Das wird ganz schön knapp. Es ist Dienstag, 15:30 Uhr und es soll heute noch bis in die Nähe von Imst in Österreich gehen. Eine preiswerte Unterkunft soll dann auch noch zu finden sein. Klar...die netten Vermieter von
Privatunterunterkünften warten ja auch nur darauf, dass um halb elf jemand klingelt und nach einem Zimmer fragt....

Soweit der Plan. Also erst einmal der BMW die Sporen geben und Kilometer machen. Rauf auf die Autobahn und
mit wenig Pausen, aber viel Geschwindigkeit beginnt der Ritt über Mannheim, Stuttgart und Ulm. Das macht besonders viel Spaß, wenn man das Motorrad bepackt hat, wie das Kamel einer Karawane. Das kommt davon, wenn man sich in die Idee verbissen hat, ab Italien zu zelten. Mein Reisepartner nennt das „Midlifecrisis".

Dazu später aber mehr.(...zum Thema >Zelten< - nicht zu meinem gefühlten Alter).

Auf jeden Fall liegen wir gut in der Zeit. Es ist noch hell, als das Allgäuer Tor in der Nähe von Marktoberndorf an
mir vorbei fliegt und man den ersten Blick auf die Berge erhaschen kann.


Um 21:00 Uhr geht es über den Fernpass (der im halbdunklen auch nicht spannender als im hellen ist), und weiter über Landstraße bis Imst.

22:00 Uhr. Das ist eine halbe Stunde vor Plan, aber trotzdem ganz schön spät. Jetzt muss „nur“ noch eine Unterkunft her. Der erste Gasthof ist natürlich ausgebucht. Aber angeblich werden zwei Straßen weiter Zimmer vermietet. Ebenso ist es angeblich kein Problem, dort um diese Uhrzeit noch zu klingeln!

Aber wie weit kann man der Aussage von jemanden trauen, der sofort umfallen würde, wenn er sich nicht mehr am Tresen festhalten kann? Aber tatsächlich! Die Wirtin der Privatunterkunft zwei Straßen weiter ist noch wach und hat sogar noch Zimmer frei. Im Austausch gegen das nicht benötigte zweite Bettzeug der beiden Doppelzimmer gegen zwei Flaschen Bier werden wir uns einig. Für 20,- € pro Person gehören die Zimmer heute Nacht uns.

Das mit den Zimmern hätte aber auch schief gehen können. Das nächste mal beende ich meinen Tag im Büro
besser etwas früher. Die Alternative hätte auch ein 5 Sterne und 8 Kometen Palast in Sölden oder eine nette Parkbank sein können...

Der nächste Morgen beginnt früh. Unsere Pensionswirtin muss nämlich um 08:00 im Krankenhaus sein. Für uns heißt das, ein Frühstück, dass das „Früh“ im Namen wirklich verdient und Abfahrt um 07:15 Uhr! So was nennt sich jetzt Urlaub! Aber man muss das positiv sehen. So sind wir am frühen Morgen als einer der Ersten auf dem Timmelsjoch und habe die Straße fast für uns alleine. Trotz des Nebels ein toller Fahrspaß und sogar einige lebensverneinende Murmeltiere kreuzen kurz vor meinem Vorderrad die Fahrbahn. Weiter geht die Fahrt zum Jaufenpass. Auf halber
Strecke machen wir Halt in einen kleinen Gasthaus dass genau in einer Kehre liegt. Ein herrlicher Zeitvertreib den Fahrstil der Bergauf, Bergab hastenden Kollegen zu begutachten und den ein oder anderen Kniff abzuschauen.

Aber langsam wird es Zeit sich schon mal eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. Nach den gestrigen Erfahrungen lieber zu früh als zu spät. Besser gesagt einen Campingplatz. Wir wollen uns schließlich im Zelten zu versuchen. In Toblach werden wir fündig. Camping Olympia. Netter Platz, mit ein bisschen Wald und sauberen Sanitären Anlagen. Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut haben, macht uns ein netter Camper darauf Aufmerksam, dass unter einem Baum der schlechteste Platz zum zelten ist. Sieht zwar gut aus, der Baum tropft bei Regen aber nach.
Na Klasse! Noch keine fünf Minute als Camper unterwegs und schon als Amateur
geoutet.

