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Horrortrip gen Heimat

Erstellt von Demokrit, 24.06.2016, 18:21 Uhr · 20 Antworten · 3.656 Aufrufe

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    Standard Horrortrip gen Heimat

    #1
    Bin gestern Nacht von einer 12-tägigen Motorradreise durch Nordengland, Wales und Teile der Midlands zurückgekehrt. Insgesamt ein grandioses Erlebnis mit unzähligen netten Kontakten on-the-road. In York war ich in der Jugendherberge, ansonsten jede Nacht im Zelt – auf ausgezeichneten Campingplätzen. Alles war bestens – abgesehen von der letzten Nacht vor der geplanten Rückreise, deren Verlauf ich für Interessierte kurz schildern möchte:

    Am Tag vor der Rückreise war ich vom „Brecon Beacons National Park“ in Südwales in die „Cotswolds“ gereist, die ich bei leisem Nieselregen besichtigt habe. Nach der kulturellen Ertüchtigung habe ich am späteren Nachmittag geplant einen Campingplatz in „Chipping Norton“ angelaufen. Er gehört zum „Camping & Caravaning Club“ (C&CC), deren Plätze zwar minimal teurer waren als andere, dafür aber immer perfekt ausgestattet sind. War dieser Platz auch – nur mangelte es hier eher an der menschlichen Seite.

    Als ich gegen 18 Uhr tropfend in der Rezeption stand, bediente mich ein älterer Herr (nein, eher ein „Sir“ im Nylon Trainigsanzug). Er wirkte nicht wirklich glücklich, als er mich sah. Kann ich verstehen, denn ich selbst würde mich auch nicht mögen, wenn ich mich sähe. Nur hier schien es mit meinem Reisemittel zusammenzuhängen. Ich reiste schließlich auf einem Motorrad, und nicht mit einem Land-Rover Discovery, der einen schnieken Caravan im Schlepptau hat. „Normale“ Briten sind sehr motorradaffin und haben mich immer ausgesprochen freundlich in Empfang genommen, doch dieser hier war anders.

    Es begann bei der Preisfindung. Ich rechnete mit 12 Bpd, dem Betrag, den ich durchschnittlich auf allen C&CC Plätzen gezahlt habe. Er stierte minutenlang in seinen Computer, kratzte sich am Vorkopf, erbat meinen Pass (den bislang niemand ausser der britischen Immigration interessierte), und versank erneut im Computer. Schließlich überraschte er mich mit einem Preis, der mich erblassen ließ. 19,80 Bpd sollte mich die Nacht in meiner 4m² Residenz kosten. Mir entwich ein „You are kidding, aren't you?“. Dies machte ihn sichtlich nervös, und er bemühte erneut seinen PC. Ich war jetzt schon fast trocken, und ich wollte ihm helfen. Also erzählte ich ihm, dass meine Daten bereits beim ersten Besuch einer C&CC Anlage erfasst wurden, und er einfach nach meinem Namen suchen sollte. Tat er dann auch, und er war sehr erleichtert, als er mich (mutmaßlich) fand.

    „You are travelling with a motorhome, and you are a member. At least that's what is in the computer“. Ich wies lächelnd auf die verglaste Tür der Rezeption, vor der mein 2-rädriges Motorhome im Regen stand. Ich versichte ihm, dass ich weder ein „Member des C&CC“ wäre, noch jemals ein Motorhome besessen, oder eine entsprechende Anschaffung auch nur erwogen hätte. Jetzt standen harte Fakten in direktem Widerspruch zu Daten, und Daten zu ändern überstieg deutlich seine Talente. Ich bat ihn, seinen Monitor zu drehen, und was ich erblickte, lies mich grinsen. Er hatte einen „Mr. Ulrich“ gefunden, ein C&CC Mitglied, welches ein Wohnmobil besitzt, und so heißt, wie mein 2. Vorname. Er hatte also nach irgendeinem nicht-numerischen Wort gesucht, welches er in meinem Pass gefunden hatte. Nicht, dass Europäische Pässe nicht mehrsprachig ausgelegt wären – ab einem gewissen Alter verlieren auch Gleitsichtbrillen ihre erhellende Wirkung. Jetzt bat ich nicht nur um den Monitor, sondern auch um die Tastatur. Die C&CC Software ist intuitiv zu nutzen (stammt also SICHER nicht von Garmin), und ich fand mich binnen Sekunden. Jetzt ging es erneut um die Preisfindung. Nach nur wenigen Minuten konfrontierte er mich erneut mit den 19,80 Bpd, und erwähnte, dass ich selbstverständlich auch einen anderen Platz ansteuern könne. Dies wäre nun mal ihr Preis – Computer lügen nie.

