Zweiter Aufbruch – Tag 7
Dem Himmel so nah – oder - ca. 8 m Freier Fall
Es fängt an zu dämmern als ich zum ersten Mal aufwache.
Oh, ich liebe es so sehr. Die Nacht ist trocken geblieben, drum steht mein Zelt leer.
Ich hatte es am Abend zur Sicherheit aufgebaut, denn die Vorschau war nicht so ganz klar zu deuten. Heute ist mein letzter Tag hier in der Gegend. Am 16. August habe ich diesen zugesagten Arbeitseinsatz daheim.
Der Plan ist, die Heimfahrt über zwei Tage sehr entspannt angehen zu lassen.
Also morgen geht es los. Aber heute bin ich hier und will noch mal richtig tolle Sachen erleben.
Das wird passieren – aber anders als geahnt.
Wenn man nur am Morgen schon wüßte, wie der Abend endet, tja, dann würde man tagsüber vielleicht wo anders abbiegen.
Jedenfalls verbringe ich den Vormittag wie immer in Ruhe am Fluß.
7:44 h. Die Morgensonne küsst die Berge. Wenig Wasser im Fluß.
Der Wasserstand ändert sich ständig.
Und immer diese Herzchen-Steine - der hier ist leider etwas zu groß um ihn mit zu nehmen.
7:40 h. Die Blüten schützen sich vor der Kälte und der Feuchtigkeit der Nacht, denn wenn die Bienen kommen, muss alles frisch und trocken sein, sonst funktioniert der Abtransport nicht.
Es gibt für mich nix Schöneres, als mich dem Rhythmus der Natur hinzugeben und ihn auszusaugen bzw. genauer gesagt: mich von ihm aufsaugen zu lassen, mir Gedanken zu machen, wie die Dinge in der Natur funktionieren, bis ich mich selber wie ein Wassertropfen, noch auf meiner Haut vom morgendlichen Bad im Fluß, im Sonnenschein der Gedanken langsam erwärme, um den Aggregatzustand zu ändern, von flüssig zu gasförmig. Dann schwebe ich dahin, leicht wie eine Feder, steige geistig auf mit der warmen Luft in höhere Gefilde und bin mit allem im Eins-Sein verbunden. Oh, Du Höhenflug… Hunger macht sich bemerkbar. Major Tom Ground-Control.
8:40 h. Eine Stunde später ist der Nektar-Laden geöffnet.
Auf den Stein oben links habe ich mich ganz besonders gefreut. Hatte ihn die Woche davor liegen lassen und möchte ihn jetzt aber mit heim nehmen. Die anderen sind netter Beifang.
Die Vorräte im Küchenkoffer sind aufgebraucht. Also erst mal zu Lidl. Habe ich schon mal berichtet, wie geil Lidl-Italien ist? Die haben dort die Landesfarben im Lidl-Logo.
Das ist in Deutschland undenkbar oder vielleicht sogar irgendwie verboten…
Naja, anderes Thema, dafür gibt es ja zum Glück hier endlich einen speziellen Tröt.
9:40 h. Die Sonne steht schon hoch am Tag, jetzt mal hopp.
9:56 h. Wasser kommt, die Badewanne läuft wieder voll.
9:40 h. Mit aller Kraft werden jetzt die Blätter zurück gezogen, um den Bienen den Pollen zu präsentieren. So geht das Spiel jeden Tag, an dem die Sonne scheint.
Da ich ja morgen heim will, habe ich heute gar nicht mehr die Möglichkeit groß weiter nach Süden vorzudringen. Egal, dann mache ich mir noch einen voll relaxten Tag oben am C.d. Finestre.
Erst mal wieder Frühstück in Susa. Danach wie gestern mit einer zunehmend bemerkbaren Routine die geniale Strecke bis nuff zum Paß.
Als ich an der Stelle von Gestern vorbei komme und mir die Situation nochmal vor Augen führe, kann ich es echt nicht fassen. Voll blockiert im Kopf.
Jedenfalls sitzt ich ohne weitere Zwischenfällt nun oben am C.d.Finestre und lasse den Blick in die Ferne schweifen.