Da das Zelt doch schneller aufgebaut ist als gedacht, und wir vom Motorrad fahren für den heutigen Tag noch immer nicht genug haben, setzen wir uns noch einmal auf GS und Kawasaki und fahren rüber zur 3 Zinnen Panoramastraße. Nachdem wir 11,-Euro Maut für die 7 Kilometer „lange“ Straße bezahlt haben, geht es los. Um es kurz zu achen....Für die 11,-Euro hätte ich mir lieber ein Bier und der GS eine Dose Kettenspray gekauft. Die Straße ist so
nebelverhangen, dass man die Hand nicht vor Augen sieht. Aufgrund fehlender Leitplanken und eines respekteinflösenden Abgrunds, ist teilweise der erste Gang angesagt. Wenigsten reist am Ende dieser Einbahnstraße der Nebel kurz auf und gibt einen Blick auf das Wahrzeichen der Region frei.


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Die Rückfahrt zum Campingplatz führt noch am Misurina See vorbei. Zumindest an diesem Abend Anfang Juni der ideale Ort für alle, die Ruhe und Einsamkeit suchen. Hier stehen zwar zwei Große Hotels, aber es begegnen uns nur eine Handvoll heimkehrende Wanderer.

Apropos „heimkehren“. Wichtige Regel für alle Neu Camper aus eigener nächtlicher Erfahrung: Wenn es zu Regnen beginnt auf keinen Fall an die Zeltwände stoßen. Jede Berührung wird mit einer kurzen erfrischenden Dusche belohnt!

Trotz der nächtlichen Regenerfahrung wache ich am nächsten Morgen ausgeruht auf, verpacke das einigermaßen wieder trockene Zelt und wir machen uns nach einem kurzen Frühstück an der nächsten Tankstelle auf nach Cortina di Ampezzo. Die Landstraße von Toblach nach Cortina ist so kurvenreich und gut ausgebaut, dass ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht in Cortina einlaufe. Bei einem Espresso entwerfen wir den Plan für den Tag.


Bei der großen Auswahl an lohnenswerten Pässen in den Dolomiten keine einfache Aufgabe.Nach reiflicher Überlegung entscheiden wir uns für folgenden Reihenfolge:

Passo di Falzarego / Passo di Giau / Passo di
Fedai / Passo di Sella / Grödner Joch und Passo Pordoi

Und da die Fahrt im Laufe des Nachmittags noch weiter Richtung Venedig und damit zu Strand und
Meer führen soll, stürzen wir uns ins Dolomiten-Karussell.

Passo di Falzarego: Die große Dolomitenstraße wurde in den fünfziger Jahren anlässlich der olympischen Spiele in Cortina d´ Ampezzo gebaut. Von Andráz nach Cortina d´Ampezzo . Passhöhe: 2.105 Meter. Länge: 25 Kilometer. Durchgehend geöffnet.


Passo di Giau: Der Passo di Giauo zählt zu den schönsten Passstraßen der Dolomiten. Von Cortina d´ Ampezzo nach Selva di Cadore. Passhöhe: 2.233 Meter. Länge: 20 Kilometer. Durchgehend geöffnet.

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Passo di Fedai : Wenn man dicht an die Marmolada mit ihrem Gletscher möchte, sollte man unbedingt den Passo di Fedai fahren. Von Canazei nach Caprile. Passhöhe: 2.056 Meter. Länge: 30 Kilometer. Geöffnet von Mai bis Oktober.


Passo di Sella: Den Sella Pass sollte jeder Motorradfahrer einmal gefahren sein. Er macht aber auch nach dem 10. mal noch Spaß. Von Canazei nach Miramonti. Passhöhe: 2.231 Meter. Länge: 12 Kilometer. Durchgehend geöffnet.

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Grödner Joch: Idealerweise kommt man vom Passo di Sella herunter, um in Miramonti direkt auf das Grödner Joch einzubiegen. Von Miramonti nach Corvara. Passhöhe: 2.121 Meter. Länge: 16 Kilometer. Durchgehend geöffnet.

Passo Pordoi: Das Pordoi Joch liegt genau auf der Grenze zwischen Südtirol und dem Veneto. Von Canazei nach Arabba. Passhöhe: 2.239 Meter. Länge: 21 Kilometer. Durchgehend geöffnet.

Leider ist die Kurventurnerei (wie immer) viel zu schnell vorbei. Aber da die Reise heute Nachmittag noch weiter Richtung Süden gehen soll, wird es Zeit aufzubrechen. Die Adria Küste ist das nächste Ziel und ein Campingplatz, der nicht allzu weit von den Fähren nach Venedig entfernt ist, will auch noch gefunden werden.

