Rund um den Balkan - 17 Tage - 16 Länder - 7000 kurvige Kilometer

Diskutiere Rund um den Balkan - 17 Tage - 16 Länder - 7000 kurvige Kilometer im Touren- & Reiseberichte Forum im Bereich Unterwegs; "Eigentlich" plane ich das schon seit 2017. "Ecken Europas". Im Hinterkopf der Traum Seidenstraße. Damals noch mit F650GS Dakar. Mit einem...
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R 1200 GSA vertouratecht, R 1150 GS Naundorf, F 650 GS Dakar (2x), MZ 125 ST, K1100LT Dornröschen
"Eigentlich" plane ich das schon seit 2017. "Ecken Europas". Im Hinterkopf der Traum Seidenstraße.
Damals noch mit F650GS Dakar. Mit einem "Testlauf" 2017 rund um die Hohe Tatra.
Lohnt es sich zu warten, bis es in der Ukraine ruhiger wird? Waldkarpaten sehen auf den Karten und live vom Osten der Slowakei aus verlockend aus...

Dann kam Corona, eine R1150GS und dieses Jahr eine "neue Alte" 2008er R 1200 GSA.
Meine alte 1150er hat mich ein paar mal stehen gelassen, die mußte deswegen zuhause bleiben.

Und ein TomTom rider 550, der meine altes zumo 390 ablösen sollte und zu dem ich in den 17 Tagen eine echte Hassliebe entwickelt habe...
Die Tracks sind deswegen lückenhaft, oft rekonstruiert aus blasser Erinnerung, Koordinaten von Hotels, Nachrichten, exif-Koordinaten in den Fotos.

Aber die Kurven waren geil 😎🏍.Ebenso die Landschaften ⛰🌲🌍.
Leider nicht immer in den Tracks und Fotos zu sehen. Selber fahren ist trotzdem besser.

Balkan-Track-overview_02.png Balkan-Track-topo_02.png

Planung und Nacharbeit meiner Touren erfolgen bei mir seit Jahren mit QMapShack. Das Layer-Konzept und die GPX-Anbindung sind einfach genial.
Die topographische Darstellung extra kostet nur ein paar Mausklicks.
Die Rekonstruktion der vom TomTom versauten Tracklogs schon mehrere Nächte...

Wie Ihr seht, hat es mich weniger an die Küsten gezogen, sondern eher in die Berge, da wo die Kurven sind.
Romänische Schwarzmeerküste und die griechische Insel Korfu spannen zusammen mit meiner Heimat im Nordosten Bayerns, keine 15 km vom böhmischen Eger aka Cheb entfernt, das Dreieck des Plans.

Und keine Frage:
Diese Tour ist ignoranter Tiefflug durch eine interessante Welt - so nah und doch so unerwartet.
Man könnte dieses Dreick mit einem Kurven-Navi und etwas Neugier für Land und Leute auch gut auf ein ganzes Jahr verteilen.
Oder gleich auswandern ... 🙊

Unterwegs:
  • DE - CZ - SK - HU
  • Rumänien, Bulgarien
  • Griechenland (incl. Korfu),
  • Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina
  • KR, HU, AT, CZ, DE
hab' ich mich verzählt?
OK, Korfu ist keine extra Land, und ohne die doppelt besuchten sind es noch 12 verschiedene echte Länder.

Los ging es auf's Gradewohl.

OK, ich hab' ca 500 km auf meine GSA gefahren, nachdem ich die mit unklarer Vorgeschichte und 8 Jahren Standzeit gekauft und zum Laufen gebracht hatte, um ein gutes Gefühl aufzubauen.

Mit 65 tkm war die GSA grad mal gut eingefahren.
Öle, Kerzen, Ventildeckeldichtung, Kraftstoffpumpe und TÜV sind frisch.
Und hab' mir kurz vorher noch einen Satz Conti TKC 70 aufziehen lassen. Bereu' ich nicht.
Täten mindestens die halbe Tour noch mal halten.
Werden als 80-20 gehandelt, aber ich würd' sie eher 85-40 bewerten. Details folgen.

Reiskrankenversicherung, Schutzbrief, Reisepass und eine PIN für die Kreditkarte - zusätzlich zur normalen EC-Karte - beruhigen das Gewissen.
Besser haben als brauchen...
Ein paar €ronen gut verteilt, daß es zumindest für eine Zugfahrt nach Hause reichen würde.
Eine Liste mit Telefonnummern und Internet-Accounts, ein Tablet für QMapShack, ein altes Handy als Reserve.

