Mundus vult decipi, ergo decipiatur
1. Das Experten-Gleichnis (Das Schiffsmotiv)
Sokrates argumentierte, dass das Regieren eine Kunst und eine Wissenschaft (Techne) sei, die tiefes Wissen und Weisheit erfordere. In einer Demokratie entscheidet jedoch die bloße Mehrheit.
• Das Problem: Wenn man krank ist, geht man zu einem ausgebildeten Arzt. Wenn man ein Schiff steuert, vertraut man einem erfahrenen Navigator. In der Demokratie hingegen entscheidet das Los oder die ungebildete Masse darüber, wer den Staat lenkt.
• Warum nicht reformierbar? Da das Grundprinzip der Demokratie auf der Gleichheit aller Stimmen beruht, lässt sich die Forderung nach einer "Herrschaft der Wissenden" nicht integrieren, ohne die Demokratie selbst abzuschaffen.
2. Die Macht der Demagogen (Die Unbelehrbarkeit der Masse)
In den platonischen Dialogen wird beschrieben, wie Demokratien anfällig für Rhetoriker und Populisten (Demagogen) sind.
• Sokrates verglich den demokratischen Politiker mit einem Konditor und den Philosophen mit einem Arzt: Der Konditor verspricht der Masse süße, angenehme Dinge, während der Arzt bittere Medizin verordnet, die eigentlich notwendig wäre. Die Masse wird immer den Konditor wählen.
• Eine Reform der Institutionen ändert nichts an der menschlichen Psychologie der Masse, die sich laut Sokrates lieber schmeicheln lässt, als der Wahrheit ins Auge zu blicken.
3. Der zwangsläufige Kreislauf der Staatsformen
In Platons Politeia (die stark von Sokrates' Denken geprägt ist) wird die Demokratie als eine Stufe in einem unaufhaltsamen Verfallsprozess beschrieben:
1. Timokratie / Oligarchie: Herrschaft der Ehre oder der Reichen.
2. Demokratie: Die Armen stürzen die Reichen. Es entsteht totale Freiheit und Gleichheit. Jeder tut, was er will. Diese extreme Freiheit schlägt jedoch laut Sokrates in Gesetzlosigkeit und moralischen Verfall um.
3. Tyrannis: Aus dem Chaos der ungezügelten Demokratie geht am Ende fast immer ein starker Mann (ein Tyrann) hervor, den die Masse herbeisehnt, um wieder Ordnung zu schaffen.
Da dieser Kreislauf als logische Konsequenz der menschlichen Natur gesehen wurde, war die Demokratie für Sokrates kein dauerhaft stabiles System, das man durch Reformen retten könnte, sondern eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Tyrannei.