Ich spiele Melodien, werde von Fremden dabei gefilmt, lerne eine Italienerin mit ihrem Sohn kennen, mache mir mehrere leckere Schnittchen, fühle mich sau-wohl.
So einen schönen Urlaubsabschluß, da hatte ich schon andere Dinge erlebt am letzten Tag.
Aber der Tag ist ja auch noch nicht rum.
14:37 h. Bei Lidl gibt es leckeres Herzchen-Brot.
Ach lieber Gott, wie ich diese Aussicht liebe.
Manche brauchen Fünf Sterne und Animations-Programm, ich brauche nur Sonne und meine Ruhe.
Musik mache ich selber - oder: Hier spielt die Musik.
Mensch, hat der ein Glück, dass er hier daheim ist.
Irgendwann beschließe ich für dieses Jahr hier oben Schluß zu machen, packe meine sieben Sachen zusammen. Der Nachmittag ist so entspannend verlaufen.
Ich bin noch wie
benebelt, glücklich, zufrieden. Uffbasse.
Schon sitze ich wieder auf meinem Krokodeel, tucker erst ganz gemütlich los, die ersten Meter in die falsche Richtung, fahre einen Bogen oben am Platz, um zu wenden, verabschiede mich innerlich von diesem schönen Fleckchen Erde, den ich so liebe.
Rufe ein Ciao in die Runde , drehe am Gas, los geht’s runter nach Susa…
Erster Gang, zweiter Gang…
Habe ich Euch eigentlich schon mal von meiner Angewohnheit berichtet, dass ich eigentlich bei jedem Losfahren kurz einen kleinen Bremsencheck mache?
Dabei zupfe ich kurz am Bremshebel der Vorderradbremse, um zu checken, dass sie ordnungsgemäß funxt. Ja, so mache ich das eigentlich immer, wenn ich losfahre, so dass es schon völlig ins Unterbewußtsein übergegangen ist.
So tue ich es auch jetzt.
Aber was jetzt passiert, lief so dermaßen schnell ab, dass mir echt in Erinnerung immer noch der Mund offen bleibt.
Also ich zupfe an der Vorderradbremse.
Da sich die aber durch den Sturz gestern irgendwie im Ansprechverhalten verändert hat, blockiert das Vorderrad, mich haut es dermaßen auf die Fresse, dass ich es gar nicht so richtig schnalle…
Das erste Bild, das ich wahrnehme ist dieses…
Ohne meinen Schatte natürlich
und die Brennweite der Augen sagt mir, das sind ca. 6 m Entfernung.
Hä?... ich checks grad nicht...
BUMM bekomme ich einen Schlag, wie von einem Amboß auf den linken Stiefel…
und das nächste Bild, das ich sehe ist die graue Steinmauer und der blaue Himmel.
Ja sag a mol, was geht denn hier?...
Und Plumps schlage ich am Rücken liegend, in den schrägen Hang in die Büsche ein.
Mein Blick geht in den blauen Himmel… Mir ist nicht ganz klar, wie und was???
Jedenfalls höre ich Menschen rufen. Ah, ja, dort oben am Pass waren so ca. 10 – 15 Personen, die jetzt alle in heller Aufregung sind, angelaufen kommen und wissen wollen wie und was passiert ist.
Ich checke mich kurz durch, ich habe nix und lasse ebenfalls einen Freudenschrei.
Schon schauen von oben an der Mauer einige Leute zu mir runter und rufen und wollen helfen.
Nee, alles gut. Nix passiert… ich rappel mich auf.
Da rufen sie mir zu, dass mein Tankrucksack auch unten liegt.
Wäre schlau, den gleich mit hoch zu nehmen. Klar macht Sinn.
Musste Dir mal vorstellen. Bin dort oben mit der Karre hingefallen, dass sie mich so dermaßen abgeworfen hat, dass ich kopfvoraus im hohen Bogen über die Mauer geflogen bin, dann hat mein linker Stiefel die Mauerkante touchiert, dass ich mich im Flug komplett gedreht habe und daraufhin auf dem Rücken gelandet bin. Nix passiert ansonsten, ich fasse es nicht.