Eine Biwak-Hängematte mit Tarp, Schlafsack und Iso-Matte als "Plan B", falls booking.com versagen sollte.
Die Alukoffer voll Werkzeug, Wechselwäsche, Schuhen und anderem Plan-B-Zeugs.
Spoiler: Eigentlich hätt' das Top-Case gereicht.
Aber so eine eingestaubte, voll aufgerödelte, vertouratechte GSA macht optisch schon was her 😉
 
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Es begann bei einem Bio-Kartoffelbauer-Kollegen, eine knappe Stunde von Zuhaus.
Wir hatten uns bei lecker 🍻 aus seinem Hofladen verratscht.

"Du kannst bei mir auf dem Sofa pennen, oder bei meinen rumänsichen Saisonarbeitern, da ist ein richtiges Bett frei. Prima Leute."

Neugier und Bequemlichkeit zogen mich zu einem letzten Bier und Nachtruhe zu den Rumänen.
"Motorrad hier? Romania toll mit Motorrad. Transalpina!!! mußt Du fahren !!!!!" 🍻🍻.

Mein innerer Geograph war verwirrt.
Die Zuordnung der Süd-Karpaten zu den Alpen stammt wohl schon aus der Römerzeit.
Alpen war quasi wohl alles, was "mare nostrum" von den "Barbaren" trennt und höher ist, als Cäsar spucken kann...
Findet man jedenfalls vor Ort noch oft. Wir sparen uns westliche Besserwisserei und Definitionsallmacht.

Ein bisschen Touri-Web-Rechereche, und Graf Dracula klebt wie :poop: auf der Tour.
Schloss Bran will ich sehen. Und liegt ja in den Karpaten nahe und kurvenhoffend östlich der Transalpina.

Eine zoom-Stufe raus, und das Schwarze Meer leuchtet auf der Karte.
Boah.... nehm' ich mit?

Aber wo endet die Schwarzmeerküste eigentlich?
Türkei? Bosporus? krieg ich das noch mit rein?
Einen Schritt näher an der Seidenstraße 😍

Eine Runde lebt von Rund, also zurück dann doch eher am Mittelmeer entlang, wo Teutonia sich regelmäßig grillt?

Bei der Abfahrt sah der Plan so aus:
  • mehr Viereck als Dreieck
  • ... mit Istanbul als Süd-Ost-Ziel
  • per Kartenblick und Mausklick
    Vermeidung der übelsten Schnellstraßen,
    gelegentlich Einbindung interessant leuchtender Bergstrecken
    tendentiell eher an den Küsten entlang
  • grob über den 👍 ca 7000 km, 70er Schnitt, 12,5 Tage x 8 Stunden
  • ... also fahrbar in 14 Tagen?❓
Balkan-plan_002.png

Was blieb, war das ❓.
Der Weg ist das Ziel. Details entscheiden sich "beim Bau".
 
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"eigentlich" wollte ich schon am Freitag, 28. August los - nach der letzten gesellschaftlichen Verpflichtung am Abend vorher.
Aber als Bauer lernt man, daß Arbeit gerne mal liegen bleibt, die man liegen läßt.
Und Zeugs, das nicht gesät ist, auch nicht wächst.

Also noch den Klee in die Erde, damit der wachsen kann, während ich toure.
3 Schlepper unter's Vordach, direkt an der örtlichen Spaziergängerautobahn.
Zu dreckig? wem das stört, der darf sie gerne waschen 😂
Hätt' ich bloß geahnt .... aber nein, nicht spoilern 🙊

Start wurde dann Dienstag, 1. Sept, also 4 Tage später.
Ich glaube, bis ich am Montag die Koffer an die GSA geschraubt und den Schlafsack aus dem Keller gekramt hab, haben die mir's zuhaus' nicht wirklich geglaubt 🤣...

Blick ich gen Rumänien, ist das mehr Osten als Süden. Und Osten heißt bei mir eigentlich "Erzgebirge". In die Tatra fuhr ich 2017 über den Sudetenbogen, entlang der tschechischen Nordgrenze.

