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Schwerer Motorradunfall - Ersthelfer

Erstellt von Dexter, 12.08.2013, 20:15 Uhr · 53 Antworten · 7.086 Aufrufe

  1. Registriert seit
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    Standard Schwerer Motorradunfall - Ersthelfer

    #1
    Hallo zusammen,

    ich konnte noch nicht ahnen wie meine Tour endet, als ich mich heute Nachmittag auf meine Q gesetzt habe.
    Ich wollte eine Kleinigkeit im Nachbarort erledigen, tanken und dann ein wenig den Niederrhein durchfahren.

    Das lief auch alles ganz prima, bis ich gegen 16:15 Uhr auf eine Kreuzung auf der Landstraße zufuhr, wo 70 km/h erlaubt sind.

    Auf der Linksabbiegerspur vor mir fährt ein Berlingo.
    Plötzlich höre ich es nur noch gewaltig krachen. Im ersten Moment habe ich gar nicht realisiert was war.

    Ein Motorradfahrer fuhr mit seiner GSR 600 mit voller Wucht in die Beifahrerseite des abbiegenden Berlingo.
    Ich habe einen richtigen Kloß im Hals bekommen. Sehe nur wie das Heck der Maschine am Ender der Beifahrerseite des PKW wieder zum Vorschein kommt.

    Völlig automatisiert Stelle ich das Mopped auf der Sraße ab und sprinte zur Unfallstelle.
    In dem Moment kommt aus der linken Kreuzungsseite ein Pkw und ich sehe wie der Fahrer anhällt und schon das Telefon am Ohr hat. Eine junge Frau steigt aus dem Berlingo, ist mit der Situation offenbar völlig überfordert und steht wohl unter Schock. Auf den Rücksitzen 3 kleine Kinder. Alle im Auto augenscheinlich unverletzt.

    Ich gehe um das Auto herum und sehe den Motorradfahrer unter seiner zertrümmerten Maschine neben dem PKW liegen. Helm ist offen bzw. Visier abgerissen und ich sehe nur Blut, jede Menge Blut.

    Ich schaue dem jungen Mann in die Augen. Das linke Auge konnte man vor Blut gar nicht sehen.
    Das rechte Auge steht offen und ich denke "da ist nichts mehr zu machen". Ich bin fast wie gelähmt.

    Plötzlich schließt sich das Augenlid und ich bin für´s erste erleichtert - er lebt.
    Rufe dem Anrufer zu "er lebt".

    Beuge mich zu ihm herunter und bin froh, dass plötzlich noch zwei weitere Männer zu Hilfe kommen.
    Ich frage ihn ob er mich hören kann "ja". Also ansprechbar. Ich frage ihn wie er heißt "Norbert". Und immer wieder höre ich ihn Aua, au, ahh wimmern.

    Wir wussten gar nicht wo wir zuerst anfangen sollen. Ersmal das Mopped weg. Also so vorsichtig wie nur irgend möglich haben wir das Motorrad zur Seite geschliffen.
    Ich sage "der Helm muss runter" der eine Mann, Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, wie sich später raustellt schreit "nein, der Helm bleibt auf" . Ich sage, und ich bin immer noch über mich erstaunt wie ruhig ich war, "der Helm muss runter! Der Erstickt uns am Blut"
    "Der Helm bleibt auf" schreit der Feuerwehrmann.

    Der andere Mann pflichtet ihm bei. Ich sage, dass wir dann zumindest den Helmgurt öffnen müssen, was ich dann auch einfach tat. Ich frage ihn was ihm weh tut "meine Bein, meine Arme" antwortet er.

    Ich sehe auf die die Beine und sehe das zertrümmerte rechte Knie. Das linke Bein sieht auch schlimm aus
    Er trug nur eine Jeanshose, die völlig zerissen war, und Stoffturnschuhe.

    Ich sage ihm, dass ich jetzt seine Jacke öffne und seinen Nierengurt.

    Wir reden immer wieder auf den Verletzten ein und sagen ihm das die Rettung gleich kommt. Und er soll sich nicht bewegen. Das hat eine halbe Ewigkeit gedauert bis ich endlich das Martinshorn höre.
    Kurz danach sind die Retter da - Feuerwehr, Polizei, Notarzt. Kurz danach landet auch der Hubschrauber.

    Die Sanitäter haben den jungen Mann förmlich aus seinen Kleidern geschnitten.
    Dann ab in den Krankenwagen. Ich denke was dauert das so lange und frage einen Feuwehrmann ob das ein schlechtes Zeichen ist. Er beruhigt mich und sagt, dass das nicht unbedingt etwas schlechtes bedeuten muss.
    Der Patient muss erstversorgt werden und für den Flug vorbereitet werden.

    Dann kommt ein Polizist auf mich zu und fragt mich nach meinen Personalien.

    Dann darf ich gehen.
    Und erst jetzt sehe ich, dass meine Hände völlig blutverschmiert sind.

    Ich habe zwar ein Erste Hilfe Päckchen bei mir, aber an die 1x Handschuhe habe ich überhaupt nicht gedacht.
    War mir dann auch egal und ich bin förmlich nach Hause geschlichen.

    Fazit: Das war das erste Mal, dass ich in so eine Situation gekommen bin, und ich muss das ehrlich gesagt kein zweites Mal haben.
    Meinen erste Hilfe Kurs habe ich 1986 gemacht und trotzdem scheint man instinktiv (fast) alles richtig gemacht zu haben.

