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Balkanien 2012 - der Bericht

Erstellt von Nordlicht, 01.07.2012, 20:57 Uhr · 28 Antworten · 3.265 Aufrufe

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    Standard Balkanien 2012 - der Bericht

    #1
    9.6.
    Nach einer regnerischen Schweizdurchquerung und einer flotten Nacht im Autozug der ÖBB ging es am Samstag sofort auf Tour. Raus aus der Stadt, raus aus dem Land. Wir wollen ostwärts!
    Und das tun wir dann auch. So schnell, dass wir bereits im ersten Land unserer Reise vergessen, uns einen Nationalitätenaufkleber zu besorgen!
    Und dann ist er da, der erste Grenzübergang, der Schritt in den ehemaligen Ostblock. Die Slowakei begrüsst uns leicht bewölkt, die Hallen und Zollanlagen sind verfallen – Grenze ist hier nur noch ein Verwaltungsbegriff.
    „Schnellster Weg“ vs. „kürzeste Strecke“
    Garministen wissen, wovon ich spreche?!
    Die Geissel des modernen Kradisten ist gleichzeitig ein Segen: Das Navi! Wir haben ein Zumo 550 und 1 660 im Einsatz. Beide mit derselben Kartenversion ausgestattet, beide haben die vorgeplanten Routen an Bord. Und auch die obige Voreinstellung wurde, passend zum Fahrzeugtyp, auf die kürzestmögliche Strecke eingestellt. Und mein Garmin legt sich mächtig ins Zeug, um auch wirklich noch den letzten Meter Abkürzung zu finden.
    So kommt es dann, dass wir mitten in der Slowakei, in Sichtweite der gut ausgebauten Landstraasse einen zuerst noch witzigen Schotterweg entlangholpern. OK, wir haben Reeiseenduros, das ist ja ein Klacks. Dann weicht allmählich der Schotter und es verbleibt nur noch ein Weg. Was auch immer zuletzt vor uns diesen Weg benutzte – es war lang her! Links ein Bach, rechts ein matschiges Feld – Naviinformationen sind hier eher zweitrangig.
    Angesichts der Bodenbeschaffenheit fragte ich mich irgendwann, wie es wohl wäre, wenn ich von meiner linken Fahrspur auf die rechte wechseln wolle. Denn dazwischen klaffte eine veritable Lücke mit Gras, Sand etc., die sich aber nicht etwa in der Waagerechten hielt, sondern auch noch eine Senke bildete. Weshalb ich meiner Linie treu blieb.
    Chrissi hingegen startete kurz darauf den Selbstversuch, nur um jetzt sagen zu können: Wer in einer solchen Situation einen Spurwechsel vornimmt, den wird’s wohl schmeissen. Sie jedenfalls hat es tüchtig auf die Schnitte gestrichen. Schneekuh hat das nun wohl 4. oder 5. Blinkerglas verloren (warum hab ich eigentlich kein Zehnerpack gekauft?) und ein klein wenig Sprit lief aus. Weshalb keine Zeit für ein Liegendfoto blieb… Wie immer war’s das dann. Die 1100 GS ist eben noch ein richtiges Motorrad und kein Plastikspielzeug!
    Genauso ist auch Chrissi aus hartem Holz geschnitzt. Selbstredend hatte sie weiche Knie, wovon eines eh schon lädiert war und nun noch mehr weh tat. Selbstverständlich hatte sie sich die Schulter wehgetan. Selbstverständlich gab es einen kleinen Schock. Aber genauso selbstverständlich half sie dabei, die Maschine aufzustellen, genauso selbstverständlich und klaglos wurde die Reise fortgesetzt!!! Wenn es darauf ankommt, ist dieses attraktive und zerbrechliche Vollweib härter als so mancher Kerl, den ich bisher kennengelernt habe.
    Der weitere Verlauf der Tour blieb ereignislos aber eindrücklich. Nach kurzer Regendrohung holte uns dann direkt an der ungarischen Grenze der Sonnengott ein.


    Schlagartig ging die Temperatur heran an 30 Grad. Wir erlebten noch etwas Ebene, bevor wir dann aufstiegen in mittelgebirgige Regionen, wo wir uns im Kurvenrausch verloren bis zum Tagesziel, dem recht bedeutenden Ort namens Eger.
    Hier hatte dann Chrissi den Job, ihrem Bauchgefühl entsprechend ein Quartier zu suchen. War es nun die Müdigkeit, Zufall oder tatsächlich diese affige weibliche Intention? Gleich das erstbeste Appartmenthaus wird angesteuert und erweist sich als absoluter Volltreffer. Für schmale 27 Euro erhalten wir bei irrsinnig netten Leuten ein grosszügiges Doppelzimmer mit Dusche, werden mit hausgemachtem Gulasch von Mutti verwöhnt, während Papa mir einen Palinça anbietet. Etwas Hochprozentiges, was früher einmal am Pflaumenbaum begann. Und nach einem knapp einstündigen Rundgang durch die wirklich schöne Innenstadt von Eger fallen wir beide dann irgendwann müde ins Bett. Ach ja, weil der Innenhof des Etablissements ausgerechnet heute durch eine Partygesellschaft beleget ist, lässt Papa solange keine Ruhe, bis ich dann gegen 22.00 Uhr unsere Maschinen noch in den Hof von Sohnemanns Haus bringe, welches in der gleichen Strasse gelegen ist. Sich um den Gast kümmern – das wird hier gelebt.
    Nach 440 km Nebenstrassen ist dies ein feiner Abschluss des Tages, wir schlafen gut und fest trotz Gewitter.
    Sonntag, 10.6.
    Wir haben ein Zimmer ohne Frühstück reserviert. Deshalb lautet der Plan, uns an der nächsten Tankstelle ausreichend zu versorgen. Doch als ich grade die Motorräder hole, kommt Mutti uns mit einem grossen Teller entgegen – natürlich gibt es für uns DOCH noch ein Frühstück, welches ein Vielfaches der verschämt geforderten 5 Euro wert ist! Wir werden verabschiedet, als seien wir wochenlang dagewesen und fahren entsprechend gerührt ab.
    Um etwas Strecke zu machen, durchqueren wir die ungarische Puszta auf der menschenleeren Autobahn (10 Tages-Vignette für ca. 4 Euro ist machbar). 100 km später endet dann das Mehrspurige und macht dem einspurigen und auch etwas eintönigen Fahren Platz. Aber es ist noch eine Zeitlang hin bis zur rumänischen Grenze. Irgendwann haben wir es aber erreicht: Das Land, um welches herum diese ganze Reise überhaupt entstand!
    Während ich noch versuche, Chrissi zu erklären, dass in diesem postkommunistischen Land die Grenzbewachung ein etwas prekäres Thema ist und dass hier auf Fotografiererei im Grenzbereich gern mal etwas heikel reagiert wird, parkiert Madame ganz entspannt ihre 1100 GS in Sichtweite der Grenzer, erwandert den Mittelpunkt der vor der Grenze befindlichen Rasenanlage und gestaltet dort in aller Seelenruhe ihr Grenzphoto. Ich zählte schon einmal meine Geldreserven für die wohl bald nötige Kaution, um dies störrische Weib aus dem drohenden Gulag zu befreien, da säuselt es mir in den Helm: „Eigentlich müsste man jetzt mit der Schneekuh direkt vor das Schild….“ Ach Holger, lass alle Hoffnung und Logik fahren, freue dich deines Lebens und geniesse die Tatsache, dass es unerfreulichere Anblicke gibt als den einer lachenden Christina…



    Dann endlich die Grenze. Der Zöllner erhebt sich von seinem Amtssitz – einer Parkbank vor dem Glaskasten – und begutachtet uns. Naja, eigentlich nur Christina. Als sein Blick es dann irgendwann vorbei an dieser und jener Wölbung vorbei bis nach oben in den Bereich der Augen geschafft hat, sieht er dort eigentlich nix, den Madame hat ja nicht mal die Sonnenbrille abgesetzt!!! Aber nach der optischen Wanderung, die der arme Mann hinter sich hatte, war eh keine solide Arbeit mehr zu erwarten – und eine Leibesvisitation wäre wohl bei aller zu erwartenden Spannung doch zu anstrengend gewesen bei der herrschenden Wärme. Also wurde durchgewunken. Ich gleich mit. Merke: In allen künftigen Situationen, in denen es gilt, männlichen Machismo auszutricksen, wird künftig Chrissi vorgeschickt. Nicht ohne auf anständigen, also knappen, Sitz der Bekleidung zu achten! Das spart effektiv Schmiergeld. Und macht nebenbei auch mir Spass J
    Hindurch. Wir sind in Rumänien. Dauer der Prozedur: Ca. 45 Sekunden! Hinter der Grenze das übliche Volk, wie es an jeder Grenze zu finden ist. Bettler, Käufer, Verkäufer. Gesindel ist evtl. nicht politisch korrekt ausgedrückt, dafür aber zutreffend.
    Egal. Konsequentes ignorieren, passend ins Geleiere eingestreutes: „Nein, hau ab!“ bringt auch fortgeschrittene Bettler dazu, irgendwann aufzugeben und zum nächsten, erfolgversprechenderen Opfer weiterzuziehen.

    Weiter, weiter, weiter. Wir wollen reisen. Satu Mare, der an sich für uns unwichtige, aber als Wegpunkt so markante Industrieort am Rand der Welt.


