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Zeltwochenende in Dänemark

Erstellt von Svendura, 03.05.2012, 07:08 Uhr · 23 Antworten · 3.795 Aufrufe

  1. Registriert seit
    11.02.2011
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    113

    Standard Zeltwochenende in Dänemark

    #1
    Mit einem fiesen Rrrrtsch zerfetzt der
    stürmische Ostwind die nagelneue Landkarte,
    die ich eben erst beim Tanken gekauft habe.
    Willkommen in Dänemark. Es ist das lange
    Maiwochenende und ich bin unterwegs nach
    Norden zum Ringkøbing Fjord. Ein letztes Mal
    möchte ich meine Ausrüstung checken, bevor ich
    Ende Mai für einen Monat nach Irland fahre.


    Bis dahin muss alles perfekt sein und gerade meinem neuen Zelt, dem
    Denali III von Salewa, traue ich noch nicht so recht. Taugt es etwas, oder
    nicht?




    Bei ARAL in Flensburg tanke ich den winzigen 7,7 Liter Tank der KLX noch
    einmal randvoll mit dem guten Ultimate 102. In Dänemark gibt es nur
    Schonkost für die kleine Kawa. Mehr als 95 Oktan sind selten zu
    bekommen und sie ist besseres gewöhnt.

    Puh, ist das kalt und windig. In Ribe halte ich an, um eine Tasse heißen
    Kaffee zu trinken und bei der Gelegenheit gleich meine Fleecejacke
    unterzuziehen. Der Imbiss in Ribe ist wirklich eine Institution. Direkt an
    der Durchgangsstraße gelegen bietet er nicht nur ausgezeichnete HotDogs
    und Pommes, sondern verblüfft auch mit unglaublich reichhaltigen
    Portionen. Wenn ich hier vorbeikomme, dann esse ich jedesmal hier. Aber
    heute bleibt es beim Kaffee. Ich will für die Tour in vier Wochen noch ein
    paar Kilo abnehmen. Dann reist die Campingausrüstung gewissermaßen
    'für Lau' mit.

    "Ist hier noch frei?" fragen mich zwei kleine Mädchen von vielleicht 8
    Jahren und sehen mich erwartunsvoll an. "Ja, gerne. Nehmt
    Platz."erwidere ich und schaue neidisch auf die unglaubliche Riesenportion
    Pommes Frites auf einer ovalen Servierschale, die die beiden zwischen
    sich auf den Tisch stellen. Es sind die dicken dänischen Pommes mit dem
    Wellenschnitt und sie sehen perfekt aus und sie dampfen und... Nein, ich
    esse heute abend. Grmpff...



    Die nächsten Kilometer sind ebenso eintönig und ereignislos wie die ganze
    Strecke durch Dänemark. Wie mit dem Lineal gezogen, verlaufen die
    Straßen schnurgerade bis zum Horizont. Der stramme Ostwind nervt und
    ich segele bei Seitenwind in leichter Schräglage stur mit 94 km/h
    Kilometer um Kilometer vor mich hin. Der Drehzahlmesser der KLX steht
    bei 6.000 U/min und damit gute 4.500 Umdrehungen unterhalb der roten
    Marke.

    In Varde fahre ich zum Tanken auf eine SHELL-Station. Wie so oft in
    Skandinavien ist es eine Automatentankstelle, mit denen ich schon
    häufiger Probleme hatte, weil ich einfach nicht begriffen habe, wie man sie
    bedient. Misstrauisch stehe ich vor dem Automaten und studiere die
    Bedienungsanleitung. Ein Däne, dessen Auto gerade in der Waschanlage
    bearbeitet wird, hat wohl meine Ratlosigkeit bemerkt und kommt zu mir
    herüber: "Brauchst du Hilfe?", fragt er mich und spricht es wie "Hieelfe"
    aus, was total süß klingt. "Ja, bitte.", freue ich mich. VISA-Card rein,
    Sprache deutsch wählen, Tanksäule #2, Rüssel rein und...nix. Ach ja, an
    der Zapfpistole noch die Oktanzahl wählen: 95. Alles ganz einfach, aber
    man braucht eine VISA-Karte mit PIN, die ich mir nach meiner
    Schwedentour im letzten Jahr extra zum Tanken in Skandinavien besorgt
    habe.