Aber zum Glück war bei meiner GSA aus LU nur ein Schlüssel dabei. Nachschlüssel sind schon geordert, liegen beim Freundlichen Schisslbauer in SAD. 80 km gen Süden. Nehm' ich nocht mit auf die Tour, man weiß ja nie....

Damit steig' ich ganz anders in die CZ ein. Über Waldmünchen - Taus (Domazlice).
Südlich von Pilsen. Ganz andere Landschaft als im Norden.

Das TomTom zeigt seine 💪.
Schon von zu Hause nach SAD merk' ich, daß es all meine "geheimen" Kurven kennt, aber auch noch einige dem Garmin bisher entgangene. Also lass ich es gewähren.
Routenübertragung hat eh' nicht geklappt, aber das ist ein anderer Thread.

Zlin in der Slowakei als Tagesziel. Oder Olmütz vor der Grenze, oder etwas südlich davon.
Tabor als Zwischenziel ist fast schon redundant. Ich lass es erst mal stehen, damit ich gut zwischen Prag und Budweis komme. 30 km vorher nehm' ich es raus und laß das Navi entscheiden, wie es am besten um das Stadtgebiet rum zirkelt.

Ich bin begeistert.
Ich bin die Gegend schon mehrmals mal gefahren, mit Plan am PC und Garmin zumo 390 für die Feinverkurvung.
Aber was das TomTom ohne große Intervention an Kurven und Landschaft findet, ist nochmal eine andere Liga.

OK, aus meinem Ziel von 65 ... 70 km/h Schnitt wurden eher 60.
Und es zieht mich auch gelegentlich in Ortsdurchfahren. Aber entweder wirklich malerisch schön, oder nach prüfendem Blick auf die Karte so gelegen, daß es einfach den Preis für die Kurven davor und danach wert ist.

Balkan-bohem-moravia__002.png

Ich dacht' immer, Mähren wär' östlich der Schwelle eine flache Agrarwüste.
Quatsch, nur sehr wenig davon. Und TomTom weiß scheints, das zu umgehen.
20260901_174314-gmp.jpg

Zlin als Tagesziel wird sportlich.
Und die Zuverlässigleit von booking.com gen Osten will erst noch ergründet werden.

Meine booking.com Strategie hat sich heute perfekt bewährt:
  • suche eine ländliche Gegend
  • sortiere Preis aufsteigend
  • ignoriere Camping-Stellplätze und Schlafsääle
  • in den nächsten 5 Treffern wirst Du fündig
  • Pampas ist besser als Stadtnah
  • Den Rest erledigt die Nachsaison
Treffer:
Restaurace Obůrka - penzion, týdenní menu | restaurace-oburka.cz
Abendessen auf der Veranda. Naturpark zum Relaxen ca 10 m entfernt.
Übernachtung mit Frühstück so billig, daß ich gar nicht nach schauen möchte.
Qualität: imho perfekt.

20260902_084255-gmp.jpg
 
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Tag 2: Slowakei

OK, ja, es gibt ein klein wenig langweiliges Flachland in Mähren, aber das Tracklog zeigt, daß das Navi einen guten Job macht, da eine recht enge Stelle durch zu finden.

Grad als ich dachte, das war schon das Ende der Fahnenstange, ging's über die Grenze in die Slowakei.

20260902_122926-gmp.jpg

Wieder Landschaft und Kurven in die Vollen 🤪

Eigentlich dacht' ich, ich war da schon.
Hohe Tatra - kannst nicht rein fahren, nur außen rum.
Niedere Tatra - gibts ein paar geile Schotterstrecken durch- that's it?

20260902_144347-gmp.jpg
Vergiss es - noch südlicher gibts Zivilisation, die haben sich Straßen in die Berge gebaut - Mit Kurven, weil die Berge halt so sind... und das TomTom findet die ... zumindest wenn die grobe Richtung passt 👍

Luftlinie zur nächsten Übernachtung: knapp 300 km
Schnellste Autobahnroute (über Bratislava) > 500 km
Meine Kurvenroute (bitte erspart mir die Rekonstruktion der verlorenen Details) auch ~ 500 km
Selbst mit QMapShack wir es schwierig, diese Route des TomTom mit einer überschaubaren Zahl von Stützpunkten zu rekonstruieren.