    Ich sagte: „Yes, I know – Compter says no“. Zum Glück hatte aber mittlerweile ein anderer Sir die Bühne betreten. Er war in meinem Alter, ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, und nahm sich jetzt der Sache an. Gefiehl dem Alten sichtlich nicht. Er kam schließlich auf 14,80 Bpd, und er erklärte den immer noch hohen Preis so: Seit heute würden die Preise für die Hochsaison gelten (kann jeder C&CC Platz individuell entscheiden – auf den meisten anderen beginnt die Peak Season erst Mitte Juli). Zusätzlich wären da 6 Bpd „Penalty“, die Nicht-Mitglieder zahlen müssten. Hier irrte er, denn diese Regelung galt nur für Caravans und Wohnmobile, nicht hingegen für Zelt-Camper. War mir aber egal. Ich hatte hier bereits 45 Minuten meiner immer knapper werdenden Restlebenszeit verbraucht, und ich zahlte gerne und lächelnd.

    Jetzt übernahm wieder der Chef. Er würde mich zu meinem Platz geleiten. Die Schranke zum Platz würde sich durch einen 4-stelligen Code öffnen lassen, den er mir schriftlich überreichte. Allerdings nicht zwischen 23 und 7 Uhr, denn dann bliebe die Schranke zu. Alternativ könne ich als Zeltcamper auch durch einen Mauerdurchbruch fahren, der direkt an der Rezeption lag. Ich denke, dies wäre ihm deutlich lieber gewesen, denn dann hätte ein solch schreckliches Motorrad nicht die Ruhe der anderen, rein britischen Besucher, stören können. Passte aber nicht durch. Bekoffert nicht. No Chance. Ich öffnete also per Code den Schlagbaum, machte meine große Platzrunde und kam von hinten wieder zu der Stelle gefahren, an der der Mauerdurchbruch endete. Er verwies mich auf Platz 2 (Platz 1 gab es nicht), dem ersten von etwa 100, welche die ansonsten ca 200 m lange und restlos leere Campingwiese parzellierten. Auf anderen Plätzen hätte es geheißen: „Pitch anywhere you like – such Dir irgendeinen Platz der Dir gefällt“, hier hingegen war es Nummer 2. Diese lag, sich verkehrsgünstig an eine gut frequentierte Landstraße anschmiegend, am diametral entferntesten Punkt zum Sanitärgebäude. Da für mich britische Campingnächte grundsätzlich im lokalen Pub eingeleitet wurden, und bei mir jedes Guinness separat zum Abort getragen werden möchte, standen mir also des Nachts 3x 2x 200m bevor, also ein Fußmarsch, für den so mancher Alpenverein bereits einen Stocknagel verleihen würde. War mir aber egal, ich würde einfach in die Büsche pinkeln. Zu meiner Überraschung traf ich später den einzigen anderen Zeltcamper auf der Anlage. Er stand mit seinem alten Ex-Military Land-Rover direkt neben dem Sanitärgebäude, auf einer weiteren, ebenfalls leeren Campingwiese. The vehicle made the difference.