In der Nähe ist auch gleich eine kleine Treppe für Wanderer um die Felsmauer zu erklimmen. Na, da bietet sich doch an.
Ich gehe die Treppe hoch und merke: Oh, mein rechter Knöchel tut gewaltig weh.
Aber ansonsten habe ich nix passiert.
Dort unten, so ungefähr so 10 Uhr von meinem Schatten, wo das Gebüsch ein wenig schattig ist, bin ich sanft zum Liegen gekommen.
Oben steht mein Motorrad auch schon wieder auf den Rädern. Jemand hat es aufgehoben.
Das Smartphone hängt noch am Ladekabel mit zerbrochenem Display, aber noch lesbar und funktioniert. Ich setze mich erst mal um den Schock zu verdauen.
Kann ich überhaupt fahren mit dem Knöchel. Ja, wird klappen, denn es sind nur die Bänder für die Außenrotation gezerrt. Die Bewegung für rauf und runter, wie man es zum Schalten braucht, funktioniert.
Aber ich bin voll ab genervt. Was für ein dämliches Ende dieses Urlaubs.
Ok, das Motorrad ist ok, ich bin fast ok – hätte ja auch gleich mal tot oder querschnittsgelähmt sein können. Dann doch lieber so wie es ist und dankbar sein. Nach ca. 10 Minuten bin ich startklar und will nur noch runter ins Tal.
Ich fahre diesen schönen Pass im Schneckentempo runter.
Mir langt es, habe echt die Schnauze voll von meinen Touren. Frage mich, ob ich das weiter machen soll, oder besser bleiben lassen, ob es nächster Mal vielleicht im Total-Unglück endet.
Naja, was will ich sagen, mit jedem gefahrenen Kilometer, sackt der Schreck-Adrenalin-Pegel ein paar Promille weiter runter.
Auf meiner Karte mit den tollen Endurostrecken habe ich noch ein weiteres Schmanckerl für heute auf dem Zettel gehabt. Jetzt, mit dem Schmerz im Knöchel, möchte ich mir nur mal die Gegend dort anschauen.
Ich war ja schon ein paar Mal hier, aber dieses Gebiet ist mir bis jetzt total entgangen. Es dreht sich um die Alp d´Arguel südwestlich von Susa. Man kann über einen Abzweig vom C.d.Finestre dort hin gelangen und muss nicht erst wieder ganz runter bis Susa.
Geniale liebliche Landschaft, so ne Art Ski-Gebiet. Es ist sofort klar, dass ich dann halt nochmal in diese Region kommen muss. Warum auch nicht? Die Anfahrt ist kurz, falls was passiert bin ich nicht am Arsch der Welt und es gibt hier immer noch so viel zu entdecken.
Trotz aller Begeisterung für dieses neue Revier in meiner alten Heimat, merke ich doch sehr deutlich, dass die Luft raus ist.
Mein Knöchel tut gewaltig weh. Für heute langt es mir.
Da entdecke ich eine ganz altes uriges Hotel oder Stübel und setze mich dort erst mal hin, um auszuruhen.
Einige Eindrücke der Reise ziehen an mir vorüber und später esse ich dort zu Abend.
Die Lasagne hatte leider viel zu wenig Nudelschichten für meinen Geschmack. Aber heute hatte ich andere Probleme.
Wie jeden Abend fahre ich raus in die Natur auf meinen bekannten Platz am Fluß, baue auf allen Vieren mein Zelt auf, der Knöchel ist böse gezerrt.
Gebrochen ist nix, habe ihm mir beim Aufschlag aber gewaltig nach außen verdreht…
Pfeife mir noch zwei Diclos aus meiner Reiseapotheke rein und schlafe schmerzfrei ein.
Gute Nacht
Schaut mal, was es hier noch alles zu entdecken gibt, nur in dieser kleinen Eckt.
Vieles kenne ich schon, aber bei Weitem noch lange nicht alles.
Auf die 28 freue ich mich schon gewaltig im kommenden Jahr.
Vale Argentera, wie das schon klingt?, soll ein geniales Tal sein, flach, weit unspektakulär, aber dennoch einzigartig.
Und wenn´s flach ist, kann man nicht tief fallen.