Balkan-slovakia-gmp.png

Fahrerlebnis? 😎😎😎😎😎
Mit Worten nicht zu beschreiben.

Mein Gefühl meinte, ich würde im Zickzack durch die Berge kreuzen um alles mit zu nehmen, was aussieht wie eine Kurve. Das (rekonstruierte) Log sagt: nein, das war alles durchaus zielführend. Wenn Du Zeit mit bringst, um Kreise und Schleifen zu drehen, kannst Du hier noch 10 x so viel Kurven ernten.

Und auch hier wieder - ein Tagesabschluss mit Restaurant, Nachtlager, das keine (vernünftigen) Wünsche offen läßt und perfektes Frühstück als Start für die nächsten 500+ km
Contesa | Reštaurácia a Penzión

Es gibt hier Stadt und Burg, deren Namen und Geschichte möglicherweise an meine Vorfahren erinnert.
Aber wenn ich über den Daumen die Renovierungskosten abschätz', halt' ich den Ball lieber flach ...🙈

20260903_071122-gmp.jpg
 

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aber gerne Doch ☺

Tag 3: Puszta und Transsilvanien

Balkan-HU.png

Der Tag begann, wie die beiden vorherigen endeten: jeder Hügel noch schönere Kurven als der davor - die Eskalation der Endorphine schien grenzenlos 😵😂😎🤩.
OK, am Morgen hatte es etwas geregnet, um halb 9 waren die Straßen in den Wäldern noch feucht.
Aber der Asphalt griffig, die Nassperformance der TKC 70 legendär, die Kurven sanft und der Fahrer noch am Aufwärmen.

Doch was seh ich da?
Ja, auch die tolle Gegend und eine schöne Abfahrt vor mir
20260903_084344-gmp.jpg

Aber was ist das? An meinem Lenker, links neben meiner rechten Hand?
So 'ne graue Dose mit irgendeiner braungelben Brühe drin 😨🥵🤬
Ich wußte, da war noch was auf der to-do: Bremsflüssigkeit :wallbash:

Die GSA stand 8 Jahre, und der letzte Freundliche Eintrag im Serviceheft ist von 2012 oder so.
Beim Freundlichen Schisslbauer habe ich noch eine Diskussion mitbekommen, ob man von einem Kundenbike jetzt die BFl wechseln müsse, wenn der Kunde sagt, die wäre erst ein Jahr alt, aber der letzte schriftliche Beleg schon 2 Jahre zurück ist. 🧐

OK, bisher war mir an der Bremse nichts negativ aufgefallen. Gut, die Beläge greifen zunächst etwas weich, packen aber dann bei beherztem Griff ordentlich zu. Von den TRW-Sintern auf meiner 1150er bin ich ruppigeres gewohnt. Aber Fading durch nasse BFl hat damit ja nix zu tun.

700 m Gefälle auf 3,5 km ist jetzt noch keine alpine Herausforderung. Also grad recht um die BFl zu testen?

Balkan-uhorna-track_002.png

Nun denn, ich hab' den Rest der slowakischen Karpaten sauber überstanden.
Spoiler: es wurde später heißer und heftiger, aber die BFl hat sauber durchgehalten.

In Košice, im Flusstal des Hornád, habe ich einen Vorgeschmack bekommen auf den Rest des Tages: endlose Weiten. Kann man mögen, muß man nicht.

Meine Augen wandern da schon immer am Horizont entlang. Sind das schon die Waldkarpaten in der Ukraine?
Ein Blick in die Karte hätte offenbart: Nein, sind sie nicht.

20260903_095537-gmp.jpg

Vielleicht eher was für 🚴‍♀️ oder 🥾 - oder 🏍 mit geruhsamer Geisteshaltung, ohne straffes Tagesziel.
Aber selbst an der Straßenböschung, wo das Panorama oben entstand, kann man mit passendem Blick auch auf die Schnelle zarte Schönheiten finden:

20260903_095236-gmp.jpg

Auch der zoom im Navi zeigt, daß die Tour da in die Berge rein geht, und nicht in die Ukraine.
Na dann, weiter :motoradsmiley:

oops - die Schilder sehen so anders aus, und was sind das für komische Wörter?
Ah, wir sind in Ungarn. Die haben auch eine kleine Ecke Karpaten. Für eine halbe Stunde aber dann schon das einzige Fahrvergnügen im Osten dieses Landes.