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    #2
    Von hier aus geht’s dann direkt Richtung Maramures, dieser so uralten und fernen Kulturlandschaft, die vor allem durch Entbehrung geprägt ist. Und durch Holzschnitzer, die ihre Kunstfertigkeit in riesengrossen Toren zum Ausdruck bringen, welche dann Grundstücke bewachen, die kaum erlauben würden, solch ein Tor einmal zur Reparatur hinzulegen. Ich habe noch nicht ganz begriffen, was diese Menschen dazu bringt, ihre handtuchschmalen Gärten mit diesen riesigen Toren zu verzieren. Die lapidare Auskunft „Zigeuner“ reicht mir nicht…
    Hier, in Sichtweite der ukrainischen Grenze, leben Menschen, die ihre ganz eigene Sprache haben. Die Zipser pflegen ihre Kultur. Einmal, weil sie buchstäblich nichts anderes haben. Aber auch, weil sie wie alle Minivölker, unbändig stolz auf ihre Geschichte sind. Leider reicht dieser Stolz manchmal nicht bis in die Gegenwart. Denn die ist vor allem eines: Schmutzig, verdreckt, verkommen. Hier ist spürbar, dass die absolute Hoffnungslosigkeit der wirtschaftlichen Situation die Menschen in Bewegungslosigkeit hat erstarren lassen. Hier sitzen alt und jung (gibt’s kaum noch…) vor ihren Häusern auf Bänken und Brettern an der Strasse und plaudern das Tagesende herbei. Eine Bewegung würde eh keinen Sinn machen, denn Geld gibt es hier schon lange nicht mehr für Arbeit. OK, es gibt ja auch keine Arbeit. Wer immer die Begriffe Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Armut bebildern möchte – hier wird er fündig! Und wer nicht begreifen kann, wie die Rumänen oder auch Sinti in unserer Wohlstandswelt bereit sind, sich so sehr zu erniedrigen, dass sie uns auf offener Strasse anbetteln, der sollte dringend hierherkommen und Folgendes lernen: Die Sinti werden hier genauso gehasst wie bei uns. Es gibt für „Zigeuner“ keinen Ort, an welchem sie wirklich willkommen sind. Es gibt lediglich ein paar Ortschaften, wo sie sich von dem Geld, was ihre Clans sammeln, irrwitzig grosse Anwesen bauen. Aber ihre uns NICHT-Sinti fremde und auch vor uns verborgen gehaltene Lebensweise und Kultur stösst eben auch hier auf Unverständnis. Und Unverständnis löst international immer das Selbe aus: Hass und Fremdenfeindlichkeit. Denn wir „Aufgeklärten“ haben ja den Anspruch, alles verstehen zu wollen. Und was wir nicht verstehen, hassen wir vorsichtshalber. Das wiederum verstehen wir nämlich sehr gut…
    Ein Drama, an welchem die Hauptdarsteller, die Roma, sicherlich nicht ganz unschuldig sind. Und dennoch bleibt es ein Drama, welches sich mitten im 21. Jahrhundert mitten in Europa abspielt. Mit Millionen von Zuschauern, von denen aber niemand hinsieht. Naja, das macht ja eben das Drama aus…



    Aber es gibt auch das: Lachende Menschen, Gruppen plaudernder Alter, die den Tag geniessen, Kinder, die spielend durchs Dorf toben um dann mit weit aufgerissenen Augen auf uns zu starren, uns zu winken oder aber das typische „Gib Gas!“-Zeichen zu machen, was wohl jeder Mensch kapiert.
    Es gibt die unwirklich schöne Natur, es gibt Menschen, die in dieser Natur ihr Leben lang hart, fast übermenschlich hart schuften, um dann am Lebensende doch nichts verdient zu haben ausser dem, was sie zum Überleben verbraucht haben. Menschen, die nie mehr als das Notwendigste besassen und dennoch irgendwie zufrieden wirken, wenn sie so am Ende des Tages und vielleicht auch ihres Lebens auf dem Bänkchen vor ihrer Hütte hocken und dem leben auf der Strasse hinterherschauen.
    Nach und nach gewöhnen wir uns an den fremdartigen Anblick unserer Umgebung, an die Schlaglöcher in Waschbeckengrössse, an freilaufende Pferde auf den Strassen, an wadenbeissende Hunde, winkende Kinder und an Grenzpolizisten, die Strassenkontrollen machen. Und plötzlich ist uns klar: Jetzt sind wir angekommen. Wir sind in Rumänien. Wir sind 2 Tage lang fast konsequent ostwärts gereist und sind nun angekommen in dem Land, was einmal unsere Reiselust geweckt hat.
    3 Kilometer. Das ist die Entfernung, die Casa Björn& Florentina von der Hauptstrasse in Viesu de Sus trennt. 3 Kilometer, bei denen nur die 1. Meter „asphaltiert“ sind. Der Rest besteht aus dem, was tagelanger Regen aus einer erdigen Schlaglochpiste macht, deren grösste Löcher mit Kies aufgefüllt wurden.
    Sagen wir so: Wir sind angekommen…


    Und wo? Wir finden ein altes Haus vor, daneben 2 Nebengebäude und ganz viel unglaubliche Natur herum. Das eine Nebengebäude bewohnen wir zwei Motorradspinner ganz allein. Eine Schlafküche mit Bad im Nebengebäude. Fast ein Jammer, dass wir nur Reise- und keine Lebenspartner sind, denn diese Umgebung ist höchst romantisch!!!!
    Und dann kommt auch noch Björn! Lebenshungriger Ossi heiratet sich in Rumänien ein. Solche Geschichten schreibt das Leben. Und es schreibt sie gut! Björn entscheidet vor 10 Jahren, sich als Filmemacher zu betätigen, irgendwann dann die zweite Entscheidung: Ein Haus in den Maramures muss her! Gesagt getan, nun leben Florentina und er hier draussen im Nichts, beherbergen Reisende wie Chrissi und mich und sind offenkundig glücklich in ihrer Interpretation des Paradieses.
    Welches aber nicht dem täglichen Realismus entrückt ist. Anfänglich kamen sozial verwahrloste Jugendliche aus Deutschland her, um hier in einem Timeout ein wenig vom Respekt vor dem Leben zurückzugewinnen, der ihnen so ganz und gar fehlt. Allerdings war dies auf Dauer für Björns Privatleben nicht mehr machbar. Jetzt kommen Gäste, die zwar ebenfalls hier leben, aber 1. schneller wieder gehen und 2. doch auch einen etwas anderen Umgang möglich machen. Zusätzlich produziert er weiterhin seine Filme, die er dann auf diversen europäischen Festivals zeigt. Nebenher wird fleissig gekocht – so auch heute.










    Und deshalb geniessen wir heute Spargelsuppe, Gurkensalat und frische Spagetti Bolognese (mit scharfer Salami statt Hack) Da Björns Eltern zu Besuch sind, gibt’s gar noch Erdbeerkuchen vorweg. Und hinterher rinnt ein Getränk meine Kehle hinunter, welches vom Grundsatz her einem Calvados ähnelt. Es hat einfach 10% mehr Alkohol und wird beim Nachbarn gebrannt… Es macht aber nicht blind – im Gegenteil: Ich sah dann irgendwann doppelt…
    Unser Plan, an diesem Tag weniger als zuvor zu fahren, ist aufgegangen: Durch ausgeklügelte Routenplanung haben wir es geschafft, mit 1 Kilometer weniger als gestern ins Tagesziel zu rollen!

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    #3
    Montag, 11.6.
    Die Uhr ist umgestellt, der Wecker rappelt, die Sonne scheint: Klar, dass das Frühstück im sonnenbeschienenen Pavillon hinter dem Haupthaus stattfindet!



    Gut, reichhaltig – so darf ein Urlaubstag schon einmal beginnen! Und der Chefkoch und Hotelier mutiert flugs zum Touristikexperten, indem er uns den Viehmarkt im benachbarten Bogdan Voda empfiehlt. Dies bedeutet für Chrissi, dass sie nun den Weg, den sie grade erst gestern sich erkämpft hatte, wieder hinab holpern muss. Hat sie wirklich Freude daran?


    Ich mag es nicht beurteilen, möchte aber erwähnen, dass sich die Abfahrt erheblich hinauszögerte. Natürlich nur wegen der Sonne, der Trägheit nach dem Essen und der erschreckend grossen Niedlichkeit des Katzenbabys, welches mit uns spielen wollte!!! Aber dann ging es doch los – und siehe da, es ging! Die Pfützen waren zwar noch grösser, der Schlamm noch schlammiger und der gesamte Weg noch rutschiger als tags zuvor – aber irgendwie hatte man (frau) sich schon etwas eingewöhnt. So wurde dann der Weg unaufgeregt (und doch auch mit Spass, wie ich glaube!) bewältigt und es ging über einen possierlichen Pass (etwas mehr als 500 Meter hoch ist er, der Kleine…) ins Nachbartal zum Markt.
    Dort durften wir dann sehr viel Authentizität erleben, denn dieser Markt ist zu 99% frei von touristischen Auswüchsen! Wer einmal die grausamen Italienischen Märkte am Lago Maggiore ertragen musste, weiss, wovon ich spreche. Wir trafen hier auf einer schlammigen Wiese eine Ansammlung von fliegenden Händlern, die das Arsenal eines Supermarktes wortwörtlich auf die grüne Wiese brachten. Einfach ohne das Gebäude.


    Der Parkplatz

    Und dann das Vieh: Kühe, Kälber, Küken, Hühner,… alles, was kreucht und fleucht, war hier zu finden und zu kaufen.


    Auch mir wurde ein Pferdegespann angeboten. Ich könne das ja vor meine GS spannen, sei sehr ökologisch…. Und das Beste: Ein Funken Hoffnung hatte der Mann tatsächlich in den Augen…


    Vor allem aber drehte es sich hier um den Fuhrpark. Auf der Teststrecke wurde die Kraft des zur Diskussion stehenden Haferfressers angepriesen. Leistungssteigernde Massnahmen wurden ergriffen, die Peitsche hinterliess durchaus Spuren.
    Für uns Sonnenkinder ein schwer erträglicher Anblick, für einen Menschen, dessen gesamte Existenz von der Kraft eines Pferdes abhängt, eine Notwendigkeit, die Grenzen des zu erstehenden Tieres vor dem Kauf zu erkennen. Eine fremde Welt, in welcher man gut tut, die eigenen Wertmassstäbe beiseite zu legen und sich voll aufs Neue einzulassen. Und doch fällt dies schwer, wenn man so manches ausgemergelte Tier erblickt, welches da noch einen Wagen ziehen muss. Aber eben: Die Menschen sehen nicht besser aus…
    Es gibt Ausnahmen! Hier und da stehen wahre Prachtrösser vor den Wagen. Und hier und da sind auch wohlgenährte und gepflegte Bauern anzutreffen. Und über all dem schmutzig – bunten Treiben auf der Brücke residiert SIE: Die Dorfschönheit.

