Das Wochenende zum GuMo Treffen hat mir wieder meine eigenen Grenzen gezeigt. Als ich mich von der netten Truppe verabschieden wolte, habe ich es besonders stark gespürt; Das bin nicht mehr ich selbst, das ist irgend jemand anderes, eine Holzpuppe. So ging und geht das nicht weiter. Darum habe ich mich entschlossen, die Notbremse zu ziehen.
Ich werde mich aus dem GS-Forum zurück ziehen. Das hat einfache persönliche Gründe und diese möchte ich versuchen, etwas zu erläutern. Es ist in gewisser Form ein "Coming out", aber nicht im eigentlichen Sinne, sondern eher als Offenbarung. Ich möchte mich nicht still und heimlich von dannen schleichen, sondern begründen, warum ich gehe.

Vorab möchte ich noch bitten, von irgendwelchen Bemerkungen, egal in welche Richtung sie gehen mögen, abzusehen. Ich werde die Moderation bitten, den Thread auch gleich zu schließen. Ihr könnt Euch Eure eigenen Gedanken machen, aber ich bitte Euch, diese nicht zu publizieren.

Ich leide seit ca. acht Jahren an Depressionen. Vielleicht könnt Ihr Euch die Situation so vorstellen: Bei jeder Form der Anforderung, bei der ich überfordert werde, verfalle ich in eine "Starre", nichts geht mehr. Verstärkend kommt hinzu, dass ich perfektionistisch veranlagt bin. Ein weiterer verstärkender Punkt ist das Thema "Angst", vor allem die Versagensangst.
Angefangen hat das Ganze mit einem "simplen" Burnout, als ich 2003 nach erfolgreicher Beendigung von fünf Jahren Technikerschule und Fachhochschulreife (berufsbegleitend) abends plötzlich viel Zeit hatte, mir mein Arbeitgeber sagte, dass er nicht genügend Aufträge habe, mich kündigte und meine letzte Beziehung beendet war (Sie war nicht mehr "verliebt", wie sie sagte.)
Danach habe ich angefangen, völlig hyperaktiv zu reagieren. Ihr könnt Euch das so vorstellen, wenn Ihr bei Eurem Motorrad welches unter Vollgas/Volllast fährt, die Kupplung zieht. Der Motor "schnalzt" in der Drehzahl nach oben. Genauso erging es mir. Ich habe sämtliche Architekturbüros und Ingenieurbüros im Landkreis angeschrieben, um wieder Arbeit zu finden; eine Schussfahrt voll gegen die Wand; wie alles andere danach auch.
(Diese erste Phase würe man auch als "Anpassungsstörung" bezeichnen.)
Ich habe versucht, in einem anderen Bereich eine Weiterbildung zu machen; als Linzux-Systemadministrator, LPI-zertifiziert. Trotz des Erfolges (Durchfallquote ~50%, Mindestpunktzahl >70%) habe ich es nicht geschafft, Arbeit zu finden. Einzig über eine Zeitarbeitsfirma in einem Call-Center für die Mitarbeiter der BA intern, habe ich eine berufliche Möglichkeit gefunden, und bin dort auch gemobbt worden; ein weiterer, sehr dicker Sargnagel.
Später habe ich mich selbständig gemacht, nach anfänglichen Erfolgen war plötzlich kein einziger Aufträgen mehr aufzutreiben.
Nach all diesen Misserfolgen habe ich mich bemüht, bei der Agentur für Arbeit den LKW Führerschein bezahlt zu bekommen. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich das okay hatte und den Schein machen konnte. (Parallel dazu hatte ich übrigens den Motorrad-Schein gemacht.)
Ich hätte es nicht tun sollen. Das einzig gute daran war der Motorradschein und die Möglichkeit, wieder etwas dazu lernen zu können. In der ersten Spedition war ich im Auslieferungsverkehr tätig. Dort hat mich der Chef permanent nur angemeckert, was ich alles falsch machen würde, auch wenn immer wieder Dementi aus dem Büro-Hintergrund kamen. (Ich möchte nichts ins Detail gehen.) Ich bin damit nicht fertig geworden und habe den AG gewechselt. Leider hatte ich zu diesem Zeipunkt nicht bemerkt, wie tief ich schon in der Kriese stecke. Beim zweiten AG bin ich vier Wochen "auf Probe" gefahren, mal im Frischedienst, mal im Auslieferverkehr, mal im Verteilerferkehr für VW. Nch drei Wochen wurde mir klar, dass ich nicht anderes als verarscht worden bin.
