Zweiter Aufbruch – Tag 4
Heute gibt es kein zurück oder Never come back
Moin Junx und natürlich *innen,
schlafen unterm Sternenzelt, das ist genau mein Ding.
Oh Mann geht es mir gut. Heute bin ich ungestört an meinem Platz und springe gleich in der Früh ins Badezimmer.
8:46 h, die Sonne schleicht sich langsam an. Es wird wieder ein schöner Tag.
Scheee, wenn´s dicht ist. Grüße gehen raus nach Bonn.
Irgendwie hält mich heute nix mehr, ich will wieder hoch auf die Gipfel.
Es ist so ca. 9:20 h als ich mich auf den Bock setze und meine heutige Tour beginne.
Das ist die kleine Nebenstraße in das Tal von Val-Thorens.
Irgendwo dahinten liegt mein heutiger Spielplatz.
Da fällt mir ein, ich wollte mein Zelt, dass ich ja schon ein paar Tage nicht benutzt habe, eigentlich hier im Versteck bunkern. Zum Einen bin ich für jeden Ballast, den ich los bin dankbar, zum Anderen habe ich gedacht, dass ich heute Abend wieder hier schlafen werde. Zum Glück hat mich eine innere Stimme davon abgehalten, denn es kommt alles anders als gedacht.
10:16 h. Da treffen sich die beiden Straßen im Tal zwischen Planvillard und St-Martin-de-Belleville.
Denke mal, dass Tal, ganz am rechten oberen Bildrand ist der Einstieg zur Tour Nr. 10.
Mein heutiges Revier.
Habe gestern mal gecheckt, dass ich bei dem Foto auf dem Skilift möglicherweise auf 3400 m war.
Echt genial, was mit so ner alten Kuh alles geht. Meine gestrige Tour hat sich in der Nähe von Val-Thorens vielleicht um den Aiguille de Peclet 3562 m abgespielt.
Weil es gestern so gigantisch schön war dort oben, aber das Licht für die Fotos nicht optimal war (weil Nachmittags Gegenlicht), bin ich erst nochmal die Berge von gestern hochgeballert, um mal gut belichtete Fotos zu machen. Was eine Landschaft.
11:04 h
Es lohnt sich, die Bilder anzuklicken, finde ich zumindest.
Der Plan für heute ist aber die Route Nr. 10 abzuhaken.
Dazu muss ich ja das Tal wieder ein Stück zurück nach Moutiers fahren. Bevor ich das aber mache, versuche ich auf den gegenüberliegenden Berg noch mein Schotterglück.
Da waren aber sehr viele Wanderer, was mir den Genuß vergeigt hat.
12:28 h. Die Beiden haben sich gleich ineinander verliebt.
Auf der rechten Bildseite den Hang (Alm), war ich vorher oben.
Fühlte mich irgendwie deplaziert unter dem Volk. Also Abbruch und den schönen Weg am Bach entlang zum Einstieg in die Nr. 10, den ich gestern schon ausgekundschaftet habe.
Supergut, es läuft und ich bin sehr glücklich, heute gestärkt und frohen Mutes dieses Abenteuer anzugehen.
13:20 h. Das ist die Landschaft am Einstieg in das Tal zur Tour Nr. 10
Die Landschaft in diesem Tal ist echt so schön, weil es dort fast keine Häuser gibt. Es ist ein fast unbewohntes Tal. Nur Berge, Wiesen, oben Felsen und der blaue Himmel.
13:38 h
Dann komme ich an die Stelle, an der ich gestern fertig war.
Oh, ja, nicht schlecht. Das ist auch schon echt anspruchsvoll bis hier hin.
13:51 h
13:52 h
Mache erst mal eine kurze Rast und genieße den gleichen Platz bei anderer Beleuchtung.
Weiter geht es, hoch den Schotter. Es kommen Hochweiden mit Schafen.
14:00 h. Irgendwo da hinten ist das Ende der Welt und Schluss mit der Route. Was für eine Landschaft.
Wollte schon Fotos machen, denke aber, dass ich sie auf dem Rückweg auch noch schießen kann. Doch hier werde ich nie mehr kommen, obwohl die Nr. 10 auf der Karte und in der Beschreibung eine Sackgasse ist.