    Sie ist es wirklich – darüber lassen knackige kurze Hose und enges Shirt keinen Zweifel. Und auch die Jünglinge, die sich immer mal wieder in dem Glanze ihrer Brü…, äh, Aura sonnen wollen, schleichen sich schnell wieder. Denn diese Bühne gehört ihr allein.


    Wenn Chrissi das hier liest: Ich meine nicht dich! Nicht diesmal
    Dann geht’s zurück. Der Hauptstrasse folgend reiht sich ein Dorf ans nächste, dringen immer mehr intensive Eindrücke in mein eh schon überfrachtetes Gehirn. Wer sich Mühe gibt, findet hier eine Menge Besonderes: Immer wieder die Armut, die von schwerer Arbeit gezeichneten Menschen, die Tiere, welche mal freudig, mal grimmig, mal tot am Strassenrand auf uns warten. Die grossartig wilde Landschaft – und immer wieder einmal ein Wahnsinniger, der die Strasse zu Privatbesitz erklärt und offenbar die potentielle Existenz von Gegenverkehr für sich negiert…. Wer hier überleben möchte, lernt umsichtiges Fahren!
    Und dann treffen drei Dinge exakt aufeinander: die drei Kilometer lange Schlammpiste, der plötzlich und heftig einsetzende Platzregen – und wir. Drei Kilometer können bedeuten: Man ist schon fast da. Für einen Bergsteiger hingegen ist es eine Riesendistanz. Für uns bedeuteten 3 Kilometer den Unterschied zwischen trocken und klitschnass. Und für unseren Weg den Unterschied zwischen rutschig und glatt…. Chrissi hat das Ganze hervorragend gemeistert. Lediglich ein gewisser Todesmut umwehte sie auf diesem letzten Teilstück.
    Das Abendessen fand diesmal im gemeinschaftlich genutzten Pavillon statt. In lockerer Runde plauderten wir über Gott und die Welt und sorgten so dafür, dass die Uhr sich erheblich schneller zu drehen schien. Jedenfalls waren die Flaschen und Gläser am Tisch recht hurtig (und oft…) leer – bei den männlichen Gästen am Tisch verhielt es sich eher umgekehrt!
    Dienstag, 12.6.
    Wir reisen in die Ukraine! Christina hatte diesen Wunsch schon, seit sie begriffen hatte, dass dieses Land ganz in der Nähe von unserem Quartier zu finden sein würde. Dezente Hinweise von mir, dass für solche Unternehmungen ein Reisepass hilfreich und zu besorgen wäre, wurden mit neckischem Lächeln entkräftet. „…ach, weisst du, wir Frauen…“ jaja. Und wer begrüsste uns dann am Grenzübergang? Eine ZöllnerIN, die auf weiblichen Charme ungefähr so stark ansprang wie ein Felsblock! Freundlich aber bestimmt wurden wir also auf die sinnvolle Möglichkeit des Wendens hingewiesen. Was wir dann auch unverdrossen taten.
    Aber wir haben natürlich IMMER einen Plan B. In diesem Fall handelt es sich dabei um den weithin bekannten lustigen Friedhof. Um 1935 herum hat ein Handwerker der Region beschlossen, die doch eher tristen Holzkreuze mit bunt bemalten Schildern zu ergänzen, die wahlweise Szenen aus dem Leben des verstorbenen, seinen Berufsstand oder seine Todesart darstellen. Manchmal auch alles zusammen. Texte ergänzen das absonderliche Ensemble. Und bis heute wird diese Tradition fortgesetzt. Vor dem Friedhof befinden sich diverse Andenkenstände, denn mittlerweile werden hier im Sommer ganze Busladungen an Touristen ausgekippt. Wir hingegen hatten Glück und erwischten eine Lücke zwischen diesen Ausschüttungen.



    Der Tourguide des heutigen Tages (ich) hatte weiterhin eine eher als Nebenstrasse klassifizierte Route herausgepickt. Ziel war es, den wettermässig unbeständigen Tag für eine kleine Hinterlandrunde zu nutzen und dann den restlichen Tag in der Casa Björn zu verdämmern. Erste Zweifel am Plan kamen auf, als der anfänglich gute und gar neue Asphalt einem deutlich älteren Schotterbelag wich. Dann der nächste Hinweis – den wir nach reiflicher Überlegung in den Wind schossen: „Strasse nix gut für Motorrad“ So der Kommentar eines Einheimischen, als wir ihn nach der korrekten Route fragten. Liebe Rumänienreisende: WENN schon mal ein Einheimischer zugibt, dass eine schlechte Wegstrecke folgt, dann glaubt dies blind!!
    Wir fuhren also vorbei an diversen Baufahrzeugen, um eine auf der Karte durchgehend als Nebenstrasse klassifizierte Route nach Baia Mare in Angriff zu nehmen. Die Strasse startete dann mit einer Folge von rutschigmatschigschmierigen Pfützen in Bassingrösse einen massiven Gegenangriff, der uns völlig überraschte.

    Immer dann, wenn uns die stetig anspruchsvoller werdende Piste einen Gedanken ausserhalb des Gleichgewichtsfindens erlaubte, mehrten sich bei mir die Zweifel, wie bei einem solchen Schrittempo jemals die vom Navi angegebene Distanz erreicht werden sollte. Wobei: Das Navi hatte eh aufgegeben und behauptet seit mehreren Kilometern, dass es hier weit und breit keine Strasse gäbe. Was ja – je nach Definition von „Strasse“ – auch voll zutreffend war!


    Nach der ersten Passhöhe ging es in eine steinige Hochebene, auf der das fahren beinahe wieder Spass machte. Unterbrochen nur von Hohlwegen, die komplett mit motortiefen Pfützen und entgegenkommenden Pferdefuhrwerken ausgefüllt waren. Unsere Strategie: Motorisiert an den rechten Beckenrand schwimmen und sich mit dem Boxer ins Unterholz krallen. Dies erhöhte (erfolgreich) die Chance, eine Streifkollision zu verhindern. Denn Bremsen an Pferdefuhrwerken haben eher dekorativen Charakter!


    Irgendwann wurde es dann waldig. Was nach tagelangen Regenfällen gleichzusetzen ist mit: Matschig.


    Und mitten in einer solchen Passage trafen wir dann auf einen Schäfertrupp, welcher uns eröffnete, dass wir falsch unterwegs seien!!! Hallleluja, das braucht man dann ja dringend…. Zum Glück war der richtige Abzweig erst einige hundert Meter her, so dass kein allzu grosser Verlust an Zeit zu beklagen war. Aber nun wurde es erst richtig happig. Die Waldstrasse (ich nehme dies Wort nur in den Mund, weil es wohl der offizielle Begriff für das ist, was wir da vorfanden. Es hat nichts mit dem zu tun, was wir auch nur als Feld- oder Wanderweg bezeichnen würden. Zwei Trampelpfade in parallelem Abstand trifft es besser.) neigte sich in alle verfügbaren Richtungen gleichzeitig, was dazu führte, dass die beiden Motorräder oft nur noch durch Füsseln in irgendeinem Gleichgewicht zu halten waren. Die Reifen und Nerven von Christina gerieten hier allmählich an ihre Grenzen…


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    #4
    Hier begangen wir dann den zweiten kapitalen Fehler: Nach der doch sehr blonden Logik: Nicht zurück, der Weg war furchtbar! Entschieden wir uns trotz beinahe Abendbrotszeit dazu, weiterzufahren in ein Gebiet, von welchem wir rein gar nichts wussten, ohne anständige Karten, ohne Notfallplan oder gar Biwakausrüstung. Wenn die einzige Reiseteilnehmerin dies noch evtl. hätte falsch machen dürfen – der Tourguide gehört übers Knie gelegt!!!!
    Es kam, wie es kommen musste: Zur fortgeschrittenen Zeit und zum Verbrauch von Motivation und Kondition gesellten sich noch Regen und Gewitter sowie ein immer steinloser werdender Untergrund. Anfangs sorgte dies für herrlich ruckelfreies Fahren. Aber nach und nach wurde deutlich, dass wir uns auf eine fruchtbare Hochebene zubewegten, die durch schwere Böden geprägt ist. Hand hoch, wer hält es für eine gute Idee, mit 250 kg schweren Maschinen (BMW-Fanatiker, es ist mir völlig egal, dass das eigentliche Gewicht von der durch mich genannten Zahl abweicht – es geht um die Tendenz!) durch aufgeweichte schwere Erde zu pflügen?
    Hier kam unsere Expedition dann in ihre letzte Phase: Chrissi tat, was sie und ihr Tourguide schon vor Stunden hätten tun sollen: Sie nahm Vernunft an und verkündete das Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte. Fortan lag es bei mir, die heikleren Stellen 2x nacheinander zu fahren, während sie das Ganze per Pedes bewältigte und sich trotz Formtief alle erdenkliche Mühe gab, den nun körperlich heillos überforderten Tourguide am Leben zu erhalten. Ein Team ist und bleibt eben ein Team. Vor allem dann, wenn es an die Grenzen kommt.