Es geht noch mal zurück in die Slowakei und dann etwas markanter nach Ungarn - aber auch nur mit leichtem Gas weg nehmen an der Grenze wie es im Schengen-Raum sein sollte.

20260903_110259-gmp.jpg

Ich weiß nicht, was die Menschen treibt, die so von der Puszta schwärmen.
Wahrscheinlich alte Fernsehschnulzen von längst vergangenen Zeiten...
Ich seh' nur Agrarwüste.
Aber vielleicht bin ich ja berufsmäßig vorbelastet, oder zu hektisch unterwegs?

Die Stecke besteht aus endlosen Straßendörfern. Nur jeweils eine Reihe Häuser, dahinter Garten, dahinter Mais, Sonnenblumen (meist grad in Ernte), bearbeitete Stoppelfelder.
Dazwischen kurze, meist schnurgerade Ketten von Schlaglöchern, gelegentlich garniert mit Spuren von Asphalt. Nein, auch keine ordentlichen geschotterten Feldwege.
Am Anfang ganz lustig, aber lange hält der Spaß nicht an. Der Schnitt pendelt sich auf 45 km/h ein.

Irgendwo auf der Kreuzung kommt mir ein dicker Case 🚜 entgegen. Vielleicht 500 PS, vielleicht auch mehr. A bisserl flach - so kleine Reifen? Quatsch, Kettenlaufwerk.
Aber was hat der hinten dran? Rungenwagen für Langholztransport? Ladegitter Für Stroh? Beides macht an so einem Boliden wenig Sinn. Beim Vorbeifahren erschließt sich dem Blick: Das sind Grubberzinken in dem Gitter. Das wird wohl hydraulisch auseinandergefaltelt, runter geklappt und abgesenkt. Schätze mal kaum weniger als 20 m Arbeitsbreite. Kannte ich in dieser Dimension bisher nur von Erzählungen aus Australien. Aber Ungarn ist vor unserer Haustür. Und über den Karpaten, in der Ukraine, ist noch viel mehr davon. Und dagegen sollen wir konkurrieren? Ich danke Gott, daß ich schon so alt bin.

Noch während ich über Agrarstrukturen sinniere, öffnet sich wieder ein Blick auf Gebirge im Osten:
Diesmal dürften das aber wirklich die ukrainischen Waldkarpaten sein.
Die lasssen mich nicht los....

20260903_112929-gmp.jpg

Von Olcsvá nach Olcsvaapáti führt die Route über eine Fähre über den Fluß Szamos. Sagt das Navi, alle Karten und Routenplaner. Vor Ort nur eine alte schon fast festegrostete Schranke. Keine Fähre zu sehen. Wie regelmäßiger Betrieb sieht das nicht aus.
Die Umleitung des Navis sieht gerader und schneller aus. Pha, und die Schlaglöcher erst! Ein Drittel der Fahrbahn ist komplett einen halben Meter abgesackt. Für einspurigen Betrieb reicht der Rest, aber wenn ein LKW entgegen kommt, muß das Moped in den asphaltierten Graben.

Abenteuer - ja. Strecke - nein.
Ich liebäugle mit Zulassung von Mautstrecken im Navi - aber auch damit und "schnelle Strecke" ändert sich wenig am Verlauf.
Ein Navi kann Strecken wählen, aber keine bauen 🤷‍♂️

Und wenn Rumänien jetzt noch schlimmer wird?
... bei so niedrigen Erwartungen kann's ja nur noch besser werden:

Jeodch - wer IN Transsylvanien geheimnisvolle Landschaften sucht, der wird zunächst auch enttäuscht sein. Diese Wälder gibt es - aber eher UM das eigentliche Flachland, welches sich von der ungarischen Puszta zunächst wenig unterscheidet - siehe das Panorama unten.

Zumindest sind die Dörfer weniger, kürzer, weiter voneinander entfernt.
Der Straßenzustand ist spürbar besser als in Ungarn, und Motorräder sind mautfrei.
Die Routen führen oft durch die Flur, hinter den Feldern vorbei. Für einen Landwirt zumindest beruflich interessant, auch wenn's nach dem 37. Sonnenblumendrescher wieder eintönig wird. Auch hier dominieren große industrielle Strukturen. Alle paar km ein relativ neu scheinendes großes Getreidelager, und große, modern scheinende Landmaschinenwerkstätten. Mastanlagen, wohl für Schweine, teils neu, teils noch im Bau, die ich in die Richtung hundertaussend Plätze schätzen würde.