Die Strecke ist teilweise echt kraß. Die eingefahrenen Spurrillen sind schon extrem und es erfordert hohe Konzentration und Fahrgeschick, damit ich nicht absetzen muss. Das würde in so einer steilen Stelle unweigerlich zum Sturz führen. Also immer beherzt am Kabel ziehen.
In ca. 35 m Entfernung sehe ich schon eine Stelle, an der eine tiefe Furche quer über die ganze Schotterspur verläuft. Als ich die Stelle direkt vor mir habe, erkenne ich eine fast badewannenförmige Rille über die ganze Breite des Weges (nur etwar halb so tief wie ne Badewanne, aber so ne Form, dass das Vorderrad min. halb eintaucht). Erst lasse ich langsam mein Vorderrad in die Rille eintauchen, drehe ein Wenig am Gas, damit das Vorderrad die folgende Schräge hoch kommt und das Hinterrad in die Rille eintaucht und dann beherzt ans Gas, um die gesamte Fuhre die folgende Schräge erklimmen kann und nicht absäuft. Krasses Stück - echt nicht nett.
Bin schweißnaß und fühle mich gerade etwas zu alt für solche Spielchen.
Danach bleibt es noch eine ganze Zeit lang tricky, aber bei Weitem nicht mehr so heftig. Endlich bin ich oben am Ende der Strecke angelangt, stelle mein Krokodeel in die Sonne, hole was zu Futtern aus den Koffern und genieße die gigantische Aussicht und Ruhe.
Nachdem ich mich etwas akklimatisiert habe, bemerke ich den Felsenblock, der neben dem Parkplatz ca. 400 m Fußweg entfernt ist. Oh, ich bin so faul. Aber wann werde ich wieder hier sein? Packe meine Futtertüte und mein Instrument und latsche auf den Brocken der mitten in dieser Hochebene zwischen den Bergen liegt.
Dort futter ich noch was, spiele Klänge, singe, genieße den Moment, denke an die weitere Reise und auch an die Rückfahrt auf der Route Nr. 10.
15:01 h. Die Straße auf der linken Seite bin ich her gekommen. Der Parkplatz ist ganz rechts.
Da kommt mir plötzlich die Schlüsselstelle mit der Badewannen-Furche wieder in den Sinn.
Wenn ich also von oben komme, wird mein Vorderrad nach der steilen Stelle unten in die „Badewanne“ eintauchen, dann muss ich es entlasten und mit nem Gasstoß….???
Um so länger ich drüber nachdenke, wie das ablaufen wird, um so öfter sehe ich mich dort aber sows von gewaltig verunfallen, dass mir Angst und Bange wird.
Was tun – den Weg zurück? Niemals, soviel ist klar.
Da sitze ich nun im „Paradies“ habe aber keinen Rückweg auf dem Zettel.
Nee, echt, das ist kein Spass. Mittlerweile bin ich wieder zurück zum Motorrad spaziert und überlege hin und her.
Gerade aus haben die Franzosen ein unmißverständliches Schild aufgestellt.
Normalerweise sind die mit solchen Schildern eher sparsam. So nehme ich es erst mal ernst.
Soll ich mich den Abhang runter stürzen oder in der Badewanne ersaufen?
Soll ich echt die 10 zurück fahren??? Nein, es gibt kein zurück.
Plötzlich taucht ein Quad auf. Der Fahrer hat seine Lady hinten drauf. Er fährt schnurstracks in den verbotenen Weg und ohne zu zögern fährt er an dem Schild vorbei. Der Typ sah nicht so aus, als wollte er sich umbringen, zumal noch mit der Dame auf dem Rücksitz, wäre ungewöhnlich. Ich schaue den beiden noch ein Stückchen hinterher und entscheide mich, es ihnen gleich zu tun.
Boa, voll spannend, der Weg ist wirklich schmal und ein Jeep kommt hier nicht lang.
Die Quadler stehen an der nächsten Kehre und schauen in das Tal, das vor uns liegt. Als ich bei Ihnen ankomme, frage ich sie, ob man auf dieser Seite runter kommt. Jaja, kein Problem, vorsichtig und langsam, aber es geht.