    Die Lehmabfahrt in die Hochebene hinein war mit den K60 nur noch zu bewältigen, indem ich den Motor abstellte und das Geschoss mit dem Kupplungshebel abbremste. Beide Füsse waren dringend benötigt, das permanent wegrutschende Vorderrad aufzufangen. Hier werden nun wieder viele Leser ihr Bücherwissen preisgeben wollen um zu rufen: „Ha, man kann doch so ein Trumm von Motorrad nicht mit den Füssen auffangen!“ Nein, liebe Besserwissenden, beim Fahren ist dies wirklich schwierig (geht aber natürlich). Hier aber handelte es sich ja um eine Rutschpartie, wo man sehr schnell und heftig reagieren musste. Derart schlingernd kam ich dann irgendwann unten an – nur um zu merken, dass der Boden exakt gleich schlammig bleibt – nur eben jetzt waagerecht. Der Aufstieg zu meiner eigenen Maschine verschaffte mir ein paar Minuten, die Situation zu überdenken. Was keinen Spass machte angesichts des Ergebnisses vom Denkprozess. Ganz allmählich mussten wir uns mit dem Gedanken befassen, ohne Ausrüstung hier auf dem Plateau zu übernachten…
    Im direkten Vergleich 1100/1200 musste ich mein bisheriges Urteil revidieren: Die 12er schlägt sich tatsächlich ebenfalls sehr wacker im asphaltfreien Umfeld. Der Kraftüberschusss stört kaum, das Mindergewicht und das sehr gute Fahrwerk helfen deutlich.
    Aber nicht mehr hier. Kurz: Für die folgenden 500 Meter benötigten wir eine geschlagene Stunde! Danach folgte der Aufstieg heraus aus der Senke und hinein ins Elend. Nachdem die Schneekuh diverse Anläufe mit demütigendem Zurückrutschen quittierte, reagierte sie auf meinen letzten Versuch wie ein Gaul auf die Peitsche: Sie bockte, warf sich herum und den Fahrer herab. Bilanz dieses Desasters: Die Q lag Sitz bergab, der Koffer war demoliert. Es brauchte all unsere längst nicht mehr vorhandene Kraft, die Q aus dieser misslichen Lage zu befreien und sie ca. 10 Meter bergan zu schieben. Und danach war klar: Wir sind am Ende.



    Wir trennten uns für einen Augenblick, um die Lage zu sondieren. Und um einen Augenblick allein sein zu können, denn bei uns beiden kam gelinde gesagt Panik auf. Und das kann sich dann schnell auf den anderen übertragen. Tatsächlich gab es dann wenige Minuten später einen Plan: „War da hinten nicht ein Schafhirt?“
    Und so liessen wir unsere Motorräder im Stich und wanderten auf 60 Schafe, 4 riesengrosse Hirtenhunde und einen Schäfer zu. Letzterer entpuppte sich dann als hutzliges Männlein, welches anfangs völlig überfordert war mit unserem Erscheinen. Wen wunderts?

    Während Chrisssi den Hirten becircte (oder er sie?), entdeckte ich weitere Menschen, die sich als Holzarbeiter entpuppten. Nach langem Hin und her erklärten sie sich bereit, uns mit den Motorrädern zu helfen. Und ich muss mürrisch zugeben, dass die drei Gestalten erheblich freundlicher, ja fast handzahm wurden, als sie Christina entdeckten!!!!

    Mit ihrer Hilfe beim Wenden und genauer Ortskenntnis gelang es uns, den letzten Hügel zu bewältigen und die Motorräder beim Hirten zu parkieren. Nun begann ein Wortgefecht, in welchem uns die Hirten zu überzeugen versuchten, dass es nun „nur noch diesen kleinen Waldweg runter“ ginge bevor wir an eine befestigte Waldstrasse gelangen würden. Der Waldweg ähnelte dem, was wir grade eben erklommen hatten, aufs Haar genau. Also versuchten wir, dem Hirtenvolk den Begriff „am Ende“ näherzubringen. Letztlich mit Erfolg. Und so wanderten wir mit letzter Kraft eine knappe halbe Stunde hinter den munteren Gesellen und ihren kraftstrotzenden Pferden her und erreichten endlich ihre „Alphütte“. Man darf sich das so vorstellen, dass da ein Holzlattendach vom Boden im 45 Gradwinkel aufragt und vorn von 2 Balken gestützt wird. Die Konstruktion und ihre direktes Umfeld erinnert verdächtig an das, was man aus afrikanischen Dokumentationen oder Berichten über südamerikanische Favelas kennt. Erstaunlicherweise ist diese Konstruktion an den drei geschlossenen Seiten absolut wasserdicht. Darin befindet sich ein 2x7 Meter grosses Bett auf welchem Dinge lagen, die man mit viel Phantasie als Decken bezeichnen konnte. Am Rand waren die Habseligkeiten der Schäfer deponiert. Nur so viel: Das nahm nicht viel Platz weg… An der offenen Seite befindet sich die Feuerstelle, die während der gesamten Hütesaison nie gänzlich ausgeht. Ein ausgehöhlter Baumstamm schirmte das Feuer nach aussen hin ab, davor entwickelte eine grosse Menge nasses Holz einen unglaublichen Qualm und angenehme Wärme.

    Für die Umweltsschützer: Dies Feuer war garantiert CO-neutral, denn sämtlicher Rauch zog in die Hütte!!!! Dort sassen nun also 8 nasse Männer und 1 nasse Frau und hielten reihum ihren Hintern mit der nassen Hose ins Feuer. Dass hierbei eine Person besondere Beachtung fand, muss, denke ich, nicht erwähnt werden… Um aber gleich alle möglichen Vorurteile zu zerstreuen: Nachdem ich mich als Ehemann von Chrissi ausgegeben hatte, kam es zu nicht einer einzigen heiklen Situation in dieser denkwürdigen Lage!
    Zu den Sanitäranlagen: Das Damenklo befand sich hinterm Busch, das Herrenklo überall… Zähneputzen war bei einigen der Hirten mangels Beisswerk schnell erledigt, geduscht wird im Dauerregen während der Arbeit – und bei dem fiesen Rauch in der Nacht wäre eh jedes Deo heillos überfordert. Nur so viel: Nach dieser Nacht hatten uns die Hirtenhunde als zur Herde gehörig anerkannt… Ja, und so schwatzten wir also aufeinander ein: Hier verstand jemand 10 Worte Französisch, dort war mal einer in Italien – und der Rest war Improvisation.


    Ganz anders das Nachtmahl. Es folgt jahrhundertealten Traditionen. Und so hing plötzlich über dem Feuer ein Kessel, darin wurden Zwiebeln und Speck erhitzt. Dazu gab es dann einen etwas pampigen Maisbrei, der aber erstens gut schmeckte und zweitens unglaublich sättigte. Dazu wurde Quellwasser und später Molke von Schafsmilch getrunken. Alkohol? Fehlanzeige. Dann wurden wir komischen Ausländer freundlich aber bestimmt zu Bett geschickt . man wollte noch unter sich sein. Verständlich nach einem so harten Arbeitstag. Nachdem wir schon die ersten waren, die essen durften (und somit unbenutztes Essgeschirr hatten) bekamen wir nun die Schlafplätze in der Chefecke zugewiesen. Widerspruch sinnlos. Hier oben ist Diskutieren eine eher unübliche Vorgehensweise…
    Ach ja, da nun 9 Personen im 7-Personen-Bett hätten liegen müssen, schoben zwei der Hirten halt eine Nachtschicht… Wer etwas über Gastfreundschaft lernen möchte, sollte mal hierher kommen. Und dann lange über das eigene Verhalten nachdenken. Eng war es. Geruchlich nicht nur wegen des Feuers, sondern auch wegen der ausgezogenen Stiefel eine Herausforderung. Nicht immer war zweifelsfrei festzustellen, welche Gliedmassen zu welcher Person gehören – hier und da wurde jedoch unmissverständlich klar, dass grade eine Verwicklung stattfand. Erstaunlicherweise sorgte all dies nicht etwa für Konflikte sondern für ein – ich kann es nicht anders beschreiben – Wirgefühl. Ja, für eine Nacht gehörten wir beiden Fremden zu dieser ganz besonderen Menschengruppe dazu. Nebenbei ist es kein alltägliches Erlebnis, im warmen Bett zu liegen und festzustellen, dass sich am Fusssende grade eine veritable Sau nach Essbarem umsieht. Sie und ihre drei Ferkel fressen sich an einem Abfallprodukt der Käseproduktion, dem Laab, dick und rund. Soweit, so gut. Aber direkt vor dem eigenen Bett? Speziell! Im Laufe der Nacht schauten dann noch einige der Hunde, die 4 Pferde plus Fohlen sowie einige der Schafe vorbei. Und irgendwann kroch dann das Tageslicht hinter den Hügeln hervor. Erhebend!


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    #5
    Ab hier noch ohne Bilder...