Gastronomie erscheint mir nahe am Totalausfall. Oder gut getarnt, und mir fehlen die richtigen Wörter, nach denen ich am Straßenrand suchen soll? Ich schlage mich also mit Grundversorgung aus Supermarkt und Tanke bis Klausenburg durch. Selbst da im Vorstadtbereich: Fehlanzeige. Auch Google weiß nicht mehr. Lediglich im Zentrum ein paar teure Restaurants mit grenzwertigem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Ich buch' mir bei italienischen Abendessen ein Motel mit 24-h-Rezeption in Sebes, dem Einstieg in die Transalpina, und gib mir im Dunkeln noch ein paar km Autobahn bis da hin.
Casa Cerbului1, Sebeş, Alba - What to expect (updated)

Nicht schön, aber billig und OK, die nette Frau an der Rezeption verkauft mir noch ein Feierabendbier.
Abendessen hatte ich schon, Frühstück kommt aus dem Tankrucksack, Kaffe gibts umsonst. Zielgruppe LKW-Fahrer.
Trotz der Lage an der Schnellstraße bleibt es nachts überraschend ruhig.
Erst ab 6:00 rollen die LKW wieder. oops, ja, und wir haben eine andere Zeitzone...

Und die legendären Wälder Transsylvaniens sind auf dem Panorama schon rundum zu erkennen:

20260904_075217-gmp.jpg
 
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Tag 4: Über die Route 67 zu Graf Dracula

Balkan-transalpina.png

Ist die Nummerierung der Transalpina als "67c" Zufall, Glücksgriff oder bewußter Werbegag?
Keine Ahnung....
Aber wenn ich mich nicht irre, ist die vielbesungene "Route 66" in U$-Land quasi kurvenfrei, wenn man von allfälligen Vertikalkurven aka Bodenwellen absieht.
Insofern ist die rumänische Route 67 aka Transalpina für 🏍 allemal ein Fortschritt.

20260904_080500-gmp.jpg

Jedenfalls bin ich früh dran mit dem Einstieg, und am Anfang noch recht unbehelligt von 🏍-Kollegen und Safety-🚗

Im Norden ist die Transalpina mittelgebirglich geprägt, mit grünen, dunklen Wädern und feuchten, tief eingeprägten Tälern.

20260904_095210-gmp.jpg

Auf einem Zwischengipfel am Ende dieses Abschnitts gibt es einen kleinen Motorradtreff.
Es ist noch recht ruhig, die meisten Buden heizen grad erst den Grill an.
Meine Cam speichert 9:14, aber wir haben osteuropäische Sommerzeit, es ist also schon 10:14.

20260904_091404-gmp.jpg

Der Wechsel zu kahlem Hochgebirgscharakter erfolgt recht schroff.
Das obere Bild ist von 9:52, keine zehn Minuten später ist die Baumgrenze überschritten und die Landschaft komplett offen.

20260904_095951-gmp.jpg

20260904_100040-gmp.jpg

Ich hab' die Höhen aus dem Track per DEM rekonstruiert.
Der Anstieg erfolgt in diesen 10 min von < 1500 auf > 2000 Höhenmeter

transalpina-DEM.jpg

Die Transalpina bietet keine engen Serpentinen mit dichten Abfolgen von Haarnadelkurven, wie die Anspielung des Namens auf Hochalpen vielleicht erwarten ließe.
Die Steigung fügt sich recht gut gestreckt in die Landschaft ein.
Die Strecke fährt sich flott und mühelos.
Es bleibt genügend Zeit, Aug' und Sinn in die Schönheit der Landschaft schweifen zu lassen.
Aber eben wirklich 140 km kurvige km am Stück, perfekt nach meinem Motto:
"wenn man 5 min lang schneller fahren kann als 120, dann lief in der Tourenplanung was schief".

-----------

Für den späten Nachmittag ist Dracula auf dem Plan. Das Schloss Bran liegt wieder auf der Nordseite der Südkarpaten, wo ich am Morgen begonnen hatte.