    Obwohl es sicher 12° C sind, ist mir kalt. Das macht vermutlich der starke
    Wind. Ich bin froh, als ich in Varde an einem Supermarkt vorbeikomme.
    Das ist die Gelegenheit, mich etwas aufzuwärmen und gleich noch ein paar
    Kleinigkeiten fürs Abendessen zu besorgen. Obwohl Sonntag ist, haben die
    Supermärkte geöffnet.

    Ich stelle das Motorrad neben dem Eingang zwischen den Gartenartikeln
    ab, hänge Helm und Handschuhe an den Lenker und stiefele in den Laden.
    Gleich hinter dem Drehkreuz haben die Smørrebrøds, wie ich die Dänen
    insgeheim liebevoll nenne, ganz hinterhältig eine Truhe mit besonderen
    Spezialitäten zur Eröffnung der Grillsaison platziert. Die Entrecotes sehen
    anbetungswürdig aus.

    Ich habe zwar Grillfleisch von zuhause im Tankrucksack, aber das können
    dir mir im Laden ja nicht beweisen und so lege ich mit Unschuldsmine,
    gerade so, als sei es die normalste Sache der Welt, ganz beiläufig ein paar
    Entrecotes in den Einkaufskorb. Auf Brot verzichte ich, weil ich auf Diät bin
    und lege stattdessen nur eine Flasche Sauce Bernaise dazu. So ein
    Blubberlutsch kann eigentlich nicht viele Kalorien haben und außerdem
    ist der ja mit Kräutern.



    Jetzt ist es nicht mehr weit zum Campingplatz. Im Internet habe ich mir
    mit Google Maps und Street View einen besonders kleinen und
    abgeschiedenen Platz ausgesucht. Vesterlund Camping ist ein Platz nach
    meinem Geschmack: Er bietet nichts außer Ruhe, Frieden und einer
    weichen, dick bemoosten Wiese mit vielen Gänseblümchen. Kein
    Freizeitangebot, kein großer Spielplatz, kein Remmidemmi. Das Gelände
    grenzt direkt an einen Truppenübungsplatz an, was sehr interessant ist,
    denn ich wusste gar nicht, dass die Dänen auch so eine Art Armee haben
    mit richtigen Schießgewehren, Panzern und dem ganzen Zeug.

    Ich wähle mir den am weitesten entlegenen Platz ganz hinten am
    Waldrand und habe das riesige Gelände für mich allein. Ich bin die einzige
    mit einem Zelt und die nächsten Nachbarn stehen mit ihrem Wohnwagen
    ein halbes Fußballfeld weit weg. Nach meiner Erfahrung in Schottland
    letztes Jahr, als das Wasser von unten durch den Zeltboden gedrückt hat,
    habe ich mir für das neue Salewa einen Unterboden besorgt. Das heißt,
    Claudia hat mir einen genäht, der besser ist, als jeder gekaufte mit
    verstärkten Ecken, den passenden Ösen und sogar mit farbigen
    Markierungen.

    In dem Augenblick, als ich das Ground Sheet ausgebreitet und mit vier
    Erdnägeln im Gras befestigt habe, beginnt es zu regnen und die Tropfen
    prasseln energisch auf die Unterlage. Die Situation kommt mir sehr
    bekannt vor und ich beeile mich, das Zelt aufzustellen, bevor alles
    nassregnet.