    Mittwoch,13.6.
    Nach der Morgentoilette, bestehend aus dem Gang hinter den Busch und eine Zigarette, kümmert sich ein guter Schäfer kurz um den Kaffee und dann um die Tiere. Diese laufen ja frei in der Gegend herum, werden jetzt zusammengesucht und dann gefüttert. Anschliessend macht sich der erste Trupp mit den Schafen auf die Wanderung, während der Rest mit den Rössern die Talfahrt mit frisch geschlagenen Baumstämmen in Angriff nahm. Der Plan: Sie würden uns dabei helfen, die befestigte Waldstrasse zu erreichen. Ich gebe es gerne zu: So sehr ich mich über diese ganz aussergewöhnliche Situation bei den Schäfern freute, so gross war meine Angst vor der kommenden Abfahrt! Zunächst aber gab es frischen Schafskäse, welcher im Geschmack einem Mozzarella ähnelt und vorzugsweise mit Salz und Zwiebeln verspeist wird. Klar, dass wir Gäste den grob zusammengezimmerten Tisch bekamen, die Hirten selbst auf dem Boden hockten.
    Die Küche/ Käserei/ Vorratskammer war ein Holzverschlag, in welchem im Erdgeschoss das Melkgeschirr lagerte. An der grob gezimmerten Decke hingen weitere Utensilien und auf dem kleinen (2x2 Meter höchstens) Spitzboden lagerten neben persönlichen Dingen und „guter“ Kleidung auch die bereits fertigen Käserundlinge. Ein solcher Rundling sollte heute bergab gebracht werden. Gleichzeitig wurde neuer Käse angesetzt, die Enzyme aus einer Petflasche wurden beigemengt, ein Haushaltssieb diente dem Abschöpfen und die Milch von wohl 200 Schafen wurde auf dem schon erwähnten Feuer in einem grossen Kesser erhitzt. Sie schmeckte fantastisch!
    Und dann ging es bergab. Ich durfte wieder querfeldein mit den beiden Schwergewichten spielen gehen. Trotz Regen und permanenter Gefahr durch eklige und unsichtbare Querrillen kam dabei doch etwas Spass auf. Der Spieltrieb des Mannes… Um es kurz zu machen: Die Abfahrt vom Berg gelang sturzfrei, allmählich habe ich wohl die Technik des freien Gleitens mit Boxermotorrädern raus. Für Chrissi hingegen hat offensichtlich der Begriff „Endurowanderung“ eine völlig neue Bedeutung erhalten. Aber ganz selbstverständlich war sie permanent für Zuspruch oder Unterstützung in der Nähe – verlässlich wie immer. Und auch der Chef der Hirtentrupppe hatte seine Mannschaft vorausgeschickt und hielt sich uns zur Verfügung bzw. zeigte mir durch Vorauslaufen auf dem offenen Feld den geschicktesten Weg zwischen Querrillen und Wasserlöchern hindurch. Oder stützte durch beherztes Zupacken die ganze Fuhre, wenn man einem Fahrspurrand so nah kam, dass man eigentlich abrutschen MUSSTE! Kurz: Er war sehr hilfreich und verzichtete zudem auf jede Machogeste, als Chrissi nach einigen Metern beschloss, diese Steilabfahrt mir zu überlassen.
    Das Grinsen des Patrons war fast unübertroffen, als ich ihn einlud, bei mir als Sozius mitzufahren. Wir hatten ja den gleichen Weg. Grösser war wohl nur das Grinsen all der Hirten, als Chrissi den Fotoapparat herausholte und die ganze Szenerie festhielt. Hochkonzentriert wurde eine Adresse zu Papier gebracht, und wir versprachen hoch und heilig, ihnen diese Bilder zu senden. Was wir natürlich tun werden!
    Die letzte Hürde: Diese Männer sind arm aber stolz. Und wie soll man denn nun ihre Hilfe berechnen? Und wie soll die Übergabe stattfinden? Ich wählte den Klassiker, zählte eine Summe zusammen, die sicherlich eher grosszügig als knapp bemessen war (gut 20 Euro…) und „übergab“ dieses dann mit dem Handschlag bei der Verabschiedung. Und diesmal war ich es, der sich jede Diskussion verbat. Ich glaube, so konnten wir uns echt und sinnvoll revanchieren, ohne Peinlichkeiten aufkommen zu lassen!
    Der Rest ist schnell erzählt: 2 Stunden später rollten wir bei Björn und Florentina auf den Hof. Diese waren schon ganz aufgelöst, weil wir ja 24 Stunden verschollen waren! Handynetz ist auf der Hochebene so wahrscheinlich wie ein Fischernetz… Den restlichen Tag verbrachten wir mit Restauration der Ausrüstung sowie ausgiebigem Entspannen.
    Denn am nächsten Tag sollte schliesslich unsere Rundreise beginnen…
    Donnerstag, 14.6. Viesu de Sus – Sibiu
    Es war ein schwerer Abschied von Florentina & Björn. Letzte Tips, viele freundliche Worte, ein Liter selbstgebrannter Schnaps, diverse Abschlussfotos – irgendwann musste es sein. Chrissi und Holger on the road. Uns beiden war das Herz etwas schwer. Wir hatten gemerkt, dass wir am liebsten die gesamte Ferienzeit dort oben in dieser wunderbaren Gegend verbracht hätten. Aber in dem Wissen, dass uns 5 Minuten nach der Abreise der Tourenvirus wieder im Griff haben würde, machten wir uns auf den Weg.
    Halbstündlich änderte sich die Landschaft. Zuerst die wunderschön geschwungenen Hügel der Maramures, gefolgt von kleinen Schluchten. Dann wieder eine Auenlandschaft wie aus dem Lehrbuch. Der Verkehr – man mag ihn kaum so nennen – beschränkt sich anfangs auf Pferdefuhrwerke und einige Lastwagen. Weiter im Süden kommt dann vermehrter Individualverkehr hinzu. Überhaupt ähnelt eine Tour vom Norden hinab nach Sibiu einer Zeitreise. Gefühlte 50 Jahre trennen die Lebensweise der Maramures vom Trubel in und um Sibiu! Die Menschen, von denen es erheblich mehr gibt, sind viel seltener traditionell gekleidet sondern laufen in der westeuropäischen Freizeituniform herum: Jeans und Hemd. Pferdefuhrwerke sind zwar noch zu sehen, aber sehr selten – Skoda und Dacia sowie alle Arten westlicher Modelle prägen hier das Strassenbild.
    Aber man lasse sich nicht täuschen: Dies ist der Eindruck von der Hauptstrasse aus betrachtet. Schon die nächste Seitenstrasse bringt einen in eine andere Zeit. Jenseits von Asphalt und Teer ist auch in Siebenbürgen der rumänische Puls ein anderer als bei uns! Zuletzt habe ich solch krasse Unterschiede in Lebensweise und Lebensstandard innerhalb eines Landes bei meiner Reise durch Tansania erlebt. Und auch dort bildeten die geteerten Hauptstrassen einen eigenen Mikrokosmos, eine Schneise der Modernität durch ein sonst fast archaisch anmutendes Land.
    Uns beiden steckt die Anstrengung der letzten beiden Tage noch in den Knochen. Wir reisen deshalb ganz entspannt auf gelb und rot markierten Strassen gen Süden und erreichen so ganz ohne besondere Abenteuer Sibiu, das ehemalige Hermannstadt. Trotz dieser fast seichten Reiseetappe sind wir voll von Eindrücken. Wer sehen will, der sieht immer und überall etwas, was beeindruckt. Die zahnlose Grossmutter am Wegesrand, das pittoreske Bild einer kleinen Hängebrücke mit Pferdefuhrwerk davor, an welchem wir mit Hightech-Motorrädern vorbeibrummen… jeder Moment dieser Reise weckt die Phantasie, drängt sich mit Eindrücken auf, die man zu Geschichte(n) verarbeiten könnte… und niemals vergessen wir, dass wir hier nicht in einem Freilichtmuseum flanieren, sondern uns im Lebensalltag einer ganzen Nation bewegen… Eindrücklich (ob beeindruckend oder bedrückend, das muss jeder seinem Menschenbild entsprechend selbst entscheiden) waren all die Romasiedlungen, die wir meist ausserhalb grösserer Orte vorfanden. Allen gemeinsam: Sie sind bessere Slums, aus deren Trostlosigkeit die fast schon grellen Farben der in Tracht gekleideten Frauen herausstechen. Wobei es neben diesen Slums auch die anderen „Zigeunersiedlungen“ gibt. Wie in jedem Reiseführer beschrieben finden sich etliche Dörfer, in denen ungeheuer grosse Anwesen entstehen. In vielen Jahren bauen sich hier Fahrende ihren Ruhesitz für die gesamte Familie. Schier unglaublich.
    Und hier, am wirtschaftlichen Ende der europäischen Nahrungskette, schlägt dann die Euroschwächelei dramatisch zu Buche. Denn: Wie reagieren wir reichen Länder? Wir schmeissen die Ausländer raus, entlassen Ungelernte etc. Tausende Rumänen sind in Europa unterwegs um dort Geld für ihre Familie zu verdienen. Sie haben nur ein Ziel: Ihr Haus in der Heimat fertigzustellen. IM ganzen Land kommen wir an halbfertigen Häusern vorbei. Nun, ohne Job und westliches Geld, müssen viele dieser so hoffnungsvollen Häuslebauer ihren Traum und ihre Zukunft verkaufen oder verfallen lassen. Was auch die Entwicklung des gesamten Landes lähmt. Denn hier stirbt der Mittelstand, der eine Klammer zwischen den Superreichen und den vielen Armen hätte bilden können. Solche Gedanken bewegen mich, als ich merke, dass ich mich besser voll auf den Strassenverkehr konzentrieren sollte! Denn dieser nimmt 40 km vor Sibiu massiv zu. Und dann noch Garmin. Sibiu ist terra incognita für mein Zumolein. Naja, nicht ganz. Aber offenbar habe ich in der aktuellen Karte einen der Punkte gefunden, die Jahre hinter der Realität herhinken. So gleicht also unsere Fahrt zur Stadtkirche einer kleinen Stadtrundfahrt. Das Problem: Man kann nur von einer Seite an das Gästehaus heranfahren, welches mitten in der Fussgängerzone steht! Schlussendlich haben wir aber Erfolg und befinden uns in der Obhut einer freundlichen deutschsprachigen Küsterin, die uns unser riesiges, etwas altmodisches Doppelzimmer zuweist. Herrlich!
    Sibiu. Hermannstadt. Wirtschaftliches und politisches Zentrum von Siebenbürgen. Eine kleine Grossstadt mit Flair, mit Geld und mit dem Anspruch, Anschluss an den Westen zu finden. Ich muss sagen, dies sicher ehrgeizige Ziel ist erreicht. Selbst die ärmlichsten Vororte sind in erträglichem Zustand, die Fussgängerzone hält lässig mit Luzern, Lübeck oder Bozen mit. Tatsächlich fühlt sich Sibiu deutsch an. Mir reichte die Zeit nicht, um dieses Gefühl genauer zu ergründen – ich nehme es nun als kurzen Reiseeindruck mit heim. Ich schätze, es ist die Architektur, die Art des Städtebaus. Irgendwie befremdlich, ein solches Gefühl mitten im Ausland zu verspüren. Aber da wir Deutschen für einmal nicht als brutale Eroberer hier waren, sondern als willkommene Siedler, ist alles in Ordnung für mich und ich geniesse ein kühles Getränk auf dem grossen Rathausplatz und beobachte das Treiben rund um das Open-Air-Kino vor meiner Nase.

