Diesmal ist etwas anders..Meine BMW und ich sind für ein Wochenende unterwegs Richtung Schwarzwald...und wenn ich während der Autobahn-Anreise in die Rückspiegel schaue, sehe ich...nichts! Normalerweise würde ich dort meinen langjährigen Reisebegleiter finden, aber da ich diesmal zu einem Treffen der Iron Butt Association unterwegs bin, fahre ich alleine. Das fühlt sich sehr ungewohnt an ...und zur Gewohnheit wird das sicherlich nicht.
Aber da mein Freund nicht zur Langstrecken-Gemeinde gehört, muss es diesmal alleine gehen.


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Das Treffen, der so genannte „Ride to eat“ beginnt erst am Samstag und soll in Triberg und Rottweil statt finden. Da ich aber auch etwas vom Schwarzwald kennenlernen möchte, mache ich mich bereits Freitags bei Sonnenaufgang vom Taunus aus auf den Weg. In Offenburg verlasse ich, nach einer kühlen und nebligen Fahrt von 2,5 Stunden die Autobahn. Zum Glück haben die Thermounterwäsche und die Heizgriffe gute Arbeit geleistet.
Ab jetzt soll es nur noch über die Landstraße gehen. Sonne und Nebel wechseln sich noch ab. Wenn die Wettervorhersage aber recht behält, liegt ein Wochenende mit bestem Motorradwetter vor mir. Tagesspitzen von 20 Grad und viel Sonnenschein...
Dank des Feiertags, heute ist der „Tag der deutschen Einheit“, herrscht am Vormittag recht wenig Verkehr. So macht der erste Kontakt mit den Kurven im Schwarzwald besonders Spaß.
Die Landschaft präsentiert sich wie erwartet: Tiefe dunkle Wälder, typische Häuser im Schwarzwald Stil und urige Bauernhöfe wechseln sich auf meinem Weg von Wolfach nach Geisingen ab. Was mich etwas irritiert, sind die vielen geschlossenen Tankstellen und Gasthöfe, die mir unterwegs immer wieder begegnen. Ich werde doch hoffentlich nicht heute Abend hungrig und ohne Benzin im Wartehaus einer Bushaltestelle übernachten müssen? Zur Sicherheit suche ich mir erst einmal ein Restaurant für eine kurze Mittagspause und sorge dafür, dass zumindest Hunger nicht zu einem allzu großen Problem werden kann. Während des Essens erreicht mich eine SMS meines Cousins, der mir eine gute Fahrt wünscht. Da er weiß, dass ich zum ersten Mal alleine unterwegs bin, macht er sich wahrscheinlich Sorgen, ich könnte bereits versuchen der netten Dame in meinem Navi ein Gespräch aufzuzwingen.
Gut gestärkt mache ich mich eine Stunde später auf den Weg zu meinem ersten größeren Zwischenziel: Radolfzell am nördlichen Ufer des Bodensee.
Mittlerweile wärmt die Sonne so sehr, dass ich auf den Pullover unter der Motorradjacke verzichten kann. Nach einer eindrucksvollen Fahrt mit viel Kurvenspaß finde ich zufällig eine Liegewiese am Rand von Radolfzell, die direkt am See liegt. Die Wiese ist gut besucht und wenn die Temperaturen zwar nicht mehr für den Badeanzug reichen, herrscht doch immerhin T-Shirt Wetter. Damit ich auch einmal auf einem Foto zu sehen bin, benutze ich ungewohnter weise den Selbstauslöser meiner Kamera. Auch so eine Sache, die das alleine Reisen mit sich bringt.