Das Navi wollte mit freier Kurvennavigation gleich wieder quer über den Berg.
Ich hab' erst beim Nacharbeiten gesehen, daß es vielleicht in die Transfagarasan wollte, quasi die östlich parallele Schwester der Transalpina, die sich mit ihr um den Titel der schönsten Motorradstraße der Karpaten zankt.

Ich hatte in meinem ursprünglichen Plan eher eine diagonale Querung vorgesehen, und hab' deshalb einen extra waypoint gesetzt.
Wo? keine Ahnung... Dokumentation und Nachvollziehbarkeit ist nun wirklich nicht die Stärke des TomTom...
Tatsächlich hat es mich dann recht lange eher parallel im südlichen Vorgebirge fahren lassen - Strafe muß schließlich sein. Vielleicht gibt es ja wirklich nicht genug Kurven in der Diagonale - oder zuviele davon in den Dorfstrukturen an den tiefen Flanken.

Die Navigationsphilophien von "voraus planen" und "laß das Navi machen und genieß einfach nur" prallen aufeinander ... aber das war ja ein anderer Faden:
Wie kriege ich eine *.gpx-Route als Route in ein TomTom Rider 550?

Ja, auch hier wieder lange Ortsdurchfahrten, 45er Schnitt.
Aber im Gegensatz zu den Tiefebenen viel interessanter. Natur, Wirtschaft, Sozialstruktur.

Der absolute Kontrast zu den Agrarfabriken. Kleine Subsistenzwirtschaften, Traktoren die anmuten wie Spielzeug aus dem letzten Jahrtausend. Rinder- und Pferdegespanne auf der Straße, weidende Kühe, Schafe, Ziegen, und die allgegenwärtigen verwildernden Hunde, welche die Straße selbstverständlich als Bestandteil ihres Lebensraumes belegen.

Dazwischen wieder Villenviertel, dicke Autos, Werbetafeln von Medizin, Kommerz, High-Tech.
Rumänien scheint mir im ganzen Balkan das Land mit den stärksten Kontrasten. 100 Jahre zurück und 50 Jahre in die Zukunft liegen oft keine 500 m auseinander.

Und man lernt die alten Fahrschulweisheiten zu schätzen: Anhalten in halber Sichtweite.
Wenn man in der Transalpina die engen Kehren vermisst hat - in den Dörfern findet man sie.
Mit jeder Art von Überraschung dahinter.

Der Adrenalinkick war eine Haarnadel, bergauf, mit Schlaglöchern und einem Meter abfallendem / abgebrochenem Bankett an der Kurvenaußenseite. Ich peile souverän die Ideallinie zwischen diesen Widrigkeiten an. Dieweil von oben - bisher versteckt hinter einer betonierten Leitwand - ein Betonmischer hervorspringt - die sind ja nicht gerade für Spurtreue berühmt, wenn sich die Trommel im Kreuz dreht. Ich spür' in den Augen des Fahrers, daß er genau die selbe Idealline im Blick hat wie ich. Aber halt von oben, und so um die 50 x mehr Masse unter'm Hintern.
"Normative Kraft des Faktischen" kriegt plötzlich eine sehr unmittelbare Bedeutung.
Zwischen die Schlaglöcher durch bremsen, um mit Schrittgeschwindigkeit aus dem abgebrochenen Bankett auf den Randstreifen zu rollen testet die Reflexe - zum Denken ist die Zeit zu knapp.
Ja, auch Bescheidenheit will gelegentlich wieder trainiert werden. Morgen mehr dazu.


Irgendwann muß mich mein Navi dann doch wieder durch die Karpaten lassen, um zu Dracula im Norden zu kommen. Auch wenn es keine gehypte Strecke ist, und vielleicht die kahlen weiten Höhen der Transalpina fehlen - hundert km unendlicher Kurvenfolgen in weitgehend einsamer Landschaft sind allemal drin.

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Auch wenn die Stories dahinter kaum kontroverser sein könnten - der Touri-Tam-Tam um Dracula erinnert mich stark an den bayerischen Kult von Neuschwanstein und König Ludwig.

Schon 50 km vorher, noch in der Einsamkeit der Berge, zeigen erste Hinweisschilder auf Elemente und Wirkungsorte des sagenhaften Ungeheuers.

Da gibt es einen Dracula-Felsen ...