    Der Regen hatte aufgehört, und ich baute also mein Zelt auf. Danach zurück zur Rezeption, um den Weg zum besten „local Pub“ zu erfragen, für den im Prospekt der Anlage geworden wurde. Ganz so „local“ war er dann doch nicht, denn er lag in „Chipping Norten“, dem namensgebenen Ort des Platzes. War 2 Meilen entfernt, also 3,3 km. Deutlich ausserhalb meiner Schwankweite. Also beschloss ich, mich auf 1 Guinness zu beschränken, und zum Pub zu schraddeln.

    Durchs Einbahnstraßensystem des Platzes zurück zur Schranke, die sich bei Ausfahrten ohne Code öffnen sollte - und dann doof gucken. Sie öffnet sich nämlich nicht. Während ich da tuckernd stand, und sinnlos Kohlenwasserstoffe verbrauchte, erschien der nettere Warden, und erzählte mir, dass Motorräder zu wenig Metallmasse enthielten, um diese Schranke auf zu kriegen. Ich solle einfach drum rum fahren, was auch problemlos klappte. Schranken gab es auf allen C&CC Anlagen, aber nur diese war wählerisch hinsichtlich des Fahrzeugs. Bestimmt vom alten Schrat so programmiert.

    Chipping Norton hatte was. Altes Marktdörfchen im „Inspektor Barnaby“ Stil, in steile Hänge gebaut. Beim Durchfahren entdeckte ich mindestens 10 höchst attraktive Pubs. England- und Wales-Reisende wissen, dass das Parken eines Motorrades in verschlafenen und oft eng bebauten britischen Weilern zu einer echten Herausforderung werden kann. Hier ganz besonders. Alles war schief und krum. Obwohl ich den Ort mehrmals komplett durchfuhr, gab es KEINE einzige ebene Stelle, auf der man ein Motorrad auf irgend einen Ständer hätte stellen können. .... happens. Ich fand schließlich in einen Vorort einen halbwegs ebenen Dorfladen, in dem ich 2 Büchsen Guinness und Zutaten für ein Abendessen fand. War eh die letzte Nacht im schönen Königreich, und da schalte ich gerne auf „Egal-wie-Modus“. Ab ins Zelt, was futtern, das unvermeidlich und stets angenehme Gespräch mit anderen Campern und dann früh in die Schlaftüte, um morgen eine der günstigen „vor-12Uhr-Fähren“ im 260 km entfernten Dover zu erreichen.

    Nach meinem Festmal ergab sich noch ein angemehmes Gespräch mit dem netteren der beiden Rezeptionisten. Er mochte Motorräder und ihre Besitzer, und er mochte „real campers“. Er wäre in der Saison als Camping-Assistant vom C&CC beschäftigt. Als Entlohnung gibt’s wohl eine eigene eingezäunte und mietfreie Parzelle, sowie zwei schmucke Schilder: „C&CC Camping Assistant, on duty (oder off duty)“. Netter Kerl. Ich bat ihn um den Wifi Code, um meine um einen Tag verfrühte Rückreise zu Hause ankündigen zu können. Mobilempfang gabs an diesem Ort mitten in den Feldern nicht, aber das Wifi war perfekt. Auf C&CC Anlagen haben Mitglieder kostenfreies Wifi (und einen entsprechenden Code), für Nicht-Mitglieder kostet Wifi 3 Bdp pro Tag. Zumindest theoretisch, denn ich habe den Code auf jeder bisher besuchten C&CC Anlage ungefragt in die Hand bekommen. In einem Land, wo jede Frittenbude mit kostenlosem Wifi wirbt, ist Pay-Wifi ein absoluter Anachronismus – und das Wissen auch die Mitarbeiter. Er wirkte sehr betroffen, konnte mir aber nicht helfen, da er als „Assistant“ die Codes nicht hätte. Der Alte verwies auf die 3 Bpd, und ich zeigte ihm mental den Stinkefinger. Würde ich einfach während des Frühstück in irgend einem Cafe der Strecke regeln. Ich ging um 8 Uhr pennen. Zumindest plante ich dies. Erst im Liegen wurde mir bewusst, das meine Premiumparzelle Nummer 2 den Lärm von zwei Landstraße abbekam, die knapp neben meinem Gehörgang zusammenführten. Keine Ahnung, obs am Lärm oder der bevorstehenden unkommoden Abreise über ekelhafte Autobahnen lag, ich konnte nicht schlafen. Im Kopf erwog ich statt dessen eine Email an den C&CC, um mich über den gelebten Motorradfahrerhass auf dieser Anlage zu beschweren. „No, I was not amused and I didn't feel welcome at all“.