Ok, verspüre ein wenig Erleichterung, aber das Unterfangen ist total krass. Vor mir liegt eine riesige Fläche unbewohntes Indianer-Land. Auf meiner Karte und bei Maps ist hier keine Straße oder Weg eingezeichnet. Unten im Tal ca. 6 – 7 km voraus sieht man den Ort St. Michel-de-Mauriene. Aber erst liegt ein ca. 25 Km² großes Areal vor mir, in dem keine Wege eingezeichnet sind. Was will ich machen? Die Angst vor der „Badewanne“ treibt mich voran. Lange Rede kurz gemacht, es ging recht gut, echt nicht so kraß, wie ich befürchtet habe. Nur eine Stelle war durch einen Felsen, der auf der Spur lag, verengt und wäre das absolute AUS für ein Auto gewesen. Das Krokodeel ist tapfer dran vorbei gestapft. Ich komme immer weiter runter, die Berge und das Hochplateau liegen hinter mir.
Da kommt der Ort Beaune, in dem Menschenmassen unterwegs sind. Hier ist ein Volksfest in einem kleinem Nest, ca. 1000 Menschen auf der Straße unterwegs. Was will ich machen, da muss ich durch, wenn ich ganz runter will. Es sind so viele Menschen auf der Straße, dass ich den Motor ausmache und mich mit der Masse treiben lasse. Ich bin umzingelt von einer Menschentraube. Gendarmerie ist auch unterwegs. Ich rolle weiter über eine Brücke. Am Ufer spielt eine Kapelle und links und rechts Freßbuden. Ach Gott, hier ist voll was los. Langsam rolle ich weiter vor.
Ah, da sehe ich auch schon die Straßensperre am Ortsausgang. Aber dass jemand von hinten in den Ort einfahren könnte, hat niemand gedacht. Krasser Scheiß, sagt man im Norden. Immer tiefer ins Tal geht die Straße und plötzlich kommt mir etwas bekannt vor. Wie kann das sein? Ich meine ist klar, die Welt ist eine Kugel, aber war ich hier schon mal?
Ahjo, die Erinnerungen werden deutlicher, hier war ich schon einige male und ich habe auch einen schönen Schlafplatz, gar nicht weit von hier. Super, bin aber gewaltig froh, dass ich das alles überstanden habe.
Überleg mal, ich bin Moutiers direkt runter in den Süden nach St. Michel-de-M. gefahren.
Echt nicht wahr.
Unten fahre ich erst mal zum Fluß und suche mir ne Stelle, wo ich ins Wasser kann. Ich bin total verschwitzt. Als ich wieder frisch bin, erkunde ich noch ein wenig die Gegend, die bis jetzt für mich nur Heimfahrts-Territorium war.
Ah, da schau her, hier gibt es ja auch Ruinen und spannendes Zeug zu entdecken.
18:05 h
Nun denn, voller Übermut gleich die nächste Schotterstrecke hoch gefahren. Aber der Tag steckt mir schon in den Knochen und wenn man nicht wirklich hinter der Sache steht, die man macht, sollte man es lassen, sonst geht es schief.
Nix passiert, aber für heute ein deutliches Zeichen, dass es genug ist.
Von dort oben (zwischen den beiden Strommasten, mitte im Bild und rechts oben) bin ich runter gekommen. Echt nicht normal. Wenn´s gut geht, kann man lachen.
Später finde ich ohne Probleme ne Pizzeria, in der ich mir ne Pizza de mare servieren lasse.
Mir fällt zwar auf, dass da einige Muscheln mit kaputter Schale auf der Pizza liegen. Leider bin ich zu erschöpft um daraus ne logische Konsequenz zu ziehen.
Ich hätte sie zurück gehen lassen sollen. Aber der Hunger, die Müdigkeit und die sprachliche Barriere stoppen mich.
Ich futter das ganze Teil auf.
Daß das ein gigantischer Fehler war, werde ich aber erst morgen erfahren.
Später fahre ich auf meinen bekannten Schlafplatz
und nächtige wieder ohne Zelt unter freiem Himmel.
Was ein Leben – ein Traum – noch.
Es weht ein laues Lüftchen,
die Geräusche des Waldes,
Sternschnuppen,
Müdigkeit.
Gute Nacht.