    Mit Schwung werfe ich die Gepäckrolle und alle meine Klamotten ins Zelt,
    krabbele eilig hinterher und mache alle Reißverschlüsse von innen zu. Der
    Regen trommelt sanft aufs Zelt, während ich die Therm-A-Rest aus dem
    Rack Pack nehme und das kleine schwarze Ventil öffne. Leise zischend
    strömt Luft in die Matte. Zwei, drei Atemstöße und sie ist perfekt
    aufgepustet. Ich zerre den dicken Daunenschlafsack aus dem Stopfsack
    und breite ihn auf der Matte aus. Fertig ist mein Bett. Darauf freue ich
    mich schon, denn ich werde ganz sicher nicht friefen. Den Schlafsack hat
    Claudia sich bei Kugler in München nach eigenen Vorgaben für ihre
    Trecking Touren in der Arktis anfertigen lassen. Er ist mit 1,3 Kilo Daunen
    der Kanadagans gefüllt. "Unter -20° solltest du den Reißverschluss
    zumachen, oder zumindest einen Pyjama anziehen." hatte Claudia mich
    instruiert. Für Dänemark der reinste Overkill, aber ich friere eben schnell.



    Inzwischen hat der Regen aufgehört und ich mache mich daran, die
    Sturmleinen zu spannen, die ich selten benutze, aber der Ostwind zerrt an
    diesem 29. April doch mächtig am Zelt.

    Als alles aufgebaut und jedes Teil an seinem Platz ist, mache ich einen
    Rundgang durchs Camp. Nur einige Dänen, Deutsche und Holländer
    stehen mit weißer Ware auf dem Platz verstreut. Am liebsten stehen sie
    ganz nah beieindander. Zelten scheint nicht mehr in Mode zu sein. In den
    letzten Jahren habe ich mehrfach beobachtet, wie Campingplätze ihre
    Zeltwiesen immer mehr verkleinert haben und stattdessen Parzellen mit
    Stromanschluss eingerichtet haben. Egal, ich zelte noch immer gerne und
    wenn man erst mal total alt ist, vielleicht 30 oder so, dann hört das
    irgendwann sowieso von alleine auf.

    Weil es so kalt und windig ist, verlege ich die Küche in die Apsis. So liebe
    ich es, mit dem Dubs innen auf dem kuscheligen Schlafsack sitzen und
    draußen brutzeln die Rib Eye Steaks, wie man Entrecote auch nennt. Das
    ungemütliche Wetter hat aber den großen Vorteil, dass auch die Mücken,
    Fliegen und anderes Geziefer noch nicht unterwegs sind und ich in Ruhe
    im offenen Zelt sitzen kann.

    Die Steaks sind innerhalb weniger Minuten knuspig lecker gebraten. Das
    Fettauge in der Mitte, das Gütezeichen des Entrecote, lasse ich mir bis
    zum Schluß und zwei kleine Dosen Bier habe ich auch noch im
    Tankrucksack. Viel mehr braucht es nicht zum Glücklichsein.








    Nach dem Essen gehe ich zum Waschhaus, spüle die Pfanne und das
    Geschirr und mache mich anschließend fertig für die Nacht. Die
    Waschräume auf Vesterlund Camping sind geheizt und angenehm warm.
    Die Waschbecken hingegen sind voll auf Energiesparen ausgerichtet. Man
    drückt auf den Knopf am Wasserhahn und hat dann für genau drei
    Sekunden Wasser. Ich lerne schnell, mit einer Hand den Knopf
    niederzuhalten, während ich die andere Hand wasche. Noch habe ich den
    Baumstreichlern ein paar Tricks voraus.

    Gerade merke ich, dass ich meine BeBe Abschminktücher vergessen habe
    und die Wimperntusche nicht loswerde. Entweder sehe ich morgen früh
    aus, wie die Tante von Nosferatu nach einer durchsoffenen Nacht, oder ich
    schaffe es, regungslos auf dem Rücken liegend zu schlafen, ohne mich
    einmal umzudrehen. Ich tippe schon jetzt auf Lösung A.