    Kurz nach 1 Uhr muss ich tatsächlich etwas eingedöst sein, denn man kann nur wach werden, wenn man vorher geschlafen hatte. Auslöser war eine plötzliche Lichtflut über meinem Zelt - es war taghell, und ein Geräusch, wie es wohl ein riesiger Militärhubschrauber verursachen würde, flöge er in etwa 5 m Höhe direkt über mir. Da eh gerade ein Guinness vor die Tür wollte, kroch ich aus dem Zelt - und guckte doof. Direkt über mir, in etwa 10m Höhe, schwebte genau ein solcher riesiger Militärhubschrauber. Im Gegenlich der Scheinwerfer entdeckte ich viele behelmte Köpfe. Einige der Leute in Tarnfleck winkten und grüßten freundlich. In dieser Stellung verharrten alle Beteiligten für etwa 3 Minuten, und ich guckte meinen Heringen dabei zu, wie sie sich selbstständig aus dem Boden zogen, und meine Mobilie flach legten. Ich musste grinsen. Genau wie im Orkan in Durness, als ich direkt an den Klippen zeltete.

    Ich denke, der Pilot hatte sich bei den GPS Koordinaten vertan, denn plötzlich flog die Kiste weg, um eine neue Position auf dem Acker neben dem Platz einzunehmen. Danach seilten sich 20 Krieger ab, um mich vor eventuellen Taliban zu beschützen. Gute Sache, sowas.

    Jetzt hatte ich noch mehr Stoff zum grübeln, und blieb wach bis 4 Uhr. Es wurde gerade hell, und ich beschloss, genau jetzt abzureisen. Um 4:45 Uhr schob ich meine Kiste (entkoffert) durch den Mauerdurchbruch, befestigte mein Gepäck und ritt in den Sonnenaufgang. Unkommod wirkte das große, rote Warndreieck, welches hektisch im Display meiner Kuh blinkte und Mayday funkte. Auslöser war ein Austattungsmerkmal, welches mir beim Kauf meiner GS am überflüssigsten erschien. RDS Warnung für den Hinterreifen, 1,3 bar, statt 2,9. Bei erster Durchsicht konnte ich keinen Fremdkörper finden, schloss also nicht aus, dass sich irgend ein Spaßvogel am Ventil vergnügt hatte. Sehr langsam fuhr ich die 2 Meilen nach Chipping Norton, um mir den Reifen im Licht einer Tankstelle näher zu begucken. Ich fuhr direkt zur Druckluftstation, deren Nutzung im UK schon lange kostenpflichtig ist. 1 Bpd pro 6 Minuten Luft. Unverschämt im UK, unverschämt bei uns daheim.

    Und tatsächlich. Ich fand einen Nagel im Reifen. Da ich nie ohne ein Reifenpannenset das Haus verlasse (hatte mir schon 3 mal zuvor den Hals gerettet), machte ich mich ans Werk. Der erste „Gummidübel“ versagte. Beim Rausziehen der Ahle kam er wieder mit. Der zweite Versuch gelang. Ich warf die Druckluftkiste an und wartete gespannt. Sie sollte hupen, wenn der eingestellte Druck erreicht ist. Tat sie aber nicht. Durch den einsetzenden Regen konnte man auch nicht hören, ob Luft kam. Schließlich ging ich in die Tanke, um über die Fehlfunktion zu meckern. Die Revierförsterin konnte nur mit den Schultern zucken und mir ein weiteres Pfundstück zu geben, um es nochmals zu versuchen. Diesmal hörte man tatsächlich einen Kompressor anspringen, und der Reifen blähte sich in Form. Jetzt die spannende Frage, ob er die Luft auch halten würde. Zum Glück tat er es, und um 5:30 konnte ich weiterfahren.
    Ich hatte zwar detailliertes Kartenmaterial für die wesentlichen Regionen meiner Reise, aber keine für die Midlands, in denen ich mich befand. Ich war also bereit, mich wider besserem Wissen den Künsten von Garmin zu überlassen, um nach Hause zu finden. Es war meine 30. Reise ins UK, und gänzlich orientierungslos wäre ich auch ohne Navi nicht gewesen.