Danach ging gar nichts mehr. Um bei dem Bild mit dem hochdrehenden Motor zu bleiben; irgendwann "platzt" er, es geht gar nichts mehr. Und genauso ging es mir.
Zwei Bekannte, ein Sozialpädagoge und ein Psychologe hatten mir schon vorher unabhängig von einander gesagt, dass ich "externe Hilfe" bräuchte. Ich habe es in diesem Moment nicht wirklich begriffen, habe ca. ein halbes Jahr gebraucht bis ich darauf reagiert habe. Mir war das Ganze doch etas bedrohlich, ein zu großes Alarmzeichen. Ich bin zu einem im Landkreis bekannten Psychologen geganen und habe später eine Terapie angefangen. (Ich kann froh sein, dass ich einen Platz bekommen habe, da nur ca. 7% aller therapiewürdigen Patienten wirklich therapiert werden können.) Danach folgten eine achtwöchige Kur und ein halbes Jahr später ein achtwöchiger Klinikaufenthalt. Z.Z. bin ich immer noch in Therapie und nehme Abends regelmäßig Medikamente. Eine Sozialpädagogin berät mich, wieder die alltäglichen Dinge auf die Reihe zu bekommen.
Das Motorrad fahren war für mich zuerst nicht die große Leidenschaft. Mein ursprpünglicher "Lebensplan" sah vor, dass ich nach der Technikerschule die PPL (Privat-Piloten-Lizenz) mache, und danach eine Familie gründen werde. Aber dann kam der 11.9. dazwischen und die PPL wurde auch in Amerika viel zu teuer, etc, etc.
Ich habe ursprünglich nicht mit dem Motorrad fahren aus Leidenschaft angefangen. Es war für mich nur ein Punkt, an dem ich mir selbst etwas beweisen kann. "Ja, ich schaffe es!" Später dann, und der Gedanke ist heute immer noch präsent, ist das Motorrad fahren mehr zu einer Therapie-Form geworden, Angst zu überwinden; neben der damit verbundenen Leidenschaft des Kurvenfahrens. Leider schaffe ich es all zu selten, aus meinem Käfig auszubrechen. Als ich nach dem GuMo-Treffen los gefahren bin, bin ich, subjektiv betrachtet, schneller und flüssiger gefahren, aber nach ca. einer halben Stunde war auch da der Saft aus. Ich muss doch noch mehr zurück schalten und die Sache langsamer angehen.
Inzwischen bin ich, wie ich im Forum schon angedeutet hatte, Rentner, beziehe aber z.Z. noch ALG-II. Dies und die Sozialpädagogin, sind der Grund, warum ich kein eigenes Motorrad besitzen darf. Mein Besitzstand ist auf ~2600,-Euro beschränkt, was bedeutet, dass für ein Motorrad kein "Platz" in meinem Haushaltsbudget mehr ist.
Mein Wunsch ist es, eines Tages vielleicht wieder eimal einem (meinem erlernten?) Beruf nachgehen zu können, wenn möglich wieder als Bautechniker; in alle Leistungsphasen eines Architekten involviert zu sein, von der Planung über die Ausführung und Bauleitung bis hin zur Abrechnung. Vielleicht habe ich dann die Gelegenheit, ein eigenes Motorrad zu besitzen um damit die Kurven räubern zu können. Vielleicht springt dabei auch wieder eine "richtige" Beziehung heraus. Aber das alles ist noch Zukunftsmusik. Momentan muss ich noch meinen Alltag bewältigen lernen. Und das ist ein schwerer Weg, auch wenn Ihr Euch es nicht vorstellen könnt. Wofür ich vollstes Verständnis habe.

Ich bin und bleibe in Kontakt mit Gabi, vielleicht auch mit Robert, so er nicht Nein sagt und sich die Gelegenheit ergeben sollte.
Euer

Oldtimer
aka Jürgen