Aber warum kommen Menschen auf solche "Verschwörungstheorien"?
Ich glaube an ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren.
1. Die vordemokratische Zeit ist für viele schon zu lange her, als dass man verinnerlicht, wie gut es uns eigentlich geht - materiell sowie in Bezug auf Freiheit und Gesundheit. In der Nachkriegszeit hat man sich noch freuen können, endlich genug zu essen zu haben oder tun und lassen zu können, was man wollte - heute sehen wir das als selbstverständlich an, und manche wissen das einfach nicht mehr zu schätzen.
2. Das Internet. Was ursprünglich auf eine ultrademokratische Entwicklung hoffen ließ - jede*r konnte nun an Informationen gelangen bzw. diese frei verbreiten - hat in manchen Bevölkerungsschichten zu einer Verwundbarkeit gegenüber Desinformation geführt. Im Netz wimmelt es von Leuten, die für Regimes (u.a. Russland) oder aus eigener Gewinnabsicht (Klicks, Fame) Fake News einstellen, die von manchen Leuten, die den ganzen Tag am Handy sitzen, dankbar aufgenommen werden.
3. Es gibt politische Kräfte (ganz vorne dabei die AfD), die diese Entwicklung erkannt und aufgegriffen haben. Sie hauen deshalb stets in dieselbe Kerbe: Misstrauen schüren gegenüber Staat und Medien, stattdessen das Angebot der alternativen "einzigen Wahrheit".
4. Corona. Ob es daran lag, dass die Menschen nun noch mehr Zeit im Internet verpimmelten? Ich weiß es nicht. Ich glaube aber daran, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen Menschen, die der "Schulmedizin" nicht trauen, und denen, die Wissenschaft und Expertenmeinungen insgesamt anzweifeln, an Chemtrails und Echsenmenschen glauben sowie dass die Welt und die Medien von einer geheimen Elite gesteuert werden, u.a. bis in die Redaktionsstuben der kleinsten Wochenzeitung.
5. Der Osten. Ich gebe zu, dass ich die dortige Entwicklung nicht ganz verstehe - eigentlich konterkariert sie meinen Punkt 1, denn die Menschen dort müssten sich eigentlich noch daran erinnern, wie es ist, in einer autoritären Gesellschaft zu leben - und dass die meisten das nicht geil fanden. Meine Theorie: Es gab damals eine (berechtigte) Skepsis dem Staat und den staatlichen Medien gegenüber - der jetzige Verschwörungsglaube ist vielleicht ein Ausdruck dessen, dass diese irgendwie in unsere Zeit mit hineingetragen wurde?
Auch glaube ich, dass die Menschen im Osten sich (wiederum berechtigt) von vielen Westlern nicht ernstgenommen fühlten - da fasse ich auch gerne an meine eigene Nase, denn ich versuche auch heute noch ganz bewusst, meine erlernten Vorurteile gegenüber den Ostdeutschen abzulegen, einfach aus dem Grund, dass sie (also die Vorurteile) dumm und ungerecht sind.
Das Gefühl, belächelt zu werden, ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür, warum viele Jahre lang die PDS/Die Linke im Osten so starke Ergebnisse eingefahren hat so wie nun die AfD - für manche ist dies ein Ausdruck einer ostdeutschen Identität - man will es denen im Westen jetzt mal richtig zeigen.
Zusammengefasst: Das ist alles verständlich - aber NIEMALS ein Grund, eine Partei zu wählen, in der Identitäre und Neonazis einen entscheidenden Einfluss haben.
Wer es nicht glaubt, der "informiere sich umfassend" darüber, woher die Leute stammen, die der AfD-Spitzenkandidat Siegmund um sich schart.