    Als mich mein Garmin Qualitätsprodukt schließlich nach Oxford führte, war ich trotzdem erstaunt. Oxford ist über alle Grenzen hinaus als Brennpunkt des Verkehrschaos bekannt, und wie ich heute weiß, hätte es zahllose stadtfreie Alternativstrecken zur M40 gen Süden gegeben. Sogar kürzere. Aber so denkt Garmin nicht. Erst mal in irgend etwas Großes, was man auch in den US of A kennt, und dann sehen wir mal weiter. So erlebte ich 30 Minuten Stadtrundfahrt durch die aktuellsten Großbaustellen Oxford's.

    Endlich auf der Autobahn angelangt wurde aus Nieselregen ein Gewittersturm. Ich war gut gummiert und pfiff mir eins, während ich nach Süden fuhr. Zu dieser frühen Stunde würde ich wohl noch halbwegs staufrei über die M25 kommen, die Ringautobahn um London. Vor 9 beginnt im UK nie was. Als ich sie gegen 6:45 erreichte, stellte sich das als falsch heraus. Der Stau begann bereits auf dem Zubringer. Deutlich mehr stop als go. Wenn es mal vorwärts ging, so tat es das in 5 m Etappen. Ein Merkmal der M25 ist, dass man sie faktisch nicht vermeiden kann. Es gibt keine Ausweichstrecken, und so ergaben sich alle in ihr Schicksal. Da es im UK völlig normal ist, dass Motorräder bei Staus durchgelassen werden, machten alle bereitwillig Platz. Mehr als einmal hörte ich Kommentare wie „nice bike, you've got!“. Da aber 3 der 4 Spuren von LKW genutzt wurden, gab es nicht häufig Gelegenheit, die Position entscheidend zu verbessern. Ich mach die Sache kurz. Der Stillstand ergoss sich über 140 km und kostete mich 6 Stunden. Grund waren mehrere Überflutungen der Motorway, die erst von der Feuerwehr abgepumpt werden mussten. Die kontinentalen Großgewitter waren also im UK angekommen. Der Grund, warum ich einen Tag früher abgereist bin. 6 Stunden Stop & Go auf einem Motorrad sind ein unvorstellbares Handmuskeltraining, speziell links. Auch meine Kupplung dürfte 10% ihrer Lebensspanne hinter sich gelassen haben. Einen halben Tank habe ich leer gestanden. Die Pannenspur war gesäumt von Fahrzeugen, deren Motoren der Sache nicht gewachsen waren. Es war ausgesprochen heiß, im warmen Dauerregen.

    Ich erreicht gerade noch die 14 Uhr Fähre nach Dünkirchen. Seit neuestem gibt es zusätzlich zur doppelten Passcontrolle (1x durch französische Zöllner, 100 m weiter erneut, diesmal durch britische) eine Sicherheitskontrolle. Ein PKW wurde gerade durchsucht, als ich an der Reihe war. Ein sehr freundlicher Border Officer hielt mir nacheinander mehrere Papptafeln unter die Nase, auf denen gefährliche Gegenstände abgebildet waren. Da waren Feuerwaffen jeglicher Prägung, Sprengstoffgürtel, Chemische, bakteriologische oder nukleare Kampfstoffe ebenso wie Messer und Campinggaskartuschen. Zu jeder Tafel wurde ich befragt. Als wir schließlich bei der Tafel mit den Messern, Schwertern und Macheten angekommen waren, erwähnte ich mein Taschenmesser, welches bislang vorwiegend Äpfel geschält hatte. 5 Euro bei Polo. Es wurde formell konfisziert, und der Vorgang wurde schriftlich festgehalten. Da ich es freiwillig vorgezeigt hatte, wurde ich auch nicht erschossen.