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    #6
    Freitag, 15.6. Sibiu – Targu Jiu
    Am Morgen verlassen wir Sibiu mit Kurs Ost. Wir wollen vor der Karpatenüberquerung wenigstens eine der vielen siebenbürgischen Kirchenburgen besichtigen. Und so entdecken wir Grossau. http://www.landler.com/landler/sied/kirchenburg.html
    Eine kleine feine Klosteranlage, geschützt durch einen mächtigen Wall. Wir haben die kleine Kirche für uns allein. Fast. Denn der Organist/ die Organistin macht uns das Geschenk und spielt ein Stück, welches für Christina und mich grosse Bedeutung hat: „Jesus bleibet meine Freude“, einer der beiden Schlusschoräle aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147). Für die Norddeutschen: Das ist die Titelmelodie von Buten& Binnen J Ich habe diese Kantate so manches Mal aufgeführt und auch einige Male den Choral zu den Klängen unterschiedlichster Orgeln als Solist gesungen. Diese Orgel hier passte mit ihrem weichen, klaren und gut gestimmten Ton perfekt in den Raum und jenseits jeder Diskussion über historische Aufführungspraxis auch hervorragend zu dem Stück. Einige Minuten Zeit, um die Spiritualität des Ortes und der Musik zu spüren.
    Nennt es kitschig: Aber es sind genau solche Momente, in denen sich die Qualität einer Reisepartnerschaft zeigt. Es brauchte kein Wort, keine Geste um zu klären, wann wir die Kirche verlassen wollten. Wir betraten den Raum, gerieten in seinen Bann, nahmen die Musik in uns auf und hatten danach das Wissen, von diesem Raum das bekommen zu haben, was ein Raum geben kann. Und in diesem Wissen gingen wir dann voll mit Emotionen zu unseren Eisenpferden zurück, um die Karpaten zu finden.
    Transfagarasan – dieser Pass soll so schön sein wie es schwierig ist, ihn zu schreiben. Also nahmen wir es auf uns, die eher langweilige Hauptstrasse gen Westen zu nehmen, um dann über den berühmten Pass zu fahren. „Closed!“ Das war die ernüchternde Aussage des Tankwartes, den wir kurz vor der Passstrasse nach dem Zustand des Passes fragten. Wir hatten uns erst zwei Tage vorher geschworen, ab sofort in Rumänien auf die Einheimischen zu hören, wenn sie uns eine Strasse als unfahrbar beschreiben. Was also tun? Einfach mal probieren? Mit dem Risiko, mehre Stunden „zu verlieren“?
    Letztlich merkten wir, dass es uns Beiden nicht im Geringsten um das sture Sammeln von irgendwelchen Pflichtstrecken geht („Da musst du gewesen sein!!“) sondern darum, jeden Tag prall zu füllen mit bunten Eindrücken der Region, die wir bereisen. Und so wendeten wir leichten Herzens und machten uns auf, die Karpaten auf anderen Wegen zu queren. Ein paar Kilometer nahmen wir die klassische Route, die durch ein Tal führt. Logischerweise nervte hier der Schwerverkehr, so dass wir froh waren, nach einigen Kilometern auf eine Querstrasse abbiegen zu können. Auch hierbei handelte es sich um ein Tal, welches uns ganz allmählich gen Osten und in die Höhe brachte.
    Und letztlich zu einem der Etappenziele der Enduromania, welche in diesen Tagen hier stattfand! Während ich das Werkzeug und das Wissen eines sehr freundlichen KTM-Mechs nutzte, um die marode Kupplung der 1100 GS etwas zu pflegen, erkämpfte sich Chrissi mit allem, was sie aufbieten konnte, ein T-Shirt dieses europaweit bekannten Enduroanlasses. Frauen… Und dann holperten wir frohgemut über einen schändlich schlecht geteerten Pass hinauf und hinab, links und rechts und rundherum, bis wir dann abends müde und zufrieden unsere staubigen Häupter in einem eher seelenlosen und überteuerten aber komfortablen Hotel am Rande von Targu Jiu betteten. Natürlich nicht ohne zuvor den Bauernmarkt und das angrenzende Restaurant besucht zu haben…

    Samstag, 16.6. Targu Jiu – Cragujevac
    Am Morgen lernten wir zwei Zürcher kennen, die mit ihren BMW’s ebenfalls Osteuropa unsicher machten, und die zufällig im selben Hotel nächtigten wie wir. Von ihnen erfuhren wir, dass unsere Entscheidung, der Transfagarasan zu umfahren, eine etwas zu vorsichtige war. Tatsächlich war der Pass zwar gesperrt, liess sich aber dennoch befahren. Nur wenige Schneebretter… an dieser Stelle beschlossen wir, die oben verwendete Formulierung „vorsichtige Entscheidung“ statt „Fehlentscheidung“ zu verwenden. Denn genau darauf hatten wir keine Lust: Irgendwie mit Hängen und Würgen eine Strasse zu fahren, wenn es ebenso fremde und schöne Alternativen gibt! Wir merkten beide, dass unser beider Focus ganz klar auf dem Bereisen des Landes und nicht nur auf dem Befahren von „Motorradstrecken“ lag.
    Der Weg zur serbischen Grenze war… flach. Schliesslich führte er uns ja auch durch den westlichen Rand der Walachei, jener riesigen Ebene, in der auch die Hauptstadt Bukarest liegt und die es der Donau erlaubte, ihr riesiges Delta ins Land zu schneiden. Lange und fast gleichförmige Strassendörfer säumen den Weg, den wir äusserlich flott und innerlich ruhig zurücklegen. Das eifrig-deutsche Gehabe Sibius ist schon mit den Karpaten hinter uns verschwunden – hier in der Walachei finden wir sie wieder, die Bänke vor den Gartenzäunen und die zahl- und zahnlosen Alten, die darauf ihren Tag bzw. Lebensabend verbringen. Billiger als TV und allemal kommunikativer.
    Und irgendwann ist sie dann da: Die Donau. Am ersten Reisetag erblickten wir sie bei Wien. Chrissi lebte einst in der Nähe der Quelle. Und nun begegnen wir diesem mächtigen Strom kurz vor dessen Mündung. Strom? Nein, die Donau ist hier ein riesiger See! Ja, ein Stausee, dessen Staumauer gleichzeitig den Grenzübergang nach Serbien markiert. Aber Moment mal – die Staumauer steht ja oberhalb… ja, das, was wir als Stausee wahrnehmen, ist die wahre Grösse der Donau…. Den See werden wir dann einige weitere Stunden zu unserer Rechten haben, während wir donauaufwärts durch Serbien reisen.
    Zurück zur Grenze: Chrissi fällt es schwer, Rumänien zu verlassen. Sie hat dieses Land und ihre ganz speziellen Bewohner lieben gelernt. Aber solche Abschiede sind die Besten: Wenn einem das Herz schwer ist, bleiben vor allem die guten Dinge in Erinnerung und es bleibt letztlich der Wunsch, zurückzukehren an einen Ort, der für uns Bedeutung gewonnen hat. Serbien ist für mich zum Mahnmal der eigenen Unwissenheit geworden. Ich habe mich so blind auf die dürftigen Infos im Netz und den aktuellen Reiseführern verlassen, dass ich völlig verdrängte, welch hohes Niveau das ehemalige Jugoslawien in Bezug auf Lebensstandard, Infrastruktur und Kultur erreicht hatte. Zwar hat der idiotische Krieg in den 90ern (ok, doppelt gemoppelt: Krieg ist ja nur ein anderes Wort für idiotisch…) ganz Jugoslawien gebeutelt. Aber Serbien selbst blieb einigermassen verschont. So traf ich also statt zerbombter Eselpfade eine bestens ausgebaute und menschenleere Seeuferstrasse an. Und nur die Sorge vor schlecht bis gar nicht gekennzeichneten Baustellen bremste unseren Tiefflug etwas ein. Herrlich, wie sich das „eiserne Tor“ darstellt, dieser wohl schönste Durchbruch durch eine Bergkette, den die Donau auf ihrem Weg schuf. Selbst heute, wo der vorhin erwähnte Staudamm das früher lebensgefährliche Fahrwasser entschärft und das Tal teilweise geflutet hat, macht mich die grossartige Landschaft sprachlos. Die Donau – nächstes Mal werden wir auch das Delta besuchen. Jenes Naturspektakel am Schwarzen Meer. Kaum vorstellbar, dass tausende Kilometer nördlich ein eher unscheinbarer Fluss namens Rhein dabei ist, den Kampf ums Wasser gegen die Donau zu gewinnen. In (für die Erde) kurzer Zeit wird wohl alles Wasser der Donau nach der Versickerung Richtung Rhein entwässern, die Donau wird dann nur noch durch ihre Nebenflüsse gespeist werden. Mit nicht absehbaren Folgen für ganz Südosteuropa. Aber das erleben wir wohl nicht mehr…
    Am Ende des Tages landen wir in einem kleinen Hotel in der Arbeiterstadt Kragujevac. Hier wird in Zusammenarbeit mit Fiat der jugoslawische Zastava produziert, teilweise auch der Yugo. Beides Lizenzbauten des Fiat 600 und andere alter Modelle. Einen abgesperrten Parkplatz gibt es nicht, unsere Motorräder stehen vor der Rezeption. Und am Abend wird dann der Hotelbus als Sichtsperre zwischen Strasse und Motorräder parkiert – ausreichend. Nur um dies mal zu erwähnen: Ich habe nicht ein einziges Mal mein Bremsscheibenschloss ausgepackt oder sonst irgendwie besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Erst in Bozen habe ich dann bei der Stadtbesichtigung meine Jacke per Ringschloss am Töff befestigt.…
    Kragujevac war einmal serbische Hauptstadt, ..... verübten hier ein Massaker, die Stadt setzt sich sehr für Friedensprojekte ein – und dennoch ist sie für uns vor allem eine lebendige Arbeiterstadt, die uns weniger zum Flanieren einlädt als zum entspannten Höck in einem Strassenrestaurant. Ich wiederhole mich gern: Wer eine Reise entlang abzuhakender Sehenswürdigkeiten plant, kann nur verlieren. Denn am Ende des Tages wird man zwangsläufig einige Attraktionen verpasst haben. Wir hingegen haben ganz wenige Eckpunkte fixiert und vertrauten völlig zu Recht darauf, dass das Leben uns tagtäglich eine unermesslich reiche Auswahl an bemerkenswerten Situationen präsentieren würde. Wie z.B. der goldkettchenbehangene Serbe, welcher seinen grossteils weiblichen Tischnachbarn in völlig falschem Französisch und Deutsch seine weltmännische Haltung näherbringen wollte. Ich konnte kaum noch vor Lachen. Irgendwann merkte er es und auch am Nebentisch ging das Grinsen los. Herrlich!

