Verhältnis zur Gefahr
Machen wir uns nichts vor, Motorradfahren ist gefährlich. Viel gefährlicher als Autofahren und noch viel gefährlicher als Zugfahren. Motorradfahren ist auch eine relativ extrovertierte Freizeitbeschäftigung. Der Anteil der Fahrer, die Zubehör nach optischen Gesichtspunkten kaufen bzw. ihrem Vehikel optische Modifikationen angedeihen lassen, dürfte bei Motorrädern um ein Vielfaches höher sein als bei Autos.
Ich finde es eigentlich ganz begrüßenswert, dass beim Motorradfahren die Eigenverantwortung (noch) relativ groß geschrieben wird. Jeder Motorradfahrer kann/soll/darf selbst entscheiden, welchen Stellenwert er seiner persönlichen Sicherheit einräumt. Die Sicherheitsvorschriften, die im Moment gelten, sind im grunde ziemlich marginal: Man muss einen Helm tragen (es ist noch nicht mal konkret eine Schutznorm festgeschrieben) und man muss auch bei Tage Licht anschalten. Der Rest liegt bei einem selbst. Wowereit!
Hier in diesem Thread wurden Leute, die permanent mit Warnweste auf dem Bock sitzen, als "Schisser" bezeichnet, und ich finde, da ist etwas dran. Ich selbst fahre seit gut vier Jahren Motorrad und würde mich selbst als relativen Anfänger und als relativ langsamen Fahrer bezeichnen - will meinen, wenn mich ein routinierter Motorradfahrer im kurvigen Geläuf abhängen will, dann schafft er das auch, egal wie ich mich anstrenge. Schneller kann ich es eben noch nicht bzw. traue ich mich nicht. Ich bin noch nie(!) von einem Warnwestenträger überholt worden, habe meinerseits aber schon zahlreiche überholt. Sie fahren immer überkorrekt, als wenn sie noch in der Fahrschule sind. Und sie machen nicht den Eindruck, als wenn sie sich bei dem was sie tun, wohl fühlen und entspannt sind.
Interessanterweise gibt es Warnwesten auch in anderen Sportbereichen, zum Beispiel beim Segeln. Auch da gibt es Leute, die grundsätzlich immer eine Schwimmweste tragen und die von ihren Kindern ebenso kategorisch das Tragen einer Schwimmweste verlangen, wie heute unter Kindern offensichtlich das Tragen von Fahrradhelmen Pflicht geworden ist. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Segeln und Motorradfahren: Selbst wenn man vor Angst kurz vorm Freakout ist, kann man ganz passabel segeln, während Panik am Lenker die Linie versaut und den Motorradfahrer unsicher werden lässt.
Deshalb kann man schon die Frage stellen: Wenn einer dauernd Schiss hat, vom Bock geholt zu werden, warum tut er sich das dann überhaupt an und kauft sich nicht statt dessen ein Cabrio? Natürlich ist es in diesem Zusammenhang blöd, dass seit gefühlt 20 Jahren schrille Farben bei Motorrädern auf dem Rückzug sind. Um 1980 war ein orangefarbener Helm und eine gelbe Lederkombi in Mode, da hat man das angezogen, weil Alarmfarben halt gerade in waren - und gut zum lauten Auspuff passten. Aber heute muss immer alles einen Sinn ergeben. Und ich glaube, da liegt der Hase im Pfeffer: Durch die Vernunftbrille betrachtet ergibt Motorradfahren keinen Sinn - auch wenn man sich anzieht wie ein Rettungssanitäter.