Aber vor den Zeltaufbau haben die Götter die Autobahn und die Landstraße gesetzt. Das heißt 300 Kilometer langweiliges Asphaltband abspulen. Das fällt nicht leicht nach den vielen Kehren und Kurven...

Gegen halb acht erreichen wir den Campingplatz >Marina di Venezia<. Direkt am Strand und ungefähr 10 Minuten von der Fähre nach Venedig entfernt. Dazu noch ein 5 Sterne Platz. Was möchte man da, außer einem kalten
Bier denn noch mehr? Bei einem solchem und einer Wagenrad großen Pizza lassen wir (natürlich nach Zeltaufbau und obligatorischem Aufblasen der Luftmatratze) den Tag ausklingen.

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Der Wecker am nächsten Morgen klingelt definitiv zu früh. Aber wir wollen früh in Venedig sein. Bevor es zu heiß wird und die Touristenmassen die Lagune bevölkern. So weit der Plan...Die Realität soll uns bald einholen. Es hätte mich
schon stutzig machen sollen, dass die Fähre zu früher Stunde schon so voll ist. Und warum liegt ein riesiges altes Segelschiff direkt vor Venedig vor Anker? Und wieso stehen alle Matrosen im Ausgehanzug an Deck? Ganz einfach. Heute ist in Italien „Der Tag der Marine“, und der wird in Venedig mit einer großen Parade aller Waffengattungen auf der Piazza San Marco gefeiert. Kann sich jemand vorstellen, was an einem solchen Tag in Venedig los ist? Zusätzlich zu den gewöhnlichen Tagestouristen kommen noch die, die extra für die Parade angereist sind. Plus anscheinend alle Italiener jeden Alters , die jemals Dienst bei der Marine schoben haben. Kurz um...Gefühlt muss die Lagune jeden Augenblick platzen!!!

Aber davon lassen wir uns nicht beirren. Gnadenlos wird im Geschiebe und Gedränge das Standard ouristenprogramm ab gespult. Also auf zum Dogenpalastt, dem Canale Grande und der Rialto Brücke. Schnell noch ein paar
Aufnahmen von den Gondoliere. Man muss zu Hause schließlich beweisen,dass man in Venedig war.

Faszinierend ist sie schon, die Stadt die auf Pfählen gebaut ist. In der alle Waren entweder per Boot oder mit der Hilfe von Handkarren transportiert werden. Sogar die Polizei und die Feuerwehr kommt zum Einsatz über
die Wasserstraße.

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Aber nach ein paar Stunden ist es dann doch genug des Körperkontakts mit wildfremden Menschen und langsam sichtlich angetrunkenen Matrosen. Also zurück mit der Fähre ans Festland und wieder aufs Motorrad. Heute Nachmittag steht noch ein kleiner Kulturschocker auf dem Programm. Mein Reisepartner möchte
einmal einen Blick auf den >Teutonengrill< werfen.

Nun denn. Wer´s braucht....Ein schneller Ritt bringt uns nach Lido de Jesolo. Kilometerlanger Sandstrand. Liegestuhl neben Liegestuhl. So weit das Auge reicht. Ein Hotel neben dem anderen. Dazu noch in vier Reihen hinter einander. Ich denke, mehr muss man nicht beschreiben, um zu Verstehen, warum wir diese Exkursion nach 10 Minuten wieder beenden. Auch dieser Programmpunkt ist abgehakt. Für heute haben wir alles auf der persönlichen to do Liste erledigt.

Am nächsten Morgen heißt es leider schon Abschied nehmen von Italien. Es hilft kein jammern und kein estklammern am Zelt...Wir müssen die Heimreise antreten. Das es jetzt ein wenig anfängt zu regnen macht den Abschied zwar etwas leichter, aber nicht das Abbauen der Zelte.

Da für heute keine Teilnahme an einer Iron Butt Rallye ansteht, haben wir uns entschlossen, die Heimreise in zwei Etappen anzutreten. Heute geht es nur bis Kufstein (Gasthof mit richtigen Betten!), am nächsten Morgen dann weiter in den Taunus.

Aber wie war das noch...? Um zurück kehren zu können, muss man erst einmal abreisen?

Oder besser gesagt...Um wieder raus auf die Straße zu können, muss das Motorrad erst einmal wieder in die Garage...


Weitere Bilder von dieser Reise finden sich auf meiner Homepage:

motorradwanderers Webseite!