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Damit Langeweile erst gar nicht aufkommt, breche ich schon bald wieder auf, und setze meine Reise in die Schweiz, zum Rheinfall von Schaffhausen fort.
Das erste was mir bei der Einreise in unser Nachbarland auffällt ist, dass hier an der Grenze tatsächlich noch kontrolliert wird. Mittlerweile zumindest in Europa sehr ungewohnt. Wenigstens gibt mir die Kontrolle die Möglichkeit den Grenzbeamten zu fragen, wie ich zum Rheinfall komme, ohne die Autobahn benutzten zu müssen. Eine Vignette habe ich nämlich nicht. Und vor den Strafen für Autobahnbenutzung ohne Vignette oder vor Geschwindigkeitsübertretungen habe ich bei unseren Schweizer Nachbarn einen Mordrespekt. Ich habe in letzter Zeit zu viele Geschichten über die Schweizer Ordnungshüter gehört. Deshalb habe ich beim Fahren immer ein Auge auf dem Tacho.
Den Rheinfall sehe ich mir mit vielen anderen Touristen, die zum größten Teil aus den USA und Japan zu kommen scheinen, bei Schloss Laufen an. Für 4,50 Euro erhält man Zutritt zum Schloss und damit auf die Aussichtsplattform, von der aus man eine perfekte Aussicht auf den 150 Meter breiten Rhein hat, der sich hier 23 Meter in die Tiefe stürzt. Ein imposanter Anblick, mit einer durch die Wassermassen bedingten, nicht weniger imposanten Geräuschkulisse.
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Die Uhr schreitet langsam aber sicher voran. Es ist mittlerweile fast 17:00 Uhr und es wird Zeit, dass ich mir eine Unterkunft suche. Allerdings nicht auf der Schweizer Seite. Das ist mir doch zu teuer. Also zurück über die Grenze nach Deutschland. In diese Richtung wird zum Glück nicht kontrolliert und auch von Radarfallen bleibe ich verschont. Es ist allerdings gar nicht so einfach eine Unterkunft zu finden. Beim ersten Versuch bekomme ich noch vor der Tür von der Wirtin die Auskunft, dass man seit dem letzten Jahr keine Zimmer mehr vermiete. Den zweiten Anlauf breche ich ab, als ich feststelle, dass der Parkplatz des Hotels komplett belegt ist. Hier lohnt es sich offensichtlich nicht vom Motorrad abzusteigen. Fündig werde ich kurze Zeit später in Hammereisenbach. Ein kleiner Gasthof mit gemütlicher 1950er Jahre Atmosphäre, inkl. Zimmer mit Nierentisch, kleinen Cocktail-Sesseln und auch Preisen aus dem Jahrzehnt des Rock´n Roll. Ein Einzelzimmer mit Frühstück für 20 Euro, ein Schnitzel mit Beilage für 9,- und ein großes Bier für 2,- Euro. Was will man mehr? Nun ja...Ein wenig Unterhaltung in Form eines Fernsehers, von mir aus auch stilecht in schwarz-weiß, wäre schon nicht schlecht....Aber so verbringe ich den Abend nach dem Essen mit einem Kriminalroman in der Gaststube und bin die Attraktion des Abends für den dort tagenden Landfrauenverein....

Nachdem ich gegen 22:00 Uhr mich nun schon zum dritten Mal für einen anderen Mörder entschieden habe (meine Kandidaten werden merkwürdigerweise regelmäßig dahin gemeuchelt), ziehe ich mich in mein „Peter Kraus Gedächtniszimmer“ zurück. Gute Nacht Schwarzwald....

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Den nächsten Morgen beginne ich gut ausgeschlafen um 07:30 Uhr mit einem mehr als ausgiebigen Frühstuck. Meine Wirtin überrascht mich mit Aufschnitt, Marmelade, Käse, Saft, einem Ei und 5 (!) Brötchen. Ich beginne mich langsam zu fragen, womit diese Gasthof sein Geld verdient .
Ob ich vielleicht in einer Geldwaschmaschine der Schwarzwald Mafia übernachtet habe...?