    Mir ging durch den Kopf, dass der messertechnische Amoklauf wohl eher in den Londoner Stau gepasst hätte, als auf die entschleunigende Fähre. In einer solch hysterischen Zeit dienen diese Maßnahmen wohl mehr der allgemeinen Beruhigung. Ich denke, jeder halbwegs kompetente Taliban hätte einfach einen 6-Tonner mit Sprengstoff beladen und auf den Dampfer geschickt - denn Frachtkontrollen gab es keine.

    Vor dem Boarden lernte ich Steve kennen, einen Seemann aus North Yorkshire, der seine schichtfreie Zeit mit einer Motorradtour zur Rennstrecke in Assen veredelte. Dazu gesellte sich noch ein Biker aus Dresden. David spendierte Kaffee, ich meinen Vorrat an Bifis und Mars – die Überfahrt verging wie im Fluge. MetOffice, der britische Wetterdienst, hatte Gewitterregen für Dover und Dünkirchen angekündigt – aber er irrte zumindest teilweise. In Dover schien die Sonne, und über Dünkirchen lagen dicke Kumulswolken im ansonsten blauen Himmel. Dies alles sah zwar nach Gewitter aus, war aber noch keins. Gut so, ich hatte heute bereits genug Gummi.

    Es war David's erste Motorradtour auf den Kontinent, und er wirkte sehr unsicher hinsichtlich des Rechtsverkehrs. Ich erklärte ihm lange den Right-of-Way, unsere lieb gewonnene Rechts vor Links Regel, für die es im UK keine Entsprechung gibt. Er war sehr dankbar, als ich ihm anbot, ihn die ersten 150 km bis kurz vor Brüssel zu geleiten. Das war auch gut so, denn an den ersten beiden Tankstellen auf belgischer Seite wäre er gescheitert. „Erst zahlen, dann tanken, denn Rückgeld abholen“. Misstrauische kleine Gnome, diese nordbelgischen Tankstellenbetreiber. Bei der letzten Rauchpause vor der Trennung tauschten wir unsere Adressen und gegenseitige Einladungen, und guckten besorgt in die tiefschwarze Wolkendecke, die sich endlos bis zum Horizont in Fahrtrichtung erstreckte.

    10 km vor Brüssel ging dann die Welt unter, während kirschgroße Hagelkörner auf mich niedergingen. Nach dem Hagel folgten Regenmengen, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. War mir latte, ich wollte heim. Ich gummierte mich nur obenrum, denn für Hose, Stiefel und Handschuhe war es längst zu spät, und fuhr mit 60-80 km/h über die Ringautobahn Brüssel. Nach 10 km und 3 frischen Unfällen (Blechschäden) kam der komplette Stillstand. Am Horizont konnte man die Ursache erkennen. Eine Senke auf der Autobahn war 3 m hoch geflutet, und einige Fahrzeuge dümpelten in der Brühe rum. Nix ging mehr, und dies 4-spurig. Als ich zum Stehen kam, befand ich mich direkt auf Höhe einer Abfahrt ins Brüsseler Zentrum. Ich hatte keinen Bock mehr auf weiteres Handmuskeltraining, und ich würde diesen ganzen Mist so lange umfahren, bis ich wieder auf die E40 nach Lüttich stoßen sollte. Während mein Garmin mich penetrant immer wieder zu der Stelle zurück geleiten wollte, auf der ich die Bühne verlassen hatte, schaltete ich die wertlose Nervkiste einfach ab und fuhr nach Gefühl. Ich kam am Atomium vorbei, an Parlamentsgebäuden, an zahllosen Staus, die sich gebildet hatte, weil die gesamte Stadt gerade abgesoffen war. U-Bahnhöfe waren geflutet, und sämtliche Senken, von denen es in Brüssel viele gibt. Ampelanlagen und Straßenbeleuchtungen waren ausgefallen. Die Gewitterzelle lag nicht nur über Brüssel, sie lag anscheinen über dem ganzen Land. Es gab keine Sekunde ohne mindestens 3 zeitgleiche Blitze, die oft horizontal über den Himmel zischten. Der Starkregen war mir völlig egal, denn es war mit 25°C ausgesprochen warm – steigende Sorgen machten mir die Blitze. Treffen sie ein Motorrad, so sieht man sich schnell 6 Fuss unter der Erde wieder. Ich fuhr trotzdem weiter, denn eigentlich habe ich mein Leben gelebt.