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    #7
    Sonntag, 17.6. Kragujevac – Mostar
    Von Serbien nach Bosnien-Herzegowina ist es ein kleiner und doch ein riesiger Weg. Schliesslich liegen die unsäglichen Kriegsmassaker an dieser Grenze noch keine 20 Jahre zurück. Und Massaker gab es auf beiden Seiten dieser Grenze. Ohne hier das ganze Geschichtsbuch abzuschreiben: Bosnien& Herzegowina ist eine Region, in der schon jahrhundertelang Christen, Orthodoxe und Muslime unter einem Dach leben. Nicht konfliktfrei, aber doch friedlich. Später nannte man dieses Land auch oft „Jugoslawien in Jugoslawien“ Und nicht ganz ohne Grund wehrte man sich nach dem Zerfall Jugoslawiens massiv gegen die Begehrlichkeiten der landhungrigen Nachbarn, die diesen Ministaat einfach ausradieren wollten. Auch heute noch finden wir ausgebombte oder zerschossene Häuser am Strassenrand. Oft war es billiger, das neue Haus direkt nebenan zu bauen als das alte zu renovieren. Entlang der Neretwa Richtung Mostar erleben wir in fast jedem Dorf solche Mahnmale menschlicher Uneinsichtigkeit. Vor allem aber erleben wir eine Landschaft, die es einem fast unmöglich macht zu glauben, dass dort überall Landminen darauf warten, die Menschen, die auf sie treten, zu verstümmeln. So reisen wir, hin und hergerissen zwischen traumhafter Landschaft und greifbarem Kriegsgräuel, durch eine völlig unbekannte Region Europas, geniessen die Sonne am kurvigen Ufer der Neretwa und erreichen nach einem sehr eindrücklichen Tag müde und zufrieden die Stadt Mostar.
    In letzter Minute hatte ich dort ein kleines Hotel in der Nähe der alten Brücke gefunden. Als wir den Innenhof betreten, begrüsst uns mit strahlendem Lächeln erst die Rezeptionistin, kurz darauf der Hotelier. Hier ist man willkommen! Und als wir dann wenige Minuten später das Zimmer bezogen, die Kleider gewechselt und den frischen Wein im Glas genossen haben, ist klar: Hier bleiben wir länger! Und so erleben wir nach den Maramures die wohl herzlichste Gastfreundschaft dieser Reise! Die Villa Fortuna bietet für schmales Geld gediegenes Ambiente, herzliche Angestellte, ausreichend Raum im Zimmer, leckeren Wein und andere gekühlte Getränke, die den Gästen gratis zur Verfügung stehen sowie drei Schildkröten, die den Garten „durcheilen“.
    Mostar. Ich will es so beschreiben: Egal, was du dir vorstellst, Mostar ist anders! Ich kann nämlich nicht glauben, dass irgendwer von uns auch nur ahnt, wie vielschichtig dieser geschichtsträchtige Ort ist. Jeder Herrscher, jeder Religionsführer musste hier im Laufe der Jahrhunderte seine Duftmarke hinterlassen. Hier führte eine steinerne Brücke über den wilden Fluss. Und wie so oft ist es eine Brücke, die sowohl verbindet als auch trennt! Stellte die Stadt vor dem Krieg eine bunt durchmischte Bevölkerung dar, ist man heute eher separiert. Hier die Christen, dort die Muslime. Dies hat sich übrigens im ganzen Land so ergeben. Im Gegensatz zu früher lebt man heute im Revier „seiner“ Religion, seines Volkes. Was in meinen Augen künftige Territorialkonflikte nur wahrscheinlicher macht.
    Wir besuchen die Altstadt sowohl am Abend als auch am Morgen, bei grosser Hitze gönnen wir uns und den Maschinen einen freien Tag. Lesen, spazierengehen, dösen… schliesslich haben wir ja Ferien! OK, GANZ ohne Töff geht’s nicht – ich mache mich im „Balkandress“ auf den Weg zu Obi, um nach Werkzeug zu fahnden. Balkandress = Sandalen, kurze Hose, T-Shirt – und der Helm lässig an den Arm gehängt. Auch wenn mich nun sämtliche verantwortungsbewusste Motorradfahrer mit Argwohn betrachten werden: Ich behaupte mal: Wer nicht den Genuss spüren kann, wenn einem die Sommersonne beim Fahren direkt auf die Haut scheint, wer nicht das Streicheln des Windes beim Fahren als sinnlich empfindet – und wer es nicht schätzt, den Schweiss von 40 Grad im Schatten mal kurz trockengefönt zu bekommen, der hat ein zumindest eingeschränktes Sensorium!
    Natürlich habe ich mir als braver Mitteleuropäer all die Sorgen gemacht, die wir uns bei allem und jedem machen statt wirklich den Moment zu geniessen. Und selbstredend hatte ich den Helm dann doch schnell wieder auf dem Kopf. Aber ich bilde mir ein noch jetzt den Windhauch zu spüren, den eine Töffjacke uns nimmt. Jaja, das ist verantwortungslos, und natürlich habe ich die Reise anständig gekleidet fortgesetzt. Aber nur zum Sagen: Wir erkaufen uns unsere vermeintliche Sicherheit zu einem viel höheren Preis, als uns bewusst ist, fürchte ich…

    Dienstag, 19.6. Mostar – Selce
    Heute müssen wir büssen für den gestrigen Ruhetag. Denn nun müssen wir entweder eine lange Etappe bewältigen oder das vorgebuchte Quartier stornieren. Zudem ist die Schneekuh an der Kupplung so lädiert, dass wir noch in Split zu BMW wollen. Leider ist schon seit einigen Tagen der direkt vor der Tour gewechselte Gabelsimmerring hinüber, so dass das Fahrverhalten der alten Dame zunehmend unangenehm wird. Nach einigen Telefonaten und Mails am Vortag ist der Stand am Vormittag: BMW Kroatien kann keinen Gabelsimmerring besorgen – dies würde 14 Tage dauern! Also wird der Gastgeber in Selce angeschrieben. Er leitet eine Motorradpension und bietet viele Endurotouren an. Wird er helfen können?
    Ja, er kann. Im Nachbarort gibt es eine Kawasakivertretung. Dort ist man in der Lage, innert 24 Stunden zu besorgen, wozu BMW 2 Wochen benötigt… Wir sind dort bereits angemeldet und können am Abreisetag die Schneekuh flicken lassen.

    Solcherart mit Infos versorgt brechen wir gen Split auf. Hier wird dann die letzte Reserve aus der Kupplung herausgeholt. Mehr als das, was jetzt eingestellt ist, geht nicht mehr. Die Kupplung ist am Ende. Schnelle Gasstösse quittiert die GS mit durchrutschender Kupplung. Wenn man hingegen eher sanft streichelnd fährt, geht alles wunderbar. Und so gleiten wir über die kroatische Autobahn (Zeitmangel), später dann über die berühmte Küstenstrasse, die wir fast für uns allein haben. Es ist ein Genuss, den wir tief in uns aufnehmen. Geradezu unwirklich, wenn man bedenkt, dass wir noch vor wenigen Tagen in der Einsamkeit des rumänischen Nordens bei Schafhirten froren, während wir jetzt an der Adria sitzen und im feudalen und doch spottbilligen Restaurant einen Cäsar-Salat mit Meerblick geniessen! Das ist bei vielen Nachteilen der unnachahmliche Vorteil einer solchen Etappenreise: Die schiere Fülle unterschiedlicher Eindrücke.

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    #8
    Mittwoch, 20.6. Krk.
    Wir wollen nicht viel unternehmen, einfach etwas über die Insel Krk reisen und dann noch etwas baden. Also geht es los. Und tatsächlich finden wir dann in einem kleinen verschlafenen Nest eine Badebucht, die uns zusagt. Es gibt eine gewisse Infrastruktur, die der Dame das Klo, dem Herrn den Kiosk bietet sowie etwas Schatten. Tja, und nebenbei glasklares handwarmes Wasser, welches selbst die Chrissifrostbeule zum ausgiebigen Bad verlockt! Am Ende des Tages raffen wir uns auf, den Rückweg in Angriff zu nehmen. Aber natürlich nicht, ohne noch schnell die Hauptorte des Eilandes zu durchreisen. Eine etwas heiklere Schotterpassage zeigt dann, dass unsere Offroaderlebnisse in Rumänien auch bei unserer Psyche Spuren hinterlassen hat. Dort oben, in eher auswegloser Situation, war kein Platz für Emotion. Hier, im vergleichsweise harmlosen Geläuf, durfte dann evtl. das lang verschlossen gehaltene Ventil geöffnet werden, Druck abgelassen werden. Auch diese Momente gehören zu einer Reise, schweissen ein Team zusammen. Wieder einmal bin ich stolz auf „meine“ Christina!
    Donnerstag, 21.6. Selce – Selva di Cadore
    Heute erwartet uns die wohl heftigste Etappe der Tour: Mehr als 450 Kilometer, kaum Autobahn, drei Länder und viele Bergstrassen. An sich ist das für uns Beide üblicher Tourenalltag. Wo ist das Problem? Normalerweise beginnt für uns eine Tour von 10 Stunden irgendwann gegen 9.00. Heute aber müssen wir erst noch in die Werkstatt, um die Simmerringe zu wechseln! Etwas in Sorge betreten wir den heruntergekommenen Laden. Erste Überraschung: Hat man einmal die rosarote Brille für Glaspaläste abgesetzt, sieht man hier eine alte aber gut gepflegte Werkstatthalle mit 2 Liften und einem modernen Verkaufsraum im 1. Stock. Der Chef macht sich noch selbst schmutzig, sein Team besteht neben einer Verkäuferin aus einem Mechaniker und einem Lehrling. Man hat gut zu tun, es wird zügig aber gründlich gearbeitet. Anfänglich ist es Misstrauen, was mich dazu bringt, in der Werkstatt zu sein. Aber schon Minuten später ist mir klar, dass hier Vollprofis am Werk sind! Mit geradezu liebevoller Genauigkeit wird dem alten Fremdfabrikat zu Leibe gerückt. Also verlasse ich die Szenerie und widme mich dem Vorratsbunkern.
    Am Ende braucht man 3,5 Stunden, die Gabel auseinanderzunehmen, zu reinigen, die Ringe zu ersetzen und dann alles wieder zusammenzusetzen. Auch der Fehler ist schnell gefunden – die Beschichtung des rechten Tauchrohres hat eine fingernagelgrosse Beschädigung! Man tut, was möglich ist, aber schlussendlich heisst es: Wenn ihr Glück habt, kommt es gut. Wenn ihr Pech habt, ist die Beschädigung so gross, dass es auch den nächsten Ring putzt. Die war bisher nicht der Fall… Nach Begleichen der mit 60 Euro lächerlich niedrigen rechnung ist es bereits nach 13.00 Uhr. Sollen wir wirklich noch bis in die Dolomiten fahren?