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Nachdem ich bezahlt und meine BMW unter Aufbietung all meiner Kräfte aus der abschüssigen Parklücke geholt habe (...irgendwann werde ich noch lernen, dass nur eine Goldwing einen Rückwärtsgang hat), mache ich mich auf zum Titisee, dem letzten Stopp bevor es zum Ride to eat der Iron Butt Association geht.
Der Weg zum Titisee führt durch dicksten Nebel, bei dem man die Hand nicht vor Augen sieht.Obwohl es noch sehr kühl ist, schalte ich meine Heizgriffe ab und geben statt dessen den Nebenscheinwerfern den Vortritt (beides schafft meine Lichtmaschine leider nicht). Lieber erfrieren, als überfahren zu werden. Als vor mir, wie aus dem nichts ,plötzlich ein halb auf der Landstraße abgestellter Traktor auftaucht, bin ich endgültig wach.
Ein wenig genervt und mit vielen kleinen Wassertropfen auf Brille und Visier erreiche ich Titisee-Neustadt. Ein schöner, aber auch sehr touristischer Ort. Anders lässt sich nicht erklären, warum die meisten Schilder an den Geschäften und Hotels nicht nur auf deutsch, sondern auch auf englisch angebracht wurden. Vom See sehe ich...nichts...absolut nichts. Der Nebel hängt so dicht über dem Wasser, dass man keine 5 Meter weit sehen kann. Später erfahre ich aus dem Internet, dass der Titisee 1,3 qkm groß und im Schnitt 20 Meter tief ist. Ganz schon imposant für einen See, der sich heute morgen vor mir versteckt.

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Nun wird es aber Zeit, dass ich mich auf den Weg nach Rottweil mache. Hier hat die Iron Butt Association die Übernachtung im Hotel Sailer organisiert und von dort aus ist es auch nicht weit zur geplanten Abendveranstaltung. Einige Kurven und ein Schnitzel bei einem schnellen Mittagessen nehme ich noch mit, bevor ich im Hotel einchecke.
Nachdem ich mein Gepäck aufs Zimmer gebracht habe, mache ich mich kurze Zeit später schon wieder auf den Weg nach Triberg. Vor der weltgrößten Kuckucksuhr soll um 16:00 Uhr das Treffen für das Gruppenfoto statt finden. Einige Motorräder und ihre Fahrer sind schon da, als ich gegen 15:30 Uhr dort eintreffe. Obwohl ich niemanden persönlich kenne, bin ich schnell in nette Gespräche verwickelt. Das Gruppenfoto gestaltet sich recht aufwändig. Ein zufällig in der Nähe stehender Tourist wird in die Pflicht genommen, die Aufnahme zu machen. Ob der nette Herr eingewilligt hätte, wenn er geahnt hätte, dass er die Aufnahme mit einem knappen dutzend Fotoapparaten wiederholen muss, darf bezweifelt werden...

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Schließlich sind die Aufnahmen im Kasten und nach und nach brechen alle Fahrer Richtung Hotel auf.
Einige versuchen anscheinend einfach dem Vordermann zu folgen. So auch mir. Als derjenige allerdings erkennt, dass ich an einer Kreuzung in die falsche Richtung abbiege, erkennt er recht schnell, dass er auf den falschen „Pfadfinder“ gesetzt hat. Ich sehe nur noch, dass er kopfschüttelnd in die richtige Richtung fährt...
Entgegen aller Erwartungen finde ich das Hotel doch noch und nach einer kurzen Dusche bin ich bereit für das gemeinsame Abendessen mit anschließender Alkohol-Verkostung. Bis spät in den Abend führe ich interessante Benzingespräche, lerne nette Leute kennen und erfahre viel über vergangene und geplante IBA Rides. Es macht unheimlich viel Spaß, endlich mal mit anderen über das Langstrecken Motorradfahren zu sprechen, ohne immer diese zweifelnden Blicke zu ernten.

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Nach einem ausgiebigen Frühstück mache ich mich am nächsten Morgen auf den Heimweg. Allerdings nicht bevor ich mich einem IBA Fahrer noch als Zeuge für die Abfahrt zu einen „Bun Burner Gold Ride“ zur Verfügung stelle. Ein „Bun Burner Gold“ bedeutet 1500 Meilen (2414 Kilometer) in weniger als 24 Stunden...
Meine Rückreise ist heute morgen zum Glück wesentlich kürzer und nach einen vierstündigen Mix aus Landstraße, Stau und Autobahn bin ich wieder zu Hause im Taunus.
Schon unterwegs ist mir klar, dass dies zwar mein erster „Ride to eat“ der Iron Butt Association war, aber bestimmt nicht der letzte sein wird...

Mehr Informationen über die Iron Butt Association findet ihr hier: The World Is Our Playground!: Willkommen!

oder auf meiner Website: Iron Butt Association (IBA) - motorradwanderers Webseite!