20260904_164723-gmp.jpg

... eine Dracula-Schlucht (deren Passage auch ohne Schauergeschichten im Kopf ein echtes Erlebnis ist)

20260904_162854-gmp.jpg

... und wer brav durch hält, kommt am Ende auch am Dracula-Schloss an:

20260904_172136-gmp.jpg

Und genauso wie es sich für einen ordentlichen bayerischen Wallfahrtsort gehört, gibts am Fuße dazu auch einen Jahrmarkt mit angemessenem Devotionalienhandel.
Vielleicht treff' ich ja mit meinen Enkeln den Punkt zwischen Kindergarten und Pubertät, wo sie so was echt reizt. Für mich alleine? Danke...

20260904_172746-gmp.jpg

Zum Glück gibts auch Koffeindealer, italienischer Provenienz, die mir mit einem leckeren Cappucino meinen Koffeinspiegel wieder auf fahrfähiges Mindestmaß heben.

Den Abend über quer ich nochmals die Ebene, aber schon in 500 m Höhenlage, in einer landschaftlich reizvolleren Ecke.

Mein Nachtquartier - an der Schwelle zur nächsten Karpatenquerung - erreich' ich schon im Dunkeln:
Pixel Guesthouse – Pixel Resort
Rein materiell ist alles perfekt. Sauber, ordentlich, gut PIN-gesichert zugesperrt.
Service per What'sApp.
Allein, die Seele hungert: "self-check-in" - der Mensch ist eigentlich schon fast nicht mehr im Konzept.

Funktioniert nicht reibungslos, aber Gott sei Dank sind Handy-Akku, Hartnäckigkeit, kleinster gemeinsamer sprachlicher Nenner, Roaming und Datenvolumen noch im grünen Bereich.
Zwar widerwillig, gibt mir der Betreiber dann zu später Stunde doch noch die Infos die ich brauche.
Zimmernummer, Schlüsselstandort und ähnlich sekundären Kleinkram...
Tarp, Schlafsack und Hängematte von Plan B können auf dem Moped bleiben.
... und sülzt am nächsten Tag per WhatsApp wieder um eine Top-Booking-Bewertung ... :ohnmacht:

OK, das balkanesische Türschließsystem hat mich 2 Stunden gekostet, um deutsche Zimmernachbarn zu finden, die es mir erklärt haben. Zu spät fürs Abendessen, grad noch rechtzeitig für ein gnädiges Gute-Nacht-🍺 zur Sperrstunde im örtlichen Spitzenrestaurant.
Wenn man's öfter macht oder länger da ist, kommt man sicher gut klar damit.
Für den täglich wechselnden Vagabunden bleibt es eine Herausforderung.

Dafür hab' ich mir von den Landsmännern, die zur Hochzeit einer rumänsichen Arbeitskollegin angefahren waren, ein paar weltmännische Planungshilfen abgeholt.
  • Ukraine, in 2026, allein, unter Zeitdruck, ohne Kultur- und Sprachkenntnisse, noch vor jeder Balkan-Erfahrung, wäre wohl wirklich nicht die beste Entscheidung gewesen.
    Trotzdem, die Waldkarpaten sind herrlich (es sprachen Skifahrer) und bleiben auf dem Wunschzettel.
  • "Türkei ist sch💩"
    nicht daß ich derartigen Rat für bare Münze nähme, aber es reicht, nochmal drüber nachzudenken.
    Ich habe mich auf die Kurvigkeit des TomTom eingelassen - und bereue es nicht.
    Der Preis ist eine Durchschnittsgeschwindigkeit eher bei 45 km/h als bei den anfänglich angesetzten 65. Und die Kurven brauch mehr km zwischen zwei Eckpunkten.
    Wenn ich mein Zeitlimit von "2 Wochen plus wenige Tage" nicht reissen will, und nicht stumpfsinnig auf der Autobahn zurück donnern will, dann muß der Bosporus von der Liste 😢
  • Warna und Burgas an der bulgarischen Schwarzmeerküste sind Touri-Höllen.
    Teutonen-Grill, quasi. Unter TUI-Hoheit.
    Kann man sich mal anschauen, aber wird man als Individualist nicht lieben.
  • Bansko als Ski-Ressort in Bulgarien ist eine Reise wert und liegt eh' auf meiner Strecke nach Griechenland
ja, der Abend hat sich gelohnt.
 
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