Zweiter Aufbruch – Tag 8
Mir langts… ich will heim.
Noch während der Nacht merke ich mein Entsetzen
Was gestern passiert ist, übersteigt alles bisher Erlebte.
Wie konnte ich einerseits nur so dämlich sein,
auf der anderen Seite, was für ein unbeschreibliches Glück.
Der Schock sitzt jedenfalls tief und mir ist richtig schlecht.
Der Knöchel tut noch weh, aber bei Weitem nicht mehr so kraß wie gestern.
Aber ich kann gerade nix genießen.
Bin voll angefressen über meine Blödheit und wie arg ich alles was ich habe, meine Gesundheit, so aufs Spiel setze…
Es wird heller und es wird wärmer. Aber heute ist alles so bäääh.
Ich will heim, habe keinen Bock mehr auf Motorradfahren.
Will nur gesund daheim ankommen und dann Strich unter diese Tour machen.
Ich komme wieder, in diese geniale Region, soweit ist klar.
Ich werden die gleichen Strecken fahren, wie schon so oft, aber es muss anders laufen.
Irgendwas muss anders laufen, sonst kracht es mal so richtig.
Ich belade mein Krokodeel und fahre los. Kein Bock auf Frühstück, keine Lust auf Susa.
Bloß nicht dem Colle delle Finestre zu nahe kommen.
Ich will in einem Rutsch heim, Autobahn und durch. Nur weg hier. Fahre auf die Straße nach Turin.
Bin noch nicht lange unterwegs, als ich merke, wie ich auf der Flucht bin.
Auf der Flucht vor hier, auf der Flucht vor mir. Gehe vom Gas und fahre rechts ran…
Muss mal mit nem guten Freund telefonieren. Zum Glück erreiche ich Günter und er nimmt sich auch Zeit für einen Plausch. Er gehört zu den wenigen Leuten, die mich durch ihre Gedanken in meiner Stimmung runter bringen können. Am Ende des Gesprächs bin ich klarer. Macht nämlich absolut keinen Sinn, mich jetzt abzusauen, für das was passiert ist. Besser ist, besonnen weiter nach vorne zu blicken. Ich bleibe nach dem Telefonat noch kurz stehen, bevor ich wende und wieder Richtung Susa fahre.
Als ich an einer langen Mauer vorbei fahre ist irgendwie klar, dass dahinter ein Friedhof ist.
Paßt mir gerade von der Stimmung und ich halte an und betrete das Gelände.
Die Gräber sind sehr interessant, italienischer Totenkult, einige sind echt riesig und imposant.
Da sitze ich nun so ne halbe Stunde und ich merke, wie ich ruhiger werde.
Ok, echt wieder mal bis auf Messers Schneide ausgereizt. Hoffentlich wird es mir eine Lehre sein.
So fahre ich weiter nach Susa, um dort im Cafe del Sole mein Frühstück, Kaffee und Eis, zu genießen.
Als die Zeit reif ist, fahre ich ganz gemütlich hoch zum Lac du Mont Cenis zum verlassenen Dorf.
Auch hier halte ich an meinem Platz an, setze mich in den Schatten und schau Löcher in die Luft.
Während ich so die Gedanken fliegen lasse, sehe ich über der Staumauer zwei Gleitschirmflieger. Immer wieder fliegen sie schräg vor der Mauer hin und her und sind auf der Suche nach der erhofften Thermik.
Der 9/11 vom Mt. Cenis - Gleitschirm rammt Kirchturm.
11:34 h. Die Gleitschirmflieger erinnern mich an meine Vergangenheit und beflügeln meine Gedanken.
Da ich selber mal Gleitschirmflieger war, kann ich mich sehr gut in die Beiden reinversetzen und erinnere mich an meine aktive Fliegerzeit. Das Hobby war der Grund, mich 2008 selbständig zu machen.
Das war ne verrückte Zeit, 330 Flüge in nur drei Jahren und durch dieses Hobby meinen besten Kunden kennengelernt. Dann einen Startfehler und Beckenbruch. Zum Glück ging auch das alles ohne bleibende Schäden an mir vorüber.
Irgendwann ist für mich aber auch dieses Fleckchen Erde ausreichend ausgekostet, so dass ich mich wieder auf mein Korokodeel setze und weiter Richtung Heimat fahre.
Wie weit ich heute will, habe ich garnicht so genau auf dem Zettel. Einfach fahren und den genießen.