    Wir verschieben diese Entscheidung und brechen erst einmal auf. Kroatien, Slowenien, Italien, dann wieder Slowenien – oder doch nochmal Italien? Manchmal wissen wir es nicht so genau auf unserem Weg entlang der Soca zum Predilpass. Ja, wir fahren bewusst den Umweg über die Julischen Alpen. Denn der direkte Weg über Triest und Autobahn ist uns doch zu fad. Passo di Predil – ich habe diese Gegend schon vor 2 Jahren genossen. Chrissi kann es nun auch nachvollziehen. Die Mangartauffahrt ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Zum Glück! Denn so müssen wir nicht entscheiden, die Auffahrt aus Zeitgründen zu streichen… Und nun kommt nach dem Predilpass eine lange Kette von kleinen und grossen Übergängen mit vielen Kehren und weitgeschwungenen Kehren, bis es sich nicht mehr leugnen lässt: Wir sind in den Dolomiten angekommen! Es ist bereits nach 20.00 Uhr, als wir den Passo Ghiau erreichen, an dessen Rückseite sich das verschlafene Skidorf Selva di Cadore befindet. Chrissis Begeisterung ob der auf dem Navi erkennbaren Kehrenanlagen hält sich in Grenzen. Meine Sorge gilt aber vor allem der lädierten Schneekuhkupplung. Solche Pässe sind schon mit gesundem Töff eine Herausforderung. Aber so, nach einem langen Fahrtag, mit rutschender Kupplung?? Uiui, gut ist dieser Pass so wunderschön – das lenkt uns beide etwas ab. Und dann erreichen wir tatsächlich gegen 21.00 unser Hotel. Wir sind dort beinahe die einzigen Gäste, das Restaurant hat noch nicht geöffnet. Selva di Cadore schläft noch. Und auch wir tun dies nach einer schnellen Pizza im Dorf.
    Freitag, 22.6. Selva di Cadore – Sondrio
    Heute rufen die Dolomiten. Dank eines Navigationsfehlers gelingt es mir, die für heute geplante Route bereits nach nur 500 Metern aus den Augen zu verlieren. Aber nirgends ist das so unwichtig wie in den Dolomiten, wo jede Strasse eine Traumstrasse ist! Dann halt ungeplant irgendwie Richtung Bozen – mal sehen, was so kommt. Und es kommt unter anderem der Pellegrinopass. Man bedenke, dass die Schneekuh immer noch mit kaputter Kupplung reist! Bei strahlender Sonne erreichen wir nach unendlich vielen Kurven Bozen, dieses Wirtschaftszentrum Tirols. Und zum ersten Mal nach Wochen holt uns der Massentourismus so richtig ein. Was mich dazu bringt, mich ebenfalls erstmals ein wenig um den nicht gesicherten Tankrucksack zu sorgen und zumindest Helm und Jacke am Töff anzuschliessen. Ja, ich gebe es offen zu: Mitten in Italien fühlte ich mich weniger sicher als überall sonst auf unserer Reise! Und: An diesem Mittag in Bozen wurden wir häufiger angebettelt als auf der gesamten Tour zusammengenommen. In Zahlen: 1x an der ungarisch-rumänischen Grenze („Haste mal ne Mark?“ auf rumänisch) 2x angesprochen in Bozens Fussgängerzone…
    Nachdem die sauren Nierchen (lecker!) einigermassen im Magen sortiert sind, geht es weiter. Der ursprünglich angedachte Schlenker über Stilfser Joch und Gaviapass wird aufgrund meines Verfahrers am Morgen und unserer eher defensiven Fahrweise (Kupplung) ersatzlos gestrichen. Wir haben ja zum Glück kein abzuarbeitendes Pflichtenheft!! Und so rollen wir ganz entspannt unserem Tagesziel entgegen, einem kleinen Bed&breakfast in der Nähe von Sondrio. Wo man uns das Zimmer verwehrt, weil man sich an keine Reservation erinnern kann… ha! Im Nachhinein stellt sich heraus, dass sie uns vergessen haben. Egal, man telefoniert rum und flugs ist eine alternative Übernachtung in einem Agrotourismo gefunden. Dieser Abend ist gleichzeitig der letzte Abend unserer kleinen Rundreise durch den Osten Europas. Deshalb ignorieren wir geflissentlich die recht üppigen Preise und konzentrieren uns stattdessen auf das hervorragende Essen in schönem Ambiente und lassen bei Wein, Grappa und Limoncello die Tour ausklingen.
    Samstag, 23.6. Sondrio – Heimat
    Der letzte Tag ist wie der erste – es regnet! Aber statt in Vollmontur zu schwitzen entscheiden wir uns für eine Pause nach nur wenigen Kilometern. Nur um dann doch irgendwann ins Regenzeug zu steigen. Ihr habt es schon erraten: Ab dann hörte der Regen für den Rest des Tages auf… Von Sondrio aus führt unser Weg via Splügenpass zurück in die Schweiz. Ein Pass, den man definitiv nicht als anfängertauglich bezeichnen sollte… Aus der Spitzkehre heraus möchte man dann pfeilschnell beschleunigen…. Ah ja, die Kupplung und die regennasse Fahrbahn lassen uns Abstand von diesem Fahrstil nehmen… Aber auch so erreicht man (frau) die Passhöhe und darf dann über die fast schon geometrisch exakt ausgerichtete schweizer Kehrenanlage staunen, die eigentlich prädestiniert für eine Trainingsfahrt wäre! Neben der Autobahn her schlendern wir in Richtung Via Mala, Thusis, Chur – und hier entscheiden wir spontan, dass Chrissi mir das ihr so wichtige und mir so unbekannte Arosa zeigt. Hei, das ist denn eine feine Passage! Kein Wunder, dass der obere Teil seit jeher für Bergrennen genutzt wird. Auch ich lasse Chrissi kurz mit ihrer Kupplung allein und gebe meinem Töff die Sporen. Oben angekommen erhalte ich dann eine intensive Orts“begehung“ durch Arosa, wo Chrissi viele, teilweise wunderschöne, teilweise traurige Erinnerungen hat. Ich kenne viele Geschichten dazu, ab jetzt kann ich auch Bilder damit verbinden.
    Die vorletzte Etappe führt uns dann via Autobahn Richtung Knonauer Amt, um dann letztlich in einer abseits gelegenen Waldhütte auf einige Unentwegte von Mot-on-Tour zu treffen. Die jährliche Mot-Party war an diesem Tag angesetzt und wir hatten uns vorgenommen, dort als Überraschungsgäste aufzutauchen. Ich glaube, die Überraschung gelang. Und bis uns beide die Müdigkeit zum Aufbruch zwang, genossen wir nach 16 Tage der Zweisamkeit die Gruppe von Freunden und Kollegen um uns herum. Und dennoch war es gut, dass die Reise nicht dort im Tohuwabohu endete, sondern so, wie sie begann: Zu zweit unterwegs. Ab Derendingen führten mich dann meine Wege gen Nods, während Chrissi ihre Berner Heimat aufsuchte.
    Gut 5000 km haben wir in 16 Tagen bereist. Wir haben 9 Länder durchquert, von welchen jedes Einzelne eine eigene Reise wert wäre. Wir haben überall freundliche Menschen angetroffen, fühlten uns nie unsicher oder gar bedroht. Die Gastfreundschaft der rumänischen Hirten ist sprichwörtlich, die Freundlichkeit unserer Gastgeber in Mostar steht dem in nichts nach. Wo immer wir auftauchten, weckten wir mittleres bis grosses Aufsehen. Vor allem Christina als ansehnliches Weibsbild rief immer wieder Erstaunen hervor, wenn sie ihren Rotschopf bei Pausen unter dem Helm hervorschüttelte. Man sah förmlich, wie die Hirnwindungen der Männer die diversen optischen Infos verarbeiteten und die an sich deutlich sicht- und erkennbaren Rundungen hier und da erst durch das Zutagetreten des Haarschopfes zu dem Gesamtergebnis „Frau am Steuer!“ führten. Ein Tankwart brachte es auf den Punkt: „Wie und du, eine Frau, fährst selbst Motorrad?“
    Und nun liegt diese wunderbare Tour schon wieder eine ganze Woche hinter uns. Das Gepäck ist verräumt, die alte GS ist in der Werkstatt und erhält eine neue Kupplung – und beim Schreiben dieses Berichtes erwacht in mir schon wieder das Fernweh und der Wunsch, wieder auf Reise gehen zu können.
    Nächstes Jahr dann.

    Grüsse aus dem Jura,
    Holger

  9. Registriert seit
    10.08.2008
    Beiträge
    2.344

    Standard

    #9
    Nabend
    Lesen:5 (ich)
    mehr bilder!!!!!!!!

    Super toller Bericht!!!!
    Zumgleichlosfahren
    Grüße Edda

  10. Registriert seit
    05.10.2007
    Beiträge
    5.262

    Standard

    #10
    Jawollja!
    Weitere Bilder werden nach und nach eingebaut, und den Link zur Bildersammlung gibts auch noch


 
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