nur am Rande erwähnt und wird sich sicher klären lassen.

    Wichtig ist, dass die Verunfallten wieder auf die Beine kommen und vollständig genesen.
    Was aus dem Jungen Mann vom letzten Unfall geworden ist konnte ich bis heute nicht in Erfahrung bringen, ich hoffe, dass ich bei den Beiden mehr Infos bekomme.


    Da fährt man jahrelang Motorrad und nun kommt man in kürzester Zeit zwei Mal in so eine Situation.
    Ich komme echt ans Nachdenken.
    Mein Kumpel stand mir gestern wieder für die ersten Gespräche zur Verarbeitung zur Verfügung, und hat auch wie beim letzten Mal angeboten, dass ich ihn jeder Zeit anrufen kann.

    Ich danke Euch fürs lesen und das ich das ich meine Gedanken hier abladen konnte.
    Hoffe ich kann das dieses Mal auch so gut verarbeiten wie beim letzten Mal.

    Werde wieder viel drüber reden müssen.
    Das hat damals auch geholfen.


    In diesem Sinne - fahrt vorsichtig und defensiv!!

  2. Registriert seit
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    Standard

    #2
    Moin Jörg,

    ich wünsche mir, das die Helfer vor Ort so besonnen wie Du sind, sollte ich mal im Strassengraben liegen!
    Respekt! Und die Bilder verschwinden bestimmt auch bald wieder aus dem Kopf......

  3. Registriert seit
    13.10.2008
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    Standard

    #3
    Gut gemacht, Jörg.
    Ich weiss leider aus eigener Erfahrung, daß diese Bilder nur schwer zu verarbeiten sind und Zeit brauchen (ich war mal bei einem Motorradunfall dabei, wo der Fahrer an Ort und Stelle verstorben ist - durch Raserei - seitdem sehe ich die Polizei-präsenz und -Kontrollen mit anderen Augen).
    Ich wünsche mir , daß in solchen Fällen mehr Leute besonnen reagieren.
    Bei einem selbstverschuldeten Unfall habe ich festgestellt, daß es enorm wichtig ist, daß man nicht alleine ist, bis der Notarzt kommt.
    Ich hoffe für dich, daß du die Bilder schnell wieder aus dem Kopf bekommst.
    Gut reagiert; weiter so.

  4. Registriert seit
    20.03.2011
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    #4
    DANKE Jörg!

  5. Registriert seit
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    #5
    Gut gemacht!������

  6. X-Moderator
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    08.11.2008
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    #6
    dem kann ich mich nur anschließen .... Ersthelfer ... ok,erstmal den eigenen Schock zu überwinden wenn man in so eine Situation reinfährt und sich nicht von den unwissenden reinreden zu lassen .... da gehört schon was zu, wobei, in der Situation selbst wird man es so nicht wahrnehmen, weil man viel zu beschäftigt ist .... nachher beim Cooldown kommen die Gedanken.

    Scherzhaft gesagt könnte man sagen " Nimm den Magneten aus der Tasche", doch was wäre dann wohl mit den Menschen passiert die du versorgt hast.

    Hut ab und Respeckt ....

    ja klar haben wir das alle beim Erstehilfekurs gelehrnt .... doch in wirklich mit Farbe und Ton sieht das alles anders aus.

    Ich wünsche dir noch schöne Feiertage und das die hier noch kommenden Posts dir helfen das zu realisieren und verarbeiten, was passiert ist.

  7. Registriert seit
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    #7
    bei der stabilen seitenlage ist mir heiss und kalt geworden.
    da können die zwei von glück reden, dass du dort warst.

    DANKE für dein engagement!

    ich wünsche dir, das du den unfall verarbeiten und für dich abhaken kannst und die freude am motorradfahren behältst.

  8. Registriert seit
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    #8
    Ich danke Euch. Das Reden, und auch das Schreiben hier, hilft. Das hat das letzte Mal schon gutgetan mit den Gedanken nicht allein gelassen zu sein.

    Der Opferschutz hat gestern auch gleich Hilfe angeboten. Ich sah, nachdem die Verletzten weg waren, wohl nicht so gut aus und hatte wohl eine ungesunde Gesichtsfarbe.

    Der fürchterliche Sensationsreporter hat sogar mich und mein Mopped geknipst - was für ein Aasgeier.
    Ein Feuerwehrmann musste ihm die Linse zuhalten, als die Verunfallten zu den Helis gebracht wurden.

    Solchen Menschen wünsche ich was, aber nix Gutes.

  9. Registriert seit
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    #9
    Moin Jörg,

    vielen Dank für deinen Bericht. Auch ich kenne die Situation zu einem schweren Motorradunfall zu kommen (junger Fahrer hat übermütig in einer Rechtskurve seinen Kumpel überholt, hat die Kurve dann leider nicht mehr bekommen und landete am Baum). Als ich hinzu kam war er noch ansprechbar, wurde aber immer "dämmeriger". Der Notarzt war recht schnell da, er wurde dann mit einem Heli ins KH geflogen.
    Ich hatte das eigentlich recht gut verarbeitet....bis ich ein paar Tage später erfahren habe, dass er den Flug ins KH nicht überlebt hat. Er war ebenfalls 21 Jahre alt. Also vielleicht ist es gar nicht so gut, wenn man im Nachhinein etwas erfährt.

    Den Verunfallten und dir alles Gute!

  10. Registriert seit
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    #10
    ...mal in kurz,
    Du hast Dich überwunden, zur Ruhe gezwungen und Deinen Verstand gebraucht.....mehr braucht es auch beim nächsten Mal nicht.
    Für den Unfall und die subobtimale Schutzkleidung der Beiden kannst Du nix und der Rest liegt in anderen Händen.....
    Von daher, gut gemacht.....wie auch immer das Ergebnis aussieht.....
    Klingt abgebrüht, ist es auch....hat seine Gründe.
    ...also erste Hilfe aktuell halten, sich überwinden und den Verstand gebrauchen und in Ruhe aber bestimmt die notwendigen Maßnahmen umsetzen....nicht sabbeln, machen. Nur so haben wir, vielleicht, das Glück ebenfalls Hilfe zu bekommen, wenn notig, ....was Wotan verhindern möge.
    cu
    CC


 
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