    Um 21:30 erreichte ich tatsächlich eine Auffahrt der E40, die nicht geschlossen war. Hinter mir gab es keine Scheinwerfer, was deutlich auf die Vollsperrung hinwies. Ich kam nur noch mit 50 km/h voran, aber immerhin kam ich weiter. Die Blitzzahl steigerte sich noch, und es gab keinerlei Anzeichen einer anstehenden Besserung. Kurz vor Leuven schlug 200 m vor mir der Blitz in einen der Beleuchtungsmasten der Autobahn. Der Leuchtkörper zerplatzte und fiel funkensprühend auf die Autobahn. Etwa 1 km wurde dunkel, resettete sich aber schnell. Ab jetzt war der Blitzschlag kein theoretisches Problem mehr – ich hatte Todesangst. Nach 10 km kam zum Glück ein Rasthof, wo ich nachtanken und mich unterstellen konnte. Teile der Anlage waren überflutet, und in der Abfahrt lag ein LKW auf der Seite. Alles war voller Blaulichter, und an der Perfektion mancher Absperrungen erkannte man, dass dies wohl schon seit Stunden so laufen würde. Ich musste 10 Minuten unter dem Dach der Tankstelle warten, bis ich tatsächlich den Tankverschluss öffnen konnte. Der Regen wurde 10 m unter das Tankstellendach geblasen, und es wäre mehr Wasser im Tank gelandet, als Sprit. Danach stellte ich meine Kiste in den Regen und suchte mir ein trockenes Plätzchen, um die Blitzerei auszusitzen.

    Während ich wartete, kam ein belgischer GS-Fahrer dazu. Er hatte 3 Stunden gebraucht, das nahe Brüssel zu verlassen, und er wollte nach Lüttich. Seine Partnerin hatte ihm am Telefon erzählt, dass über Lüttich schwarze Wolken hingen, es aber noch nicht gewittern würde. Er bot an, gemeinsam weiter zu fahren, aber mir waren die Blitze noch zu präsent. Ich wartete noch eine Zigarettenlänge, und fuhr danach auch weiter. Die Blitzerei ging unvermindert weiter. Fast kein Verkehr mehr auf der Autobahn, und 30% davon waren Einsatzfahrzeuge von Polizei, Rettungskräften und Feuerwehren. Nach 3 km offenbarte sich der Grund. Mehrere große Bäume lagen quer auf der Autobahn, und einer hatte einen Tanklastzug erwischt. Keine Personenschäden, denn der Fahrer stand fluchend neben seinem ramponierten Zug, aus dem es gefährlich plätscherte. Irgend eine Chemikalie, die Feuerwehrleute trugen Druckatmer. 200 m weiter brannte ein PKW – aber auch hier standen die Insassen daneben. Die Gefahrenstelle war mustergültig abgesichert, und über eine verbleibende Spur wurde der Verkehr langsam daran vorbeigeführt. In der Luft das Geräusch von Motorsägen.