    Ich verziehe mich schon ganz früh ins Zelt und mache alle Klappen und
    Reißverschlüsse von innen zu. Ich hätte nicht gedacht, dass es im April in
    Dänemark so kalt sein kann. Ich ziehe mich bis auf die
    Thermounterwäsche aus und schlüpfe in den Daunenschlafsack. Eigentlich
    möchte ich noch ein wenig lesen, aber dazu kommt es an diesem Abend
    nicht mehr. Das Kindle liegt noch eingeschaltet auf meinem Bauch, als ich
    einschlafe und es irgendwann später sanft auf den Zeltboden gleitet.



    Wird fortgesetzt...

    www.svendura.de

  2. Registriert seit
    17.05.2007
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    26.602

    Standard

    #2
    wie immer Svenja, schön und bildhaft geschrieben, persönliches und Bilder eingeflochten, kurzweilig zu lesen. Gerne mehr davon.

  3. GSATraveler Gast

    Standard

    #3
    Genau, danke Svenja. Hatte mir in der Vergangenheit auch schon Diverses von Deiner Hompage abgekupfert, immer wieder gute Ideen und Erfahrungsberichte, von der Machart ganz zu schweigen.
    Viel Vergnügen dann in Irland, Gruss Rolf

  4. Registriert seit
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    2.662

    Standard

    #4
    Irgendwie krieg ich immer Kohldampf wenn ich Deine Reiseberichte lese ..


    Immer schön von Dir zu lesen weil Du genauso gerne zeltest wie ich, ich schlafe nirgendwo so gut wie im Zelt... Aber stimmt schon... die Zeltflächen werden immer kleiner......


    Freu mich schon auf die Fortsetzung......

  5. Registriert seit
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    78

    Standard

    #5
    Schöner Bericht.
    In der Ecke hab ich mich auch schon herumgetrieben.
    Ich warte auf weitere Zeilen.

  6. X-Moderator
    Registriert seit
    08.11.2008
    Beiträge
    14.858

    Standard

    #6
    schöner Bericht...Reisen wie ich es mag und auch praktiziere....mehr bitte..
    ..ööhm...mit 30 hört das mit dem Zelten übrigens nicht auf..kommt immer auf die
    Pflegestufe an..

  7. Registriert seit
    17.01.2007
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    8.611

    Standard

    #7
    Hej Svenja,

    wie immer klasse zu lesen nur, ...... wo bleibt die Fortsetzung?

  8. Registriert seit
    03.06.2008
    Beiträge
    154

    Daumen hoch

    #8
    Mal wieder ein typische superber Svendura-Bericht!
    Mädel, da kann dich keiner überholen!
    Das Wochenende, das merkwürdiger Weise an einem Sonntag begann, diente doch der Erprobung des neuen Zeltes. Und? Hat es sich bewährt?
    Dein Urteil interessiert mich sehr, da ich weiß, dass bei dir wirklich Kompetenz vorhanden ist.
    Gruß
    Knut-Wi

  9. Registriert seit
    12.01.2012
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    25

    Standard

    #9
    Hey Svenja,

    ich hätte auch gerne die Fortsetzung gelesen

  10. Registriert seit
    22.08.2007
    Beiträge
    547

    Standard

    #10
    ...ja wie? "...wenn man ganz alt ist...mit 30 oder so..." ???

    Also bei mir hat der Spaß am Zelten noch nicht aufgehört. Ganz im Gegenteil. Es gab "zwischendrin" mal einige Jahre wo ich mit'm Zelt nix mehr am Hut hatte. Zum Glück hat sich das wieder geändert und ich hoffe das bleibt noch lange so...

    Mir sind auch die kleineren, eher unscheinbaren, abgelegenen Campingplätze am liebsten wo es kaum etwas gibt außer .....RUHE!

    Wieder ein prima Bericht, Svenja. Nur leider .... so kurz

    Schöne Grüße
    Thomas


 
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