    Ich habe mir aber fest vorgenommen so einen Kurs zeitnah aufzusuchen um meine Kenntnisse aufzufrischen.

    Ich hoffe der junge Mann kommt durch und bin interessiert was aus ihm wird.

    Lecko mio, was ein Tag.

  2. Registriert seit
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    Standard

    #2
    Gut reagiert, gut geholfen.

    Helm übrigens immer ab wenn bewusstlos. Bei ansprechbaren Fahrern: Fragen. So doof wie es klingt. (Tendenziell aber auch ab)

  3. Registriert seit
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    Standard

    #3
    Keine schöne Situation! Man entwickelt da gewisse Automatismen in einer solchen Situation, auch wenn der letzte Kurs schon sehr lange her war - vorausgesetzt man WILL helfen !.....es gibt auch genügend die nur glotzen oder so tun als ob sie nichts gesehen haben....

    Der Feuerwehrmann hatte schon recht mit Helm auf lassen, da er bei Bewustsein war, bewustlos muß er immer ab. Ich bin zum Glück noch nicht in eine solche Situation gekommen, ich habe alle 2 Jahre ein umfassende betriebliche Ersthelferschulung und bin froh in dem Bereich dadurch immer auf dem laufenden zu sein und dadurch auch - wenn man alle 2 Jahre so nennen kann - regelmässig diverse Ernstfälle übe.
    Es sollte sowieso Vorschrift für Führerscheininhaber sein, wenigstens alle 5 Jahre einen EH Kurs zur Auffrischung zu belegen.

    Du bekommst sicherlich eine Auskunft bei der Polizei, in welche Klinik er gebracht wurde, besuch ihn mal bei Gelegenheit - wird er sich sicher drüber freuen.

  4. KWE
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    #4
    Wow, bin von Deinen Ausführungen noch ganz mitgenommen.

    Bis jetzt musste ich so was noch nie miterleben.

    Respekt, gut reagiert.


    Ich hoffe der junge Mann kommt durch und ich hoffe Deine Worte helfen bei der Bewältigung.

  5. Registriert seit
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    Standard

    #5
    Zitat Zitat von Cloudhopper Beitrag anzeigen
    Gut reagiert, gut geholfen.

    Helm übrigens immer ab wenn bewusstlos. Bei ansprechbaren Fahrern: Fragen. So doof wie es klingt. (Tendenziell aber auch ab)


    Grüße
    Steffen

  6. Registriert seit
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    #6
    Ich kann dir nachfühlen Dexter, ich war letzte Woche Mittwoch in der gleichen Situation und durfte mitten in München morgens um viertel vor sechs das gleiche erleben.
    Ein Rollerfahrer (mit leuchtendroter Jacke und grünem Roller) vom Autofahrer beim abbiegen übersehen. Der Rollerfahrer schwer verletzt, der Arm gebrochen, aus der Jacke sickert Blut. Ansprechen, Helm abnehmen, Lage stabilisieren, weitere Helfer bitten auf ihn aufzupassen, während ich den Verkehr gewarnt hab (er lag auf der linken Spur einer zweispurigen Straße) Warndreieck aufstellen......10 min höchste Anspannung, die mit Eintreffen Notarzt und Polizei erst langsam abfällt.
    Später hab ich erfahren, dass der Rollerfahrer schwer verletzt ist, mehrere Brüche und wohl innere Verletzung hat.

  7. Registriert seit
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    #7
    An alle die sowas mitgemacht haben, meine Hochachtung und Dank.

    Ich war früher, lange her im Zivildienst als dieser noch 24 Monate lang war, Notarztwagenfahrer und durfte da auch einiges dieser Art erlebt. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen das ich jetzt schon ewig keinen Auffrischerkurs mehr gemacht habe.

    Frank

  8. Registriert seit
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    #8
    Gut gemacht! Ich hoffe nie in Deine Situation und nie in die des Opfers zu kommen. Aber: jeder der ein Unfallopfer wird, kann froh sein wenn er derart geholfen bekommt.

  9. Registriert seit
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    #9
    Ich kann verstehen wies dir geht.Ich hatte schon mehrer solcher Situationen.

    Die beiden prägendsten waren ein Kammerad,den wir nach 20min Widerbelebung leider die Augen schließen mussten,aber auch eine Frau die es ins Leben zurück geschaft hat.Da haben unsere Maßnahmen gewirkt.

    Damals waren meine erste Hilfe Kurse schon über 10 Jahre her.Man macht instiktiv das richtige.Keine Ahnung warum.

  10. Registriert seit
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    Standard

    #10
    Ich hatte so eine Situation vor 4 Jahren, Frontalunfall zweier Motorräder, leider ist einer davon tot geblieben. Zwei Kumpel von uns hockten im Benzin, beatmeten und machten Herzdruckmassage und hielten, als die Rettung da war, noch lange die Transfusionsflasche. Nichts was man haben muss aber seither organisiert unser kleines Klüppchen nun zum wiederholten Male einen Erste Hilfe-Auffrischungskurs. Exklusiv für uns und von ausgebildeten Rettungssanitätern bzw. Feuerwehrleuten, d. h. wir lernen von Praktikern, die noch tagtäglich auf dem Rettungswagen sitzen und nicht von angelernten studentischen Hilfskräften.

    Und die Praktiker sagen, grundsätzlich Helm aus! Nur auf lassen, wenn der Patient ansprechbar, bei klarem Verstand ist, dies ausdrücklich wünscht und so lange er atmet.


 
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