    Ich beschloss, auch hinter dieser Stelle auf der linken Fahrspur zu bleiben, und das war auch gut so. 5 km weiter war eine komplette Autobahnböschung weggespült worden, samt Baumbestand. Diese Stelle war noch gar nicht gesichert, und manche Bäume lagen bis auf die mittlere Spur. Ich hing mich mit etwas Abstand hinter einen LKW, der als Baumpuffer fungieren sollte. Klappte gut, denn ich lebe noch. Die Blitze begleiteten mich hautnah bis kurz vor Lüttich. Dann hörte der Regen schlagartig auf. Was blieb waren die vielen Äste und Bäume auf der Strecke. Hier muss ein Tornado gewütet haben. Viele Blechschäden, und zahllose Blaulichter über eine Strecke von 120 km. Nachdem ich bei Eupen von der Autobahn abgefahren war, habe ich auf der Landstraße doch noch einen Ast erwischt. Zum Glück nur einen kleinen.

    Im Morgengrauen war ich zu Hause. Heile und unversehrt. Einziges Opfer war eine Schachtel Zigaretten, die restlos aufgeweicht war. Angesichts heutiger Preise fast schon ein Versicherungsfall.

    Gestern war mein Armageddon, ganz ohne Frage. Meine GS, die bei der Abfahrt in Chipping Norton noch schlammverkrustet war, glänzt jetzt wie im Prospekt. Der belgischen Online Presse habe ich entnommen, das wohl 120 L/m² runtergekommen sind. Dampfstrahler einmal anders.

    Glückauf

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    #2
    Saubär! Dabei hab ich vor belgischen Autobahnen schon im Trockenen einen starken Respekt. . .

    Welcome back!!!

  3. Registriert seit
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    #3
    Super geschrieben, ich warte noch auf die Verfilmung

    Gruß
    Leon

  4. Registriert seit
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    #4
    Meine holde Gattin hat wg deinem Beitrag den Rest von THOR verpasst. . .

  5. Registriert seit
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    #5
    Danke für den spannenden und kurzweiligen Bericht. Ist wohl eine jener Fahrten, die man nicht vergisst. Das nächste Mal kann nur besser werden.
    Sturmi

  6. Registriert seit
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    #6
    Besser als viele Bücher und als TV! Nur zu kurz! Ausser für dich!?!

  7. Registriert seit
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    #7
    Super geschrieben. Hab es mit Vergnügen gelesen. Hast du prima gemeistert.

  8. Registriert seit
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    #8
    Musste häufiger schmunzeln, als ich deinen Bericht las. Super geschrieben. Respekt vor deinem Durchhaltevermögen.

    Erinnert mich an eine Rückfahrt aus Frankreich, damals wußte ich noch nicht, was mit Dantes Inferno gemeint war. Als Krönung durfte ich bei jeder Mautstelle auch noch das vollkommen durchnässte Portemonnaie herausholen. Letztendlich habe ich es dem Personal nur noch auf den Tresen gelegt. Ich habe nur nicht so lange durchgehalten wie du und schließlich in Freiburg eine Unterkunft genommen.

  9. Registriert seit
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    #9
    Als ich die Länge des Berichts sah, dachte ich, ohje, da hatte aber einer Langeweile und wollte zum nächsten Beitrag gehen. Habe ich nicht gemacht und mich stattdessen an deinem Bericht erfreut. Einige Dinge kamen mir bekannt vor und auch einige Handlungsabläufe.

    Ging es dir am Ende dieses Tripps auch so, dass du irgendwie stolz auf dich warst, dass du diese Herausforderung bestanden hast?

  10. Registriert seit
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    #10
    Ich kann mich da an die Reise (allerdings Gespann) quer durch Östereich, 2009(?), mit sinnflutartigem Regen erinnern. Kein Gewitter. Bei Mondsee endlich (Triathlonveranstaltung!) in ´n Hotel. Die wollten auf so ´nem Zettel wissen, was mir denn am Besten am Hotel gefallen hätte. "Die große Hotelgarage" (ebenerdig). Hab alle Regenklamotten dort drapieren können.


 
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