Als ich durch Lanslevillard fahre, kommen Erinnerungen hoch. Was für geile Reisen ich schon gemacht habe.
Meine Gabe ist es, immer wieder die gleichen Gegenden anzufahren und sie wie neu zu erleben.
So wie es beim letzten Mal war, wird es nie mehr, weil andere Tageszeit, somit anderes Licht, anderes Wetter, somit andere Stimmung, andere technische Probleme oder auch mal keine und einfach nur reisen und genießen. Für mich ist es nicht öde, nur weil ich hier schon mal war.
Diese feinen Details und Nuancen bereichern für mich das Bild und den Moment.
Zur Bremse sei noch gesagt: Keine Ahnung, was da im Detail genau abgelaufen ist.
Die Bremse funktioniert jedenfalls vertrauenswürdig. Nix mit krummer Bremsscheibe oder so. Sie kommt halt jetzt direkt und mit hoher Bremswirkung, wie ich es noch nie hatte. Der Bremshebel liegt auch nicht innen am Handprotektor an. Das ABS blinkt, aber sie blockiert nicht, wenn man sie wohl dosiert bedient.
Außerdem sagt jemand, der sich auskennt:
Als ich auf dem Col de lÍseran unterwegs bin, haut mich die Landschaft wieder so um.
Für mich ist diese Landschaft einfach der Knaller. Später komme ich an einem weiteren meiner super Schlafplätze vorbei, in der Nähe von Ste.Foy-Tarentaise.
Für heute paßt es vom Timing jedoch nicht. Also fahre ich weiter nach Seez.
Dort biege ich ab auf den Col du Pt. St. Bernard. Habe ich schon erwähnt, dass ich diese Landschaft so liebe… Aber mittlerweile deutlich zu erkennen, das Wetter wird schlechter…
Je weiter ich fahre, desto schlechter wird es…
Mal die Wetterapp checken. So wie ich das sehe, sollte eigentlich alles knapp ausgehen.
Das Zentrum der Gewitterzelle, in deren Ausläufer ich gerade reinfahre, liegt nicht auf meinen direktem Weg und die Vorschau zeigt, sie zieht nach Osten.
So habe ich die Hoffnung, da mein Weg ein Stück nordöstlich geht, dass wir uns, wenn überhaupt, nur streifen. Also lieber langsam machen, damit sich das Wolkenmonster vom Acker machen kann.
Mittlerweile ist der Plan für heute klar. Ich will nur durch die Schweiz durch und bis nach Deutschland. Von mir aus die erste Ausfahrt nach der Grenze runter von der Autobahn und dann was zu Futtern und einen Schlafplatz suchen.
Als ich in Courmayeur bin, muss ich eine kleine Pause einlegen, um dem Unwetter nicht zu nahe zu kommen.
Es hängt schon Feuchtigkeit in der Luft, so dass ich lieber langsam mache.
Als ich die urige Gaststätte in C. sehe muss ich anhalten für nen Kaffee.
Ich genieße die letzten Momente in Frankreich. Gleich bin ich in der Schweiz.
Ei fein und schau, was es auf der Karte gibt. Jogurt mit Nutela… lange Zeit mein ultimatives Süßerl, wenn ich nachts aufwache und nicht einschlafen kann. Eine Dosis davon und ich kann wieder pennen.
Dass ich das hier auf der Karte finde, gefällt mir außerordentlich gut, denn ne Freundin von mir meinte mal, dass sie die Kombi eklig fänge. :-) Ist halt nicht jeder mit dem Gleichen glücklich.
16:46 h
Weiter geht’s links ab zum Mt. Blanc, aber kurz vor dem Tunnel komme ich voll ins Unwetter.
In vorauseilendem Gehorsam habe ich schon meinen Regenmantel angezogen.
Also heißt es wieder: Abtauchen auf Seerohrtiefe und durch. Vor dem Tunnel ist ein riesen Stau und voll der Platzregen. Ich fahre hochkonzentriert zwischen den Autoschlangen durch und selbst die Polizei drückt ein Auge zu und winkt mich weiter.
Im Tunnel ist es so schön warm und trocken. Immer schön an die Geschwindigkeit halten, alles wird überwacht. Drüben auf der anderen Seite geht die Welt unter. Shit, dass hatte ich mir anders erhofft. Nützt nix, also weiter Tauchfahrt. Aber schon nach ein paar Kilometern bin ich unter der Gewitterzelle hervor getaucht und fahre bei bestem Wetter.
Kannst´e Dir nicht vorstellen, diesen spontanen Wetterwechsel.
Also schnell den Regenmantel ausgezogen und immer tiefer führt sie Straße nach Chamonix.
Der Blick in die Ebene ist jedes Mal gigantisch für mich. Die Stadt glänzt noch von der Nässe, aber jetzt durch die strahlende Sonne blitzen mir die frischen Farben entgegen. Unten am ersten Kreisel wird die Straße Richtung Argientere hoch in die Berge von der Polizei gesperrt, wegen Unwetter.
Puh, was für ein Glück, dass das nicht meine Richtung ist und dass ich das nicht so massiv abbekommen habe.
Vor dem Tunnel habe ich ja das Faß voll gemacht, so dass es jetzt ohne Stop durch die Schweiz kommen sollte.
In Martigny geht es auf die Autobahn. Also Tempomat rein und laufen lassen.
Aber die BMW R1150 GS-Q hat doch gar keinen Tempomat.
Stimmt, gedanklich meinte ich das - den Autobahn-Modus im Handgelenk.
20:27 h. Somit ist es noch auf einem Schweizer Rastplatz.
Der Magen knurrt, dass mir Angst und Bange wird. Also erst Mal was futtern.
Kurz vor Basel schaffe ich es doch glatt noch mich zu verfahren.
Es war schon dunkel und irgendwie habe ich es geschafft, Richtung Zürich abzubiegen.
Jetzt fällt es mir wieder ein, wie es dazu kommt. Da ist Lörrach ausgeschildert, da wollte ich hin, aber nicht über den Bogen der Züricher Autobahn. Total nervig, also sofort umdrehen. Nein, natürlich nicht über die Leitplanke, sondern an der nächsten Ausfahrt und die ca. 4 km zurück.
Schwupps durch Basel durch und raus aus der Schweiz.
Hunger, dunkel, kein Schlafplatz, super, wird lustig.
Fahre nach ca. 15 km in Deutschland von der Autobahn runter in den nächsten Ort.
Hoffe auf was warmes zu essen. Erste Gaststätte: „Die Küche hat schon zu. Aber die Sportgaststätte dort hinten hat bestimmt noch was“. Also dort hin. „Nee, die Küche hat schon zu“.
Mit hungrigem Magen kann ich nicht schlafen, das weiß ich. Nur an eimem Tisch sitzen ca. 10 junge Männer und palavern über ein Fußballspiel. Nicht mein Thema, aber mitten auf dem Tisch liegt eine ¾ Pizza, die aber niemand mehr anrührt. Ich beobachte das nen kurzen Augenblick aus dem Augenwinkel, bis mich der Hunger zur Frage treibt: Männer, ich habe ein Problem, hier gibt es nix mehr zu futtern, aber was ist denn mir der Pizza? Was wollt ihr dafür haben?
Ja, es gibt auch Dinge, die mir peinlich sind, dieses Erlebnis gehört definitiv dazu. Aber was willst machen, verhungern, während dort ne Pizza rumliegt, die anscheinend keiner will? Einer von denen ergreift sofort das Wort für Alle und meint: „Nee, nimm mit das Ding, die will hier eh keiner mehr“.
Alter wie geil, ich habe ne ¾ Pizza… Das langt, um heute Nacht nicht zu verhungern.
Kann mir vorstellen, wie wohl die Mehrheit von Euch wieder Mal den Kopf schüttelt.
Ey, ich kann´s sogar verstehen.
Egal, noch ein Spezi bestellt und die Sache mit dem Abendessen hat doch auch vorzüglich geklappt.
Dann inspiziere ich die Gegend mit Google-Maps. Irgendwo hier ist ein genialer Schlafplatz. Ich muss ihn nur noch finden und das heute sogar im Dunkeln. Dafür habe ich die Karte so weit ran gezoomt, das ich jeden Feldweg erkenne. Plötzlich sehe ich einige Straßen von denen Wege abzweigen, wo mein Hotel sein könnte.
Lange Rede ohne Sinn, finde im Stockdunkeln ein sickes Plätzchen.
Einfach einen Feldweg zwischen zwei Feldern rein gefahren und hinten am Ende vom Feld in der Ebene die Schlaftüte auf die Isomatten geworfen. Die Nacht ist voll warm, nix Zelt.
Genug für heute,
Blick in die Sterne,
Erleichterung,
Dankbarkeit